«Zum Mitnehmen oder zum Hieressen?»

Der McDonald's-Burger kostet gleich viel, ob er am Tisch verdrückt wird oder draussen. Dabei werden doch je nach Antwort am Tresen unterschiedliche Steuern verrechnet.

Thomas Rosenberger, Geschäftsführer des Sternen-Grill in Zürich, erklärt, weshalb ein und diesselbe Bratwurst von der Mehrwertsteuer unterschiedlich behandelt wird. (Video: Jan Derrer)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie absurd die heutige Steuergesetzgebung ist, kann man an Zürichs berühmtestem Bratwurststand erleben: Abhängig davon, ob jemand die Bratwurst zum Mitnehmen oder Hieressen bestellt, muss der Sternen-Grill am Bellevue entweder 2,5 Prozent oder 8 Prozent Mehrwertsteuer bezahlen. Denn die Take-away-Wurst gilt steuerrechtlich als Grundnahrungsmittel, weshalb der reduzierte Satz für Lebensmittel zur Anwendung kommt. Verzehrt der Kunde die Speisen aber im Sitzen, bezahlt er den normalen Mehrwertsteuersatz für Dienstleistungsbetriebe von 8 Prozent.

Die merkwürdige Situation am Wurststand hat Gastrosuisse geschickt in die Werbung für ihre Volksinitiative «Schluss mit der MwSt.-Diskriminierung des Gastgewerbes» eingebaut: Auf Strassenplakaten sind zurzeit zwei gleiche Würste, aber mit zwei unterschiedlichen Steuersätzen und dem Slogan «Bratwurst-Diskriminierung stoppen! JA» abgebildet. Dazu schreibt der Wirteverband auf seiner Website: Dies habe «massive Auswirkungen insbesondere für die Gäste», da die MwSt. den Endkunden belaste und er 5,5 Prozent mehr Mehrwertsteuer zahlen müsse.

Erstaunlich ist aber, dass umgekehrt der Endkunde nicht gleichzeitig beim reduzierten Steuersatz von 2,5 Prozent entsprechend entlastet wird. Denn obwohl in die Registrierkassen des Sternen-Grills unterschiedliche Steuersätze getippt werden, merkt der Kunde preislich nichts davon: Er bezahlt in jedem Fall 7.50 Franken für die Bratwurst. Thomas Rosenberger, Geschäftsführer Sternen-Grill, begründet dies mit dem gros­sen Aufwand: «Wir sind verpflichtet, unsere Preise inklusive MwSt. anzuschreiben; dürften wir Nettopreise verwenden, gäbe es mit der MwSt. merkwürdige Preise wie etwa 7.68 Franken.»

Sukkurs gibt es vom Gastrosuisse-Präsidenten Casimir Platzer, der von «einem kaum lösbaren Abgrenzungsproblem» spricht: «Wer soll kontrollieren und eventuell einschreiten, wenn ein Take-away-Gast sich doch hinsetzt?»

Der Einheitspreis ist in Mischbetrieben offenbar weitverbreitet. In den über 150 Filialen des grössten Restaurationsbetriebs McDonald’s heisst es ebenfalls am Schluss der Bestellung: «Zum Hier­essen oder zum Mitnehmen?» McDonald’s sei es aber wichtig, seinen Gästen ein «einfaches, unkompliziertes Preisangebot» zu bieten, deshalb seien die Preise identisch, sagt Aglaë Strachwitz, Sprecherin von McDonald’s Schweiz. Die unverbindlichen Preisempfehlungen seien somit Mischrechnungen für beide Servicearten. Und: «Dieses Mischrechnungs-Konzept wird in der Branche fast flächendeckend eingesetzt.» Bei der Migros als zweitgrösstem Betreiber von Gaststätten gelten ebenfalls Einheitspreise, «die aufgrund einer Mischrechnung günstig ausfallen», so eine Sprecherin. Andere Beispiele sind Starbucks oder die Candrian Catering AG, die unter anderem im Grossraum Zürich Fast-Food-Filialen von Burger King und Nordsee betreibt.

Bei Bäckern 15 Prozent Rabatt

Dass es auch anders geht, zeigt das Beispiel der Coop-Restaurants, die 10 Prozent Rabatt gewähren, wenn Essen mitgenommen wird. Überhaupt keine Probleme mit der angeblichen MwSt.-Diskriminierung haben offensichtlich die Schweizer Bäcker und Confiseure. Unter dem Motto «Der Bäcker lebt nicht vom Brot allein» haben sie sich längst vom Take-away zur Gaststätte weiterentwickelt: Mittlerweile betreibt bereits jede dritte Bäckerei-Konditorei zusätzlich ein Café. Der TA hat die Stichprobe bei Kleinbäckereien wie bei Bäckereiketten gemacht: Alle Befragten gaben an, zwischen einem Ladenpreis und einem ­Gastronomiepreis zu unterscheiden.

Die Luzerner Confiseur Bachmann AG zählt mit 400 Mitarbeitenden zu den führenden Confiserien der Schweiz. Ihre 16 Filialen befinden sich mehrheitlich in Luzern, der Rest in Zug, Sihlcity in Zürich und Shoppi Tivoli in Spreitenbach. Die Preisdifferenz zwischen Hieressen und Mitnehmen beträgt etwa 15 Prozent. «Ein Einheitspreis würde nur schon aufgrund der verschiedenen Steuersätze keinen Sinn machen», sagt Geschäftsleitungsmitglied Matthias Bachmann. Bei der ebenfalls in Luzern beheimateten Bäckerei-Konditorei Hug AG mit 12 Filialen unter anderem in Zug, Affoltern am Albis und in der Stadt Zürich liegt der Ladenverkaufspreis auch rund 15 Prozent tiefer. Andreas Tobler, Leiter Marketing und Verkauf, begründet den höheren Preis «im Haus» mit der MwSt., aber auch mit Ausgaben für Infrastruktur und Servicepersonal. «Wir geben die Kostenvorteile beim Take-away direkt an den Konsumenten weiter.» Das gilt auch für die Bäckerei Conditorei Stocker mit fünf Läden in Zürich, in denen der Thekenpreis 20 Prozent tiefer ist.

Kritik vom Konsumentschutz

«Grundsätzlich ist jeder Betrieb frei in der Handhabung dieser Thematik», sagt Beat Kläy, Direktor des Schweizerischen Bäcker-Confiseurmeister-Verbands. «In der Regel» würden aber Bäckereien mit der Möglichkeit, die Speisen und Getränke im Laden zu konsumieren, höhere Gastronomiepreise verlangen. «Es besteht somit keine Ungleichbehandlung, wie dies die Gastrosuisse-Initiative suggerieren will», so Kläy. «Das Beispiel dieser Bäckereien zeigt, dass auch das Gastgewerbe problemlos preislich differenzieren könnte. Damit liegt auch keine MwSt.-Diskriminierung vor», sagt Prisca Birrer-Heimo, SP-Nationalrätin und Präsidentin der Stiftung für Konsumentschutz. Der Gastrosuisse-Präsident ist hingegen überzeugt, dass «längst nicht alle Bäckereien unterschiedliche Preise anwenden». Dabei verweist er auf die «Aargauer Zeitung», wo der Präsident des Aargauer Bäcker- und Confiseurmeisterverbands sagte, dass es in seiner Bäckerei der Einfachheit halber Einheitspreise gäbe. Im Wissen, dass andere diese Unterscheidung machten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.08.2014, 23:42 Uhr

«Einfaches, unkompliziertes Preisangebot»: Auch McDonald’s setzt auf eine Mischrechnung. Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Karikatur zum Vergrössern anklicken.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Blogs

Tingler Aufklärung und Fadenlifting
Von Kopf bis Fuss Amber Heards Karambolage-Kleid

Paid Post

Tipps für eine einfache und sichere Tourplanung

Das Smartphone ist auf gutem Weg, die Skitourenplanung zu erobern. Möglichkeiten und Grenzen der digitalen Helfer.

Die Welt in Bildern

Winterpause: Olaf Niess und sein Team haben die Schwäne auf der Hamburger Alster eingefangen, um sie in ihr Winterquartier zu bringen. (20.November 2018)
(Bild: Fabian Bimmer) Mehr...