Abgeschnitten von der Aussenwelt

«Es gibt Schnee, es gibt Lawinen, so ist das in den Bergen»: Bei den Einheimischen, die den Schneemassen mit Schaufeln und Schalk trotzen.

Die Bündner tragen die schwere Last mit Gleichmut: Ein Mann befreit in Davos-Laret einen Weg von den Schneemassen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

Die Bündner tragen die schwere Last mit Gleichmut: Ein Mann befreit in Davos-Laret einen Weg von den Schneemassen. Foto: Gian Ehrenzeller (Keystone)

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Wann war das letzte Mal so ein richtig strenger Winter? Armin Candinas muss lange überlegen, muss telefonieren und die Dorfchronik konsultieren. 1999, sagt er dann: «Da kam eine Lawine ziemlich nahe ans Dorf. Und 1984, da war es schlimm.» Aber heute? Winter halt, viel Schnee: «Das sind wir hier gewohnt.»

Ungewohnt ist für den Gemeindepräsidenten der surselvischen Gemeinde Sumvitg (gesprochen: Sumvitsch) nur der Aufmarsch der Journalisten. Alle sind sie da: der «Blick», die NZZ, ein Reporter hat sogar ein Klappvelo im Postauto mitgenommen. Zum Einsatz kommt es aber nicht. Der Schneepflug kann im dichten Schneetreiben nicht einmal die Hauptstrasse des Dorfs vom Schnee freihalten.

Was ist denn eigentlich passiert, fragt sich der 67-jährige Gemeindepräsident. Die Strasse nach Disentis ist an diesem Montag gesperrt, die Bahnlinie ebenfalls. Sumvitg ist das letzte erreichbare Dorf. Eine Lawine sei zwar nur halb abgegangen, aber sie bedrohe weiter die Verkehrswege, sagt ein Feuerwehrmann an der Sperre. Disentis selbst ist an diesem Tag weder von Osten noch von Westen zugänglich. Abgeschnitten von der Aussenwelt.

Telefonieren lässt sich zum Glück über die Sperrzone hinweg. Die Lawinen-Alarmanlage im Val Stalusa zwischen Sumvitg und Disentis sei in der Nacht auf Montag kurz nach 22 Uhr auf Rot gesprungen, erzählt Robert Cajacob, Gemeindepräsident von Disentis. Jetzt studieren die Fachleute die Lage am Berg, derweil die Einheimischen auf den Strassen die Touristen aufklären: Ja, so eine Blockade könne vorkommen, man sei eben im Hochgebirge, man möge sich doch bitte an die Verbote halten und auf Wanderungen abseits der geöffneten Wege verzichten. «‹Spezialisten› gibt es immer», sagt Robert Cajacob, aber grösstenteils hielten sich die Gäste an die Regeln. Das Wichtigste sei ohnehin, dass im Siedlungsgebiet keine Lawinengefahr herrsche.

Schneemauern durchfräsen

So wie in Disentis ist die Stimmung in manchem Bündner Tal: Es gibt unglaublich viel zu schaufeln, aber wir haben es noch unter Kontrolle. Am härtesten arbeiten wohl die Räumungsequipen der Rhätischen Bahn, die seit Samstag ununterbrochen im Einsatz sind. Sie graben und fräsen sich durch meterhohe Schneemauern, zersägen Dutzende auf Trassees gestürzte Bäume. Im Kanton sind zeitweise sieben Streckenabschnitte unterbrochen. «Am Sonntag kam schon sehr viel herunter», sagt Sprecherin Yvonne Dünser aus der warmen Churer Zentrale. «An manche Stellen kommen wir noch gar nicht hin, weil die Lawinengefahr noch immer zu hoch ist.» So bei der Teilstrecke Davos–Filisur. Der Abschnitt Klosters–Davos Platz ist am Nachmittag kurz befahrbar, muss aber gleich wieder geschlossen werden. Ähnlich sieht es auf dem Strassennetz aus: Am Montag sind im Kanton über 40 Abschnitte gesperrt – vom Julierpass bis zur Strasse nach Samnaun. Yvonne Dünser rechnet nicht mit einer raschen Entspannung – «es tut wieder zu».

Die Schulen bleiben zu

In Sumvitg freuen sich vor allem die Schüler über den Schnee. Weil es hier ein Schulkonsortium mit den Nachbargemeinden gibt und die Strassen nach Schlans und San Benedetg geschlossen sind, bleibt die Schule bis und mit Dienstag zu. Auch wer in Disentis arbeitet, bleibt zu Hause. «Mein Chef muss halt allein zurechtkommen», sagt ein Mann lachend vor seinem eingeschneiten Auto. Es gibt Schnee, es gibt Lawinen, so ist das in den Bergen. Das ist die Meinung im Dorf. Hochwasser wäre schlimmer.

Natürlich, Lawinengefahrenstufe 5 sei nicht angenehm, das müsse man ernst nehmen, sagt Gemeindepräsident Candinas. Aber selbst einer Katastrophe kann man hier Positives abgewinnen. 1984 donnerte eine gewaltige Staublawine ins Tal. Sie erreichte den Dorfkern zwar nicht, riss aber die im 13. Jahrhundert gebaute Kapelle Sogn Benedetg oberhalb des Dorfes mit sich. An ihrer Stelle steht nun – etwas versetzt, an lawinengeschützter Lage – eine neue Holzkapelle des Architekten Peter Zumthor, die Touristen aus der ganzen Welt anzieht.

Um Punkt 18 Uhr geben die Experten die Strasse frei. Einige Einheimische und Touristen wagen die Fahrt nach Disentis, direkt hinter dem Schneepflug. Das Dorf ist an diesem Abend ausgestorben, die Beizen sind leer. Wer bleibt, vergräbt sich zu Hause. Wer gehen will, tut es am besten gleich: Der Schneefall wird wieder deutlich stärker.

Erstellt: 15.01.2019, 08:48 Uhr

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