«Zwei Kinder, keine Ausbildung, kein Deutsch»

In Biel sind 11,7 Prozent der Bevölkerung von Sozialhilfe abhängig. Sozialvorsteher Beat Feurer (SVP) erklärt im Interview, woran das liegt und was er dagegen unternehmen will.

Eine Stadt mit echten Problemen: Biel hat eine Sozialhilfequote von 11,7 Prozent, die höchsten Fallkosten und die tiefste Steuerkraft von allen im Bericht «Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe» untersuchten Städte.

Eine Stadt mit echten Problemen: Biel hat eine Sozialhilfequote von 11,7 Prozent, die höchsten Fallkosten und die tiefste Steuerkraft von allen im Bericht «Kennzahlenvergleich zur Sozialhilfe» untersuchten Städte.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Gibt es aus dem Kennzahlenbericht zur Sozialhilfe eine positive Erkenntnis für Sie als Bieler Sozialvorstand?
Beat Feurer (SVP): Es ist in der Tat schwierig, dem Bericht etwas Positives abzugewinnen. Wir sind über diese Entwicklungen nicht erfreut. Aber wir sind froh, dass der Bericht deutlich zeigt, was die Gründe für die hohe Sozialhilfequote sind. So wird etwa der Zusammenhang zwischen der beruflichen Qualifikation und Sozialhilfe sichtbar. Wir haben in Biel eine überdurchschnittlich hohe Zahl von Menschen, die vor ihrer Arbeitslosigkeit eine Hilfstätigkeit ausgeübt haben. Diese werden nach der Aussteuerung aus der Arbeitslosenversicherung viel häufiger von Sozialhilfe abhängig.

Sie haben in einer Medienmitteilung ausserdem den hohen Ausländeranteil angesprochen. Er liegt exakt im Mittel der anderen untersuchten Städte, wogegen die Sozialhilfequote mit 11,7 Prozent landesweit am höchsten ist. Greift diese Erklärung nicht zu kurz?
Es gibt keine singuläre Begründung. Die Ursachen sind zahlreich, und es ist nicht klar, welcher Faktor wie zu gewichten ist. Andere Städte haben einen höheren Ausländeranteil, das ist richtig. Den Unterschied macht vor allem die Qualifikation der Ausländer. Aber etwa in Zug oder Zürich leben viele Einwanderer mit Hochschulabschluss, nach Biel kommen viele mit einer schlechten oder gar keiner Ausbildung. Wir bieten ihnen Arbeitsplätze, und sie finden hier eine günstige Wohnung. Aber wenn ihr Arbeitgeber eine Restrukturierung durchführt, fallen sie viel schneller wieder aus dem Arbeitsmarkt.

46,1 Prozent aller Alleinerziehenden werden unterstützt. Ist es für Alleinerziehende in Biel so schwierig, einen Job zu finden?
Das kann man so nicht sagen. Auch hier spielt das Thema Ausbildung eine Rolle. Ich hatte kürzlich das Dossier einer Afrikanerin auf dem Tisch, sie hat zwei Kinder, keine Ausbildung und spricht kein Deutsch. Das macht es schwierig. Ein weiteres Problem ist aber auch, dass alleinerziehende Personen in Biel grössere Schwierigkeiten haben, einen Krippenplatz zu finden, als etwa in Bern.

Biel liegt als einzige der untersuchten Städte auf der Sprachgrenze. Sehen Sie da einen Zusammenhang mit der hohen Sozialhilfequote?
Es gibt in Biel viele Arbeitsplätze, bei denen es reicht, wenn man eine Landessprache beherrscht. Aber der Arbeitsmarkt für Einsprachige ist tatsächlich eingeschränkt. Für viele Jobs mit Kundenkontakt muss man Deutsch und Französisch sprechen. Für die vorher erwähnte Frau wäre es in Neuenburg vermutlich einfacher, eine neue Stelle zu finden.

Wie akut ist Sozialhilfemissbrauch in Biel?
Wir haben seit Anfang Jahr eine Inspektorin, die solchen Fällen nachgeht. Bisher können wir nicht bestätigen, dass Sozialhilfemissbrauch im strafrechtlichen Sinn ein besonderes Problem wäre. Allerdings haben wir es mit vielen Bezügern zu tun, die nicht kooperationswillig sind. Hier brauchen wir bessere Möglichkeiten, dies zu sanktionieren.

Der Bericht der Städteinitiative zementiert das Image von Biel als Sozialhilfe-Hochburg. Das hat wiederum einen negativen Einfluss auf die Attraktivität der Stadt. Ein Teufelskreis?
Die hohe Quote beeinflusst bis zu einem gewissen Grad die Atmosphäre und das Image der Stadt. Es gibt Indizien, wonach vor allem Sozialhilfebezüger mit Migrationshintergrund Menschen aus demselben Milieu anziehen. Sie haben hier bereits ein Beziehungsnetz, fühlen sich hier wohl und gehören auch in eine Risikogruppe. Wir müssen einen Ansatz finden, um hier eine Trendwende herbeizuführen, aber ein eigentliches Wundermittel gibt es nicht.

Wie gedenken Sie, die Trendwende zu schaffen?
Wir haben bereits zahlreiche Massnahmen beschlossen, um dem Problem zu begegnen. Wir wollen etwa sicherstellen, dass Hausbesitzer ihre Wohnungen nicht zu übersetzten Preisen an Sozialhilfebeziehende vermieten. Wir bezahlen die Mieten neu direkt an die Sozialhilfebeziehenden aus, das Controlling im Sozialdienst möchten wir verbessern oder die Qualifikation der Betroffenen angehen.

Brauchen Sie nicht vor allem mehr Arbeitsstellen?
Das ist ein zweischneidiges Schwert. Wir haben schon heute viele Stellen für Menschen mit geringen Qualifikationen. Deshalb ist Biel attraktiv als Arbeitsort für jene Leute, die schneller in der Sozialhilfe landen. Aus meiner Sicht ist es wichtiger, in die Qualifikation dieser Menschen zu investieren. Wichtig ist auch, darauf hinzuweisen, dass Firmen wie Rolex, Omega und Etel ständig neue Stellen für gut qualifizierte Arbeitnehmer schaffen.

Wie gross ist der Druck auf Sie, rasch Resultate vorzuweisen?
Ich bin als Vertreter der SVP gewählt worden, weil man uns zutraut, die Trendwende zu schaffen. Ein gewisser Druck ist also sicher da. Aber ich habe das nicht allein in der Hand. Um dieses Problem zu lösen, sind wir als Kollegium gefordert und arbeiten eng zusammen an Lösungen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.08.2014, 15:52 Uhr

Artikel zum Thema

Welche Stadt die höchste Sozialhilfequote hat

Der Jahresbericht zur Sozialhilfe zeigt, wie sich die Fallzahlen und Quoten in Schweizer Städten verändert haben. Vor allem zwei Städte fallen auf. Mehr...

Beat Feurer (SVP), Direktor Soziales und Sicherheit der Stadt Biel.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blogs

Sweet Home Attraktives Ablenkungsmanöver

Mamablog Wenn die Familie weit weg wohnt

Die Welt in Bildern

Sonnenbaden mit gummigem Halsband: Dieses Krokodil trägt schon seit zwei Jahren einen Pneu um den Hals.
(Bild: Antara Foto/Mohamad Hamzah/ via REUTERS) Mehr...