Zürcher Forscher skizzieren düsteres Bild der Medienlandschaft

Die Schweizer Medien werden immer mehr von Gratistiteln, Unterhaltung und Infotainment dominiert. Dies ist der Befund des Jahrbuchs zur Qualität der Medien.

Infotainment: Gratisangebote sowohl im Print als auch im Online haben die grösste Reichweite.

Infotainment: Gratisangebote sowohl im Print als auch im Online haben die grösste Reichweite. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Seit fünf Jahren erhebt das an der Universität Zürich angesiedelte Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG) jährlich die Qualität der Schweizer Medien. Zu einem derart besorgniserregenden Befund wie dieses Jahr ist es bislang noch nicht gekommen. «Es herrscht die Diktatur der Reichweite», sagte FÖG-Stiftungsratspräsident Kurt Imhof gestern bei der Präsentation des Jahrbuchs. Gratisangebote in Print und Online, die auf rasch konsumierbares Infotainmet setzten, wiesen mit Abstand die grösste Reichweite auf. Sie verdrängen laut Imhof die Kaufangebote mit klassischem Informationsjournalismus. Diese Entwicklung werde durch den wachsenden mobilen Medienkonsum verstärkt. Unterwegs würden weniger anspruchsvolle Medieninhalte bevorzugt.

FÖG-Co-Leiter Mark Eisenegger ortete gar eine «Erosion der journalistischen Berufskultur». Um Renditen im Informationsjournalismus aufrechtzuerhalten, erfolge neben zahlreichen Sparrunden eine «Industrialisierung und eine Marketingsteuerung der Newsproduktion». Redaktionen verlören mitsamt ihren Ressortspezialisierungen an Bedeutung zugunsten «neuer Werkhallen des Allroundjournalismus». Imhof selbst konnte es sich nicht verkneifen, Newsrooms als «journalistische Verrichtungsboxen» zu bezeichnen. Innerhalb der journalistischen Berufskultur rege sich zwar etwas mehr, insgesamt aber immer noch wenig Widerstand gegen diese Entwicklung.

Weniger Einordnung

Fragt sich, wie das FÖG zu dieser verheerenden Bestandesaufnahme kommt. Grundlegend ist eine Qualitätsanalyse der nach Sparten aufgeteilten Medienprodukte. Als Qualitätsmerkmale gelten Relevanz, Vielfalt an Themen, Akteuren und Meinungen, Einordnung, Sachlichkeit sowie Quellentransparenz. Gemäss FÖG hat insbesondere die Einordnungsleistung der Medien von 2010 bis 2013 stark abgenommen. Zugenommen habe hingegen die Tendenz, dass ursprünglich vom Boulevard berücksichtigte Themen auch von Qualitätstiteln aufgenommen werden und sich zu «Medienhypes» entfalten. Exemplarisch für das Jahr 2013 sei dabei der Fall Carlos.

Am meisten Beachtung erhalten laut FÖG Themen, die moralisch-emotional aufgeladen werden. Entsprechen erzielten diejenigen Akteure am meisten Resonanz, die ihre Themen stark auf Gegensätze zuspitzen und Differenzierung vermeiden. Konkret bedeutet das, dass die SVP am meisten Beachtung findet. 2013 entfielen 37 Prozent der Nennungen von Parteien in den Medien der Deutsch- und Westschweiz auf die SVP, 20 Prozent auf die SP und 16 Prozent auf die FDP. Dahinter folgen CVP (13 Prozent), Grüne (7 Prozent), BDP (4 Prozent) und Grünliberale (2 Prozent).

Laut FÖG wird der Trend zu mehr Unterhaltung und weniger Informationsjournalismus durch die sozialen Medien verstärkt. Annähernd drei Viertel der 2013 viral am meisten verbreiteten Beiträge waren Softnewsbeiträge. Zudem wiesen jene Newssites die grössten Zugriffsraten aus den sozialen Medien auf, die auf Infotainment setzen.

Debatte um Medienförderung

Beschleunigt wird die «Negativspirale Reichweite versus Qualität» gemäss den Forschern durch das Verhalten der Werbebranche. So komme fast jeder dritte Franken, der für Werbung in den 45 grössten Schweizer Zeitungen ausgegeben werde, aufgrund der hohen Reichweite den vier Gratiszeitungen «20 Minuten», «20 minutes», «20 minuti» (die wie der TA zu Tamedia gehören) sowie dem «Blick am Abend» zugute.

Laut Mark Eisenegger rufen die Befunde nach medienpolitischen Massnahmen. Die strukturelle Krise und der vom FÖG konstatierte Qualitätsverlust seien Probleme, die die Medienkonsumenten als Bürger eines demokratischen Gemeinwesens betreffen. Das FÖG ­begrüsst deshalb die Diskussion, die die neue Eidgenössische Medienkommission unlängst zur Frage der Medienförderung lanciert hat.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2014, 21:03 Uhr

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