Zwischen Jungfrau und Hure

Der verwehrte Händedruck ist Symbol einer patriarchalen Über-Ich-Religion, die das Leben der Frauen reglementiert und häufig mit Zwang diszipliniert.

In patriarchalen Gemeinschaften wird der Jungfrauenkult gepflegt: Maria-Bildnis in einer Kirche. Foto: iStock

In patriarchalen Gemeinschaften wird der Jungfrauenkult gepflegt: Maria-Bildnis in einer Kirche. Foto: iStock

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Der Griff an Po und Busen oder ans Gemächt schickt sich nicht in der Öffentlichkeit. Die Berührung primärer und sekundärer Geschlechtsmerkmale ist sexuell konnotiert. Das Handschütteln hingegen, das fern von sexueller Lust Respekt bezeugt, gehört in den öffentlichen Raum. Darum findet der verwehrte Händedruck zweier muslimischer Burschen gegenüber ihrer Lehrerin in Therwil kaum Verständnis. Manche Gläubige stellen selbst Gesten der Höflichkeit unter den Generalverdacht der Lust. So praktizieren sie, was sie westlichen Gesellschaften vorwerfen: Sie sexualisieren sämtliche Lebensbereiche.

Ob das Verweigern des Handschlags, das Fernbleiben vom Schwimmunterricht und Schul­lager oder die Pflicht zu Kopftuch oder Burka – all die muslimischen Sonderregeln verraten dieselbe tief sitzende Angst vor der unkontrollierten Sexualität und dem Bedürfnis, sie zu disziplinieren.

Man wird einwenden, im Islam herrsche ein ausgeprägteres Schamgefühl als bei uns. Mag sein. Dieses aber ist typisch für die monotheistischen Religionsgemeinschaften insgesamt, die sich nicht von ihrer patriarchalen Urform emanzipiert haben. Nicht nur im wahhabitischen und salafistischen Islam, sondern auch im orthodoxen Judentum oder in der katholischen Klerikerkirche gilt die Frau als Quelle der Versuchung und der Mann als zu schwach, ihr zu widerstehen. Alle diese Über-Ich-Religionen bauen mit unzähligen Verboten streng legalistisch einen Damm gegen die stets lauernde Lust auf. Es ist die Frau, welche die böse Lust verkörpert, ausser sie bewahrt ihre Jungfräulichkeit. Darum der Jungfrauenkult in den patriarchalen Gemeinschaften: Die Frau ist entweder Heilige oder Hure. Die ebenbürtige und sexuell emanzipierte Frau, jenseits von Idealisierung und Dämonisierung, gibt es nicht.

Doppelmoral ist vorprogrammiert

Was solche Religionsgemeinschaften nicht wahrhaben wollen: Gerade dort, wo die sexuelle Repression am rigidesten ist, ist auch der Verrat am Reinheitsideal am akutesten und die Doppelmoral quasi vorprogrammiert. Erst in den letzten Jahren ist in geschlossenen religiösen Gemeinschaften das Ausmass sexueller Gewalt ans Licht gebracht worden: Seit der Jahrtausendwende hat ein Missbrauchsskandal nach dem anderen die katholische Amtskirche erschüttert. Fast so, als seien sexuelle Übergriffe von zölibatären Priestern auf Kinder systemimmanent. Im Islam sind es Intellektuelle, die das Doppelgesicht der Repression anprangern. Schriftsteller Alaa al-Aswani beschreibt sie in der ägyptischen Gesellschaft, wo immer mehr Frauen das Kopftuch tragen und immer mehr Frauen begrapscht werden. Amnesty International hat letztes Jahr für Tunesien eine Studie vorgelegt, wonach ein grosser Teil der Frauen Opfer von physischer und sexueller Gewalt wird. Immer öfter hört man von häuslicher Gewalt auch bei den orthodoxen Juden. Dabei versuchen gerade sie in Parallelgesellschaften und eigenen Schulen die Vision einer heilen Welt zu leben.

Je mehr die Religionen im Sog der Migration aufeinanderprallen, umso unvermittelter tritt das unterschiedliche Geschlechterverständnis zutage. Für den Schweizer Religionssoziologen Jörg Stolz liegt es auf der Hand, dass von einem «Clash der Zivilisationen» vor allem in Bezug auf Geschlechterfragen gesprochen werden muss. Gleichberechtigung der Frau oder Akzeptanz von Homosexualität sind letztlich die Fragen, an denen sich Kulturen und Religionen reiben, trennen oder von innen her spalten.

Demokratie und Aufklärung für den Islam ist nicht ohne sexuelle Emanzipation zu haben. Verschleierte Frauen, sagt man, haben keinen eigenen Körper und kein eigenes Subjekt. Es sind patriarchale Regelwerke, die sie unter Kopftuch und Burka zwingen, ihnen Schwimmunterricht und Handschlag verwehren. Besonders krass fordert der von Muslimbrüdern dominierte Europäische Fatwarat das Scharia-Korsett. In seiner Fatwa-Sammlung reglementiert er das Leben der Frauen minutiös. Die islamkritische Aufklärerin Saïda Keller-Messahli sieht darin Instrumente des politischen Islam. Auch die Sekundarschüler von Therwil verwehren ihrer Lehrerin den Händedruck nicht aus eigenem Antrieb. Sondern auf Druck der saudischen Faysal-Moschee in Basel, wo ihr Vater predigt.

Erstellt: 10.04.2016, 22:53 Uhr

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