Zürcher Lehrer wollen störende Schüler auf die «Insel» schicken

Die Schulinseln dienen als «Time Out»-Räume für Störenfriede und sollen die restliche Klasse entlasten. Nun fordern Lehrer eine flächendeckende Einführung.

In der Schulinsel finden die Schüler eine beruhigende Umgebung, ein offenes Ohr. Fotos: Sabine Bobst

In der Schulinsel finden die Schüler eine beruhigende Umgebung, ein offenes Ohr. Fotos: Sabine Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wer die Insel sucht, muss der Palme und der Sonne folgen. Doch abgesehen von der Bastelarbeit an der Eingangstüre hat die Schulinsel im Stadtzürcher Schulhaus Luchswiesen nichts mit Ferien gemein. Hierhin, in die ehemalige Hauswartswohnung, kommen Schüler, die eine Pause vom Unterricht brauchen. Die das Geschehen im Klassenzimmer stark stören. Oder die Konflikte mit anderen Kindern haben.

Am frühen Montagmorgen ist es noch ruhig in der Schulinsel. Eine Zweitklässlerin klingelt an der Türe. Ihre Klassenlehrerin hat sie geschickt. Sie hat Kopfschmerzen und legt sich auf das Sofa in der Ecke des Arbeitszimmers. Nach der Pause wird dann eine Viertklässlerin während zweier Lektionen am aktuellen Schulstoff arbeiten. Sie besucht die Insel seit ein paar Wochen regelmässig, weil ihr Verhalten eine Vollzeitteilnahme am Unterricht erschwert. Für den Nachmittag sind acht Mittelstufenschüler im Insel-Plan eingetragen. Sie werden im Gruppenraum für die Gymi-Prüfung büffeln.

Eine Folge der Integration

Neben diesen fixen Terminen kann es jederzeit spontan ­klingeln an der Tür, denn die Schulinsel ist ein kurzfristiges, flexibles Angebot für das ganze Schulhaus. Schüler, die aus unterschiedlichen Gründen zu viel Aufmerksamkeit von der Klassenlehrperson beanspruchen, finden hier eine beruhigende Umgebung, ein offenes Ohr, eine enge Betreuung. Ausser an zwei Nachmittagen ist in der Schulinsel stets eine ausgebildete Lehrerin präsent. Bis zu zehn Kinder kann sie gleichzeitig betreuen. Die Kosten für diesen Dienst sind tiefer als jene einer Vollzeitstelle, weil die Vor- und Nachbereitungszeit wegfällt.

Entstanden ist das Angebot im Zuge der integrativen Schulung, wie Luchswiesen-Schulleiter Christoph Jäggli sagt. Dieser Systemwechsel fordert die Schulen schweizweit heraus: Seit zehn Jahren sind sie gesetzlich verpflichtet, einstige Kleinklassen- und Sonderschüler in die Regelklassen zu integrieren. «Insbesondere verhaltensauffällige Kinder, die sich nicht lange auf den Unterricht einlassen können, erschweren seither die Arbeit im Klassenzimmer», sagt Jäggli. Er hat deshalb vor vier Jahren die Schulinsel eingeführt – als Chance für die betroffenen Schüler, aber auch als Entlastung für die Lehrer und die restliche Klasse. Schweizweit haben erst vereinzelte Schulhäuser ein vergleichbares Angebot etabliert, bekannte Beispiele gibt es etwa in Sarnen, Menzingen oder Chur.

Der Insel-Besuch soll eine temporäre Massnahme bleiben.

Geht es nach dem Zürcher Lehrerverband (ZLV), soll es bald an jeder Zürcher Schule eine solche Insel geben. In einem neuen Positionspapier fordert er, dass «alle Schulen über ein niederschwelliges Angebot für Kinder mit Verhaltensauffälligkeiten verfügen müssen». Für dessen Betrieb müsse der Kanton an jeder Schule zusätzliche Vollzeiteinheiten zur Verfügung stellen. «Der Umgang mit verhaltensauffälligen Kindern kann in der integrierten Schule ganze Klassen und Lehrpersonen an die Grenze bringen», sagt ZLV-Präsident Christian Hugi. Häufig reichten kurzzeitige Interventionen dazu, die Situation zu deeskalieren. Dafür sei die Schulinsel «bestens geeignet», so Hugi.

Der Lehrerdachverband LCH erhebt die ZLV-Forderung deshalb auch für die ganze Schweiz. «Die Erfahrung zeigt, dass Schulinseln als eines der niederschwelligen Angebote für Verhaltensauffällige die Lehrpersonen entlasten», sagt Beat A. Schwendimann, Leiter der Pädagogischen Arbeitsstelle. Wichtig sei, dass der Insel-Besuch eine temporäre Massnahme bleibe.

«Burn-outs reduzieren»

Das ist auch im Sinne der Lehrerverbände anderer Kantone: In Basel-Stadt etwa hat die freiwillige Schulsynode einen Forderungskatalog zur integrativen Schule zuhanden der Regierung verabschiedet. Darin fordert der Berufsverband «eine institutionalisierte und niederschwellige ‹Time-out-Lösung› an jedem Schulstandort», wenn integrativer Unterricht wegen Verhaltensauffälligkeiten nicht mehr leistbar sei. «Die Basler Schulen kämpfen mit ungelösten Problemen der Integration. Mit solchen Angeboten könnten die Burn-outs in der Lehrerschaft reduziert werden», sagt Präsident Jean-Michel Héritier.

Auch im Kanton Bern gestaltet sich die Integration Verhaltensauffälliger schwierig, wie Franziska Schwab vom Lehrerverband Bildung Bern sagt. «Häufig fehlen die Ressourcen dafür, sie adäquat zu betreuen.» Schulinseln seien in Bern noch nicht verbreitet, aber sie eigneten sich dafür, Konflikte rasch zu entschärfen. Statt einer flächendeckenden Einführung plädiert Schwab für eine Neu­verteilung der Ressourcen: Heute erhalten einzelne Schüler Förderlektionen mit Heilpädagogen zugesprochen – sinnvoller sei es, diese Unterstützung im Schulhaus zu bündeln und je nach Bedarf auf die Klassen zu verteilen.

Schulinseln entsprechen zumindest in Zürich auch einem Bedürfnis der Eltern. «Für die betroffenen Eltern ist das kurzfristige Ventilangebot entlastend, und die Kinder gehen gerne hin», sagt Gabriela Kohler, Präsidentin der kantonalen Elternmitwirkungs-Organisation. Wichtig sei, dass die Schulinsel von einer pädagogisch ausgebildeten Person geleitet werde und keine stigmatisierende Situation für das Kind entstehe. Die Einführung des Angebots müsse daher sorgfältig kommuniziert werden, so Kohler.

Die kantonalen Behörden reagieren verhalten auf die Offensive. «Dass Schulinseln deeskalierend wirken können, ist unbestritten», sagt Marion Völger. Für die Leiterin des Zürcher Volksschulamtes sprechen jedoch mehrere Gründe gegen eine flächendeckende Einführung: Das Konzept sei zu unscharf definiert, die Gemeinden und deren Bedürfnisse seien zu heterogen, und die gesetzliche Grundlage für eine kantonale Finanzierung des Angebots fehle.

«Nicht jeder Standort hat die gleichen Bedürfnisse.»

Dieter Baur, Leiter Volksschulen des Kantons Basel-Stadt, ­bestätigt, dass die Integration vielerorts eine anhaltend grosse Herausforderung ist – und es auch bleiben dürfte. Die Behörden seien bereit, die Time-out-Forderung mit dem kantonalen Lehrerverband und weiteren Fachstellen vertieft zu prüfen. «Wir befürworten jedoch keine flächendeckenden, sondern schulbezogene Angebote. Nicht jeder Standort hat die gleichen Bedürfnisse.» Ähnlich klingt es in Bern. «Eine flächendeckende Lösung wäre für unseren heterogenen Kanton kein zielführender Weg», sagt Erwin Sommer, Leiter des kantonalen Volksschulamts.

Auf Skepsis stösst die Forderung auch bei Experten für den Umgang mit Verhaltensauffälligen. «Es besteht die Gefahr, dass jede Störung an die Schulinsel delegiert und aus dem Unterricht verdrängt wird. Diese Separation schwächt die Beziehung zur Klassenlehrperson und die schulische Integration langfristig», sagt Thomas Lustig, Dozent an der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik. Statt reaktiver Massnahmen sei es nachhaltiger, mithilfe der präventiven Arbeit der Heilpädagogen im Schulzimmer Störungen abzufedern. Dafür bräuchte es allerdings zusätzliche Ressourcen, meint Lustig.

«Die Schulinsel ist nur eine kurzfristige Massnahme. Ziel ist es, das Kind so rasch wie möglich wieder in die Klasse zu integrieren, in der Regel im Verlauf eines Halbtages oder schneller», sagt Barbara Schwarz, Vorsitzende der Pädagogischen Kommission des ZLV. Luchswiesen-Schulleiter Jäggli bestätigt das: «Die Schulinsel trägt letztlich zu einer besseren Integration bei, weil Konflikte früh entschärft werden.»

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 30.10.2018, 06:34 Uhr

Artikel zum Thema

Das Gegenteil von Laisser-faire

Porträt Psychologe Haim Omer weiss, wie man verhaltensauffällige Kinder integriert. Mehr...

Rebellische Kindergärtler stören den Unterricht

Verhaltensauffällige Kinder bringen die Kindergärtnerinnen an ihre Grenzen. Der Kanton Zürich hat deshalb eine Arbeitsgruppe mit dem Problem betraut. Mehr...

«Problembären frühzeitig entfernen»

Wildtierexperte Reinhard Schnidrig rechnet damit, dass bald weitere verhaltensauffällige Tiere in die Schweiz einwandern. Er kritisiert die Untätigkeit der Italiener und fordert eine länderübergreifende Lösung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Unter Pausbacken: Eine Verkäuferin bietet an ihrem Stand im spanischen Sevilla Puppen feil. (13. November 2018)
(Bild: Marcelo del Pozo ) Mehr...