Zürich sucht homosexuelle Pflegeeltern

In der Schweiz fehlt es an Eltern für Pflegekinder. Die Stadt Zürich wendet sich nun explizit an gleichgeschlechtliche Paare.

Für das Wohl der Kinder: Die Suche nach geeigneten Pflegeeltern ist ein langwieriger Prozess. Foto: Istockphoto

Für das Wohl der Kinder: Die Suche nach geeigneten Pflegeeltern ist ein langwieriger Prozess. Foto: Istockphoto

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Das Amt für Kinder und Jugendliche des Kantons Genf steckt in einer Notsituation. Amtsdirektorin Francine Teylouni machte es vor einer Woche in einem «Aufruf an die Bürgerinnen und Bürger» via Medien öffentlich. Sie sucht zehn Plätze für Kleinkinder, die kurz- oder längerfristig von ihren Eltern getrennt werden müssen. Die Zeit dränge, die Kinder würden auf ein neues Zuhause warten, in dem sie gefördert werden und Wärme erhalten, um in ihrem Leben die ersten Schritte zu tun, heisst es beim Kanton.

Rund 140 Kinder hat der Kanton Genf derzeit bei Pflegefamilien untergebracht. Zum Vergleich: In der Stadt Zürich sind es 135, im Wallis 142, in der Waadt rund 200. Die Kinder wohnen ganz oder teilweise bei Pflegeeltern.

Werden wie jetzt in Genf auf einmal zehn Plätze benötigt, stehen die Behörden unter enormem Druck. Natürlich wurde nach anderen Lösungen gesucht, aber die betroffenen Kinder können weder innerhalb der Familie noch bei nahen Verwanden unterkommen. Viele befinden sich seit der Geburt im Spital und werden dort bis auf weiteres umsorgt. «Im Spital haben sie es gut, aber sie müssen raschestmöglich in einer familiären Atmosphäre aufwachsen», sagt Teylouni. Die Wahrscheinlichkeit ist gross, dass sie auch als junge Erwachsene noch bei ihren Pflegefamilien sind. Gemäss Statistik des Kantons Genf ist dies bei 80 Prozent der Pflegekinder der Fall.

Seit Jahren hohe Nachfrage

Die Gründe, warum sich die Eltern nicht um ihre Kinder kümmern können oder von der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde oder der Justiz daran gehindert werden, sind vielfältig: inner­familiäre Gewalt oder Misshandlungen, Gefängnisaufenthalte, Drogenabhängigkeit oder schwere Krankheiten, auch psychische. Francine Teylouni will sich zu Einzelfällen nicht äussern. Sie habe alleine das Kindeswohl im Blick. Westschweizer Kantone haben diesbezüglich hohe Ansprüche. Anders als in vielen Deutschschweizer Kantonen, wo selbst Babys im Notfall vorübergehend in von Sozialarbeitern betreuten Grossfamilien oder Heimen unterkommen, wird in der Westschweiz für jeden Fürsorgefall direkt eine Pflegefamilie gesucht.

Tauchen zu viele Fälle auf einmal auf, führt dies in allen Regionen der Schweiz zu Schwierigkeiten. Nirgends im Land stehen beliebig viele Pflegefamilien zur Verfügung. Dieses Problem bestehe seit Jahren, heisst es aus Fachkreisen. Tendenziell gebe es aber in ländlichen Gebieten mehr Pflegefamilien als in Städten. Marc Rossier, Direktor des Walliser Amts für Kinderschutz, sagt: «Die Nachfrage ist gross, das Angebot stets begrenzt.» Marc Favez, stellvertretender Direktor des Waadtländer Jugendschutzes, spricht von einer «permanenten Sorge». Man dürfe deshalb nie zurücklehnen, sondern müsse ständig nach interessierten Familien Ausschau halten, sagt Favez.

Kind muss in Familie passen

Die Suche nach geeigneten Familien ist in der Regel ein langwieriger Prozess. Bis ein Kind zu Pflegeeltern ziehen kann, müssen etliche Dinge besprochen und diverse Details geklärt werden. In Gesprächen werden die Bedürfnisse der Kinder und die Situation und die Erwartungen der Pflegeeltern aufeinander abgestimmt. Man legt Wert darauf, Pflege­kinder nicht durch vermeidbare Probleme zusätzlich zu belasten. Oft haben interessierte Paare selbst schon Kinder. Behörden lassen in solchen Fällen beobachten, wie die Kinder eines Paars auf ihr neues Geschwister reagieren, aber auch, ob Pflegeeltern den oft komplexen psychischen Problemen gewachsen sind. Ersatzeltern müssen unter Umständen damit rechnen, mitten in der Nacht von Telefonanrufen aufgeschreckt oder von Eltern oder Angehörigen der Pflegekinder bedroht zu werden. Einfacher ist die Suche, wenn Plätze für Wochenenden oder für ein paar Ferientage gesucht werden.

Rudolf Gafner, Sprecher der Stiftung Kinderschutz Schweiz, sagt: «Schutz und Wohl des Kindes stehen an oberster Stelle. Es genügt deshalb nicht, sich einfach als Kinderfreund zu fühlen und sich spontan bereit zu erklären, zwei Pflegekinder aufzunehmen.» Die sozialen Dienste der Stadt Zürich nehmen sich deshalb ausreichend Zeit, die Situation für alle zu klären.

In Zürich hat man klare Vorstellungen, welche Kriterien zukünftige Pflegeeltern erfüllen sollten. Sprecherin Beatrice Henes sagt: «Die Wohnsituation ist wichtig. Alle müssen genügend Platz haben.» Auch sollten Pflegeeltern gesund sein, so Henes. Weniger entscheidend ist hingegen, wie viel Geld jemand hat, vorausgesetzt die finanzielle Situation ist stabil.

Die Behörden in Genf legen besonderen Wert darauf, dass Pflegeeltern nicht zu viel arbeiten und Zeit für die Bedürfnisse der Familie haben. Die Arbeitsverträge eines Paares dürfen ein Pensum von 160 Prozent nicht überschreiten. «Die Eltern sollten sich unter der Woche während zweier Tage um die Familie kümmern», sagt Francine Teylouni.

Um dem gesellschaftlichen Wandel Rechnung zu tragen und den Kreis der Interessierten möglichst breit zu halten, geht die Stadt Zürich im Gegensatz zu anderen Kommunen bei der Suche nach Pflegeeltern neue Wege. In Zürcher Kinos lief im November ein Werbespot, der insbesondere binationale Paare, Singles, aber auch homosexuelle Paare ansprechen sollte. Ob die Botschaft beim neuen «Zielpublikum» angekommen ist – die Kampagne also Erfolg hat –, wird sich in den kommenden Monaten weisen. «Wenn wir am Ende einer Kampagne eine Handvoll geeignete Pflegeeltern gewinnen konnten, ist das ein Erfolg», sagt Beatrice Henes. Das dürfte in Genf kaum schneller gehen.

Erstellt: 22.12.2014, 23:20 Uhr

Schwule und Lesben als Pflegeeltern

Die Sozialen Dienste der Stadt Zürich wollen gleichgeschlechtliche Paare als Pflegeeltern gewinnen. Es gibt bereits Interessenten.

Die klassische Familie – Mutter und Vater, verheiratet, mit Kind – gibt es noch, aber immer weniger. Stattdessen leben Kinder in Patchworkfamilien, haben ­unverheiratete Eltern oder solche aus verschiedenen Herkunftsländern. Wiederum andere Kinder wachsen bei der Mutter oder beim Vater auf oder leben mit homosexuellen Eltern zusammen. Die Sozialen Dienste der Stadt Zürich haben beschlossen, dieser gesellschaftlichen Realität bei der schwierigen Suche nach Pflegeeltern Rechnung zu tragen. Im November lief in ausgewählten Zürcher Kinos ein Spot, der ein lesbisches Paar mit seinem eigenen Kind und einem Pflegekind zeigt. Der Pflegebub sagt: «Zum Glück kann ich jetzt zu Priska und zu Anna. Die schauen jetzt auch zu mir. Ich habe jetzt drei Mamis: mein Mami und meine Eltern, also meine Pflegeeltern.» Parallel zur Kampagne wurden Schwulen- und Lesbenorganisationen auf die Suche aufmerksam gemacht, und der letzten Ausgabe eines Szenemagazins lag eine Informationskarte bei.

Mit Adoption nichts zu tun

Wegen der Kinowerbung habe es vereinzelt kritische Rückmeldungen gegeben, generell sei der Spot aber gut aufgenommen worden, sagt Beatrice Henes, Sprecherin der Sozialen Dienste. Zwei homosexuelle Paare haben ihr Interesse angemeldet. Genauso sehr bemüht man sich darum, Singles und binationale Paare als Pflegeeltern zu gewinnen. «Die Tatsache, dass homosexuelle Paare in der Schweiz nach wie vor keine Kinder adop­tieren dürfen, spielt dabei keine Rolle», betont Henes. Rechtlich seien das zwei verschiedene Dinge. Bei einer Adoption erlischt das Verhältnis zu den biologischen Eltern. Das ist bei einem Pflegekind nicht der Fall. Das Ziel ist, dass es nach Hause zurückkehrt.

Für Homosexuelle ist das Vorgehen in Zürich ein wichtiges Zeichen. «Gleichgeschlechtliche Eltern als Ressource für Pflegefamilien zu nutzen, ist eine logische Konsequenz und ein wichtiger Schritt zur Sichtbarkeit und Anerkennung von Regenbogenfamilien», freut sich Maria von Känel, Geschäftsführerin vom Dachverband Regenbogenfamilien. Sie betont: «Kinder, die mit Lesben, Schwulen und Transmenschen zusammenleben, entwickeln sich ebenso gut wie andere Kinder.» Gemäss von Känel gibt es seit geraumer Zeit gleichgeschlechtliche Paare, die Pflegekinder betreuen. Die Organisation Pflegekinder-Aktion Schweiz ist 2011 an einer nationalen Tagung offen auf gleichgeschlecht­liche Paare zugegangen und hat ihnen eine Kooperation angeboten.

Barbara Heuberger von der Organisation Pflegekinder-Aktion Schweiz überzeugt das Projekt. Sie sagt: «Wichtig ist, dass Pflegeeltern Kontinuität bieten, Sicherheit und Verbindlichkeiten garantieren: Das ist ein ständiger Prozess.» Auch Patrick Fassbind, Präsident der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde Bern, hätte kein Problem, ein Pflegekind einem homosexuellen Paar anzuvertrauen. Er sagt: «Geborgenheit und verlässliche Bezugspersonen sind für Kinder das Allerwichtigste. Die sexuelle Orientierung ist irrelevant.»

Von Philippe Reichen, Genf

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