Zwei oder vier Wochen Urlaub für die Väter?

Der Sammelerfolg der Initiative für einen Vaterschaftsurlaub setzt das Parlament unter Druck. Die Mitte will einen Gegenvorschlag.

Die Chancen, dass künftig auch Väter mehr Zeit mit ihren Neugeborenen verbringen können, sind gestiegen. Foto: Gemma Ferrando (Plainpicture)

Die Chancen, dass künftig auch Väter mehr Zeit mit ihren Neugeborenen verbringen können, sind gestiegen. Foto: Gemma Ferrando (Plainpicture)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Seit diesem Wochenende ist klar: Das Volk wird über einen bezahlten vierwöchigen Vaterschaftsurlaub abstimmen. 120 000 Unterschriften haben Familienorganisationen unter der Leitung des Gewerkschaftsdachverbands Travail­suisse innerhalb eines Jahres für ihre Ini­tiative gesammelt. Im Sommer wird das Volksbegehren offiziell eingereicht.

Der Sammelerfolg setzt das Parlament unter Zugzwang. In den letzten 10 Jahren hat es über 30 Vorstösse für einen Vaterschafts- oder Elternurlaub abgelehnt – zuletzt im Frühling 2016, als die parlamentarische Initiative von CVP-Nationalrat Martin Candinas für einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub im Ständerat knapp keine Mehrheit fand.

Mitteparteien sind sich uneinig

Damals fehlten ausgerechnet aus der Familienpartei CVP die entscheidenden Stimmen. Das soll sich nicht wiederholen: Weil ein vierwöchiger Urlaub im Parlament nicht mehrheitsfähig ist, bringen sich die Christdemokraten nun bereits für einen Gegenvorschlag in Stellung. Konkret soll der Vorstoss Candinas reaktiviert werden. Die Idee: Unter dem Eindruck der hängigen Initiative soll die eigene Fraktion diszipliniert werden, damit die fehlenden Stimmen diesmal zusammenkommen. «Vier Wochen Vaterschaftsurlaub sind zu viel und zu teuer. Mein Vorstoss entspricht der Volksinitiative geteilt durch zwei. Deshalb wäre er ein idealer Gegenvorschlag», sagt Candinas. Seine Parteikollegin Barbara Schmid-Federer, welche die Arbeitsgruppe Familienpolitik der CVP präsidiert, will «alles daransetzen, dass es einen Gegenvorschlag gibt».

«Ein Kompromiss, wie ihn die CVP vorsieht, ist gar nicht nötig, denn vier Wochen Vaterschaftsurlaub sind in der Bevölkerung mehrheitsfähig.»Regula Rytz, Präsidentin der Grünen

Wie ein solcher konkret ausgestaltet würde, ist ausserhalb der CVP allerdings noch umstritten. Denn die anderen Mitteparteien wollen dabei weiter gehen. «Wir bevorzugen einen Elternurlaub und möchten einen Gegenvorschlag, der in diese Richtung geht», sagt BDP-Präsident Martin Landolt. Bei einem solchen Modell würde der Urlaub zwischen den Eltern aufgeteilt, wobei der Mutterschutz von 14 Wochen nicht angetastet würde. Die GLP setzt sich für ein Modell ein, bei dem die Elternteile – sofern beide erwerbstätig sind – jeweils 14 Wochen Urlaub hätten, wie Nationalrätin Kathrin Bertschy sagt.

Links der Mitte wiederum zählt man auf den Erfolg der Initiative. «Ein Gegenvorschlag à la Candinas ginge zu wenig weit. Ich glaube nicht, dass die Initiative vor dem Volk chancenlos ist», sagt SP-Nationalrätin Nadine Masshardt. Und Grünen-Präsidentin Regula Rytz sagt: «Ein Kompromiss, wie ihn die CVP vorsieht, ist gar nicht nötig, denn vier Wochen Vaterschaftsurlaub sind in der Bevölkerung mehrheitsfähig.» Die Ratslinke stützt sich dabei auf Umfragen, die dem Anliegen grossen Zuspruch bescheinigen. So haben sich beispielsweise in einer repräsentativen Befragung im Auftrag von Travailsuisse vor zwei Jahren 80 Prozent für einen bezahlten Vaterschaftsurlaub ausgesprochen.

FDP uneins, SVP dagegen

Ob und wie ein Gegenvorschlag zustande kommt, wird Mitte-links wohl unter sich aushandeln müssen, denn FDP und SVP sind gegen den Vaterschaftsurlaub – unabhängig von dessen Dauer. SVP-Nationalrätin Nadja Pieren ist denn auch überzeugt, dass das «linke Luxusbegehren im Volk keine Mehrheit haben wird». Ein Gegenvorschlag sei deshalb gar nicht nötig.

In der FDP – und das ist für die Mehrheitsverhältnisse im Parlament entscheidend – ist die Ausgangslage hingegen komplexer. Die Partei sieht sich in dieser Frage der Wirtschaft verpflichtet, die das Begehren dezidiert ablehnt. Doch der welsche Flügel sympathisiert mit der Initiative. Wegen der Fraktionsdisziplin hatten sich dessen Vertreter bei der Abstimmung zum zweiwöchigen Urlaub grösstenteils enthalten. Jetzt sagt der Waadtländer Nationalrat Laurent Wehrli aber: «Ich unterstütze die Initiative im Komitee; sie nutzt nicht nur den Familien, sondern auch der Wirtschaft.» In Bezug auf einen Gegenvorschlag zeigt sich Wehrli optimistisch: «Wie so häufig in der Schweizer Politik könnte ein Kompromiss ein guter erster Schritt sein – ich glaube, dass ein Gegenvorschlag mehrheitsfähig ist.»

Eine Weichenstellung dürfte die Abstimmung zur Altersvorsorge 2020 in diesem Herbst sein. 

Für die Initianten hingegen sind bereits die vier Wochen ein Kompromiss. «Wir lassen uns nicht auf einen Gegenvorschlag ein und werden die Initiative unter keinen Umständen zurückziehen», sagt Kampagnenleiter und Travailsuisse-Präsident Adrian Wüthrich. Damit wird das Szenario wahrscheinlicher, dass das Stimmvolk dereinst über zwei Varianten des Vaterschaftsurlaubs wird befinden können. Mit der vorzeitigen Einreichung der Unterschriften wollen die Initianten laut Wüthrich den Zeitdruck erhöhen: «So müssen die Parteien noch vor den Wahlen 2019 Farbe bekennen: Wer setzt sich wirklich für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie ein?»

Eine Weichenstellung dafür dürfte die Abstimmung zur Altersvorsorge 2020 in diesem Herbst sein. Geht die Mitte-links-Allianz, die den Kompromiss an der Urne verteidigt, gestärkt aus dem sozialpolitischen Kampf hervor, wird das auch die Verhandlungen zu einem Vaterschaftsurlaub begünstigen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.06.2017, 22:01 Uhr

Artikel zum Thema

Initiative für vier Wochen Vaterschaftsurlaub steht

Die Initiative «Für einen vernünftigen Vaterschaftsurlaub» hat ihr Ziel erreicht. Es sind 120'000 Unterschriften zustande gekommen. Mehr...

«Man stelle sich vor: Ein Bundesrat im Vaterschaftsurlaub!»

Interview SP-Justizministerin Simonetta Sommaruga sieht die Schweiz gesellschaftspolitisch im Rückstand – vor allem bei der Gleichstellung. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Blog

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Blogs

Welttheater Splitter

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

#covfefe? Angela Merkel bedient das fedidwgugl-Haus in Berlin - und wir schütteln den Kopf ab dem sonderbaren Wahlslogan #fedidwgugl: Für ein Deutschland, in dem wir gut und gerne leben (18. August 2017).
(Bild: Michael Kappeler) Mehr...