Zug ins Parteiische

In den Waggons wird Politik verbreitet.

In den Zügen der SBB wird nun auch politische Werbung geduldet. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

In den Zügen der SBB wird nun auch politische Werbung geduldet. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Kein Land mit Ausnahme Japans fährt mehr Zug als die Schweiz, keine kollektive Erfahrung mit Ausnahme des Kugelgrillens bedeutet den Schweizerinnen und Schweizern so viel, keine Störung regt sie dermassen auf wie eine verspätete S-Bahn oder eine kaputte Weiche, es sei denn, sie stünden im Stau.

Was zurzeit in Deutschland abgeht, ein tagelanger Streik der Lokomotivführer vor dem Hintergrund eines gewerkschaftlichen Binnenstreits, wäre bei uns undenkbar. Die Lokführer würden per Draisine ausgeschafft bis ans Ende aller Geleise.

Die SBB verbinden die Städte und Regionen. Sie fahren für alle, die das bezahlen können. Und sie symbolisieren in einem Zug vier Schweizer Zentraltugenden: Pünktlichkeit, Sauberkeit, Effizienz, Neutralität. Sind das die Gründe, warum die neuen Plakate in den Zügen so viel zu reden geben? Economiesuisse kämpft darauf gegen Ecopop. Damit ist der Wirtschaftsdachverband für einmal führend, politische Werbung gab es bislang keine in den Zügen, nur in den Bahnhöfen; vor zwei Jahren entschied das Bundesgericht auf Zulässigkeit.

Den Werbern versprechen die SBB «Frontalkontakte in jedem Wagen» und «Wiederholungskontakte beim Ein- und Aussteigen». Ihr Angebot kommt unterschiedlich gut an. Angeregt reagiert Natalie Rickli, Nationalrätin der SVP und in der Werbung tätig. Für unsere Demokratie sei es wichtig, sagt sie zu «20 Minuten», dass die verschiedenen politischen Ansichten in möglichst vielen verschiedenen Medien zu Wort kommen könnten. Aufgeregt reagiert der Präsident von Pro Bahn, einer Pendlerorganisation. Mache das Beispiel von Economiesuisse Schule, sagt er, sei es vorbei mit dem Frieden im Zug. «Dann wird die Bahn zur politischen Kampfzone.»

Der Wunsch nach Meinungsvielfalt kommt von einer Politikerin, deren Partei ihre Ansichten seit Jahrzehnten an jeden Baum klebt. Und die Empörung geht durch einen Herrn, der trotz seines vielen Pendelns nicht gemerkt hat, dass sich die Züge längst zur Kampfzone ausgeweitet haben: Die Reisenden drängen in die Wagen, kämpfen um einen Platz oder stehen in den Gängen.

Die Plakate sieht da keiner mehr.

Erstellt: 06.11.2014, 19:11 Uhr

Der Stein des Anstosses: Politwerbung von Economiesuisse. Foto: 20min.ch

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