Die Salafisten aus Bümpliz tauchen in den Untergrund ab

Seit dem Terrorpropaganda-Prozess ist der Islamische Zentralrat im Gegenwind. Die Folge: Anhänger müssen Bankkonten tarnen – und tagen im Fitnesscenter.

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Es ist ein gesichtsloses Gebäude, wie es sie in Zürcher Aussenquartieren zu Hunderten gibt. Einige Fenster sind mit Spiegelfolie verklebt. Dahinter befindet sich ein Fitnesszentrum, aber nicht irgendeine Schwitzbude, sondern ein Studio, in dem die Geschlechter getrennt trainieren. Musliminnen sollen sich hier ohne Kopftuch, ohne Hidschab, fit machen können. Und man soll sie von aussen nicht sehen können.

Was das Gym ausserdem besonders macht: In den Nebenräumen finden regelmässig Veranstaltungen des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) statt – Filmvorführungen, Diskussionsrunden, Vorträge und auch schon mal eine Generalversammlung.

Kein Finanzinstitut will mit einer Organisation zu tun haben, die Jihad-Propaganda verbreitet hat.

Der Islamische Zentralrat vertritt nicht einmal ein Prozent der mehr als 400'000 Muslime der Schweiz. Er ist eine winzige, wenn auch immer wieder lautstarke Minderheit. In letzter Zeit allerdings ist es still geworden um ihn. Seit sein «Kulturproduzent» Naim Cherni im Juni vom Bundesstrafgericht in Bellinzona wegen Terrorpropaganda verurteilt wurde, tritt der Rat weniger in Erscheinung. Das Urteil ist noch nicht rechtskräftig, das letzte Wort wird das Bundesgericht sprechen.

Bereits während des Prozesses in Bellinzona hatte sich die IZRS-Führung beklagt, dass sie wegen behördlicher Gegenmassnahmen keine öffentlichen Grossanlässe durchführen und keine Bankkonten mehr eröffnen könne. Kein Finanzinstitut will mit einer Organisation zu tun haben, die Jihad-Propaganda verbreitet hat. Den Salafisten mit Hauptsitz in Bümpliz bei Bern weht ein kühler Wind entgegen, seit der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) im April 2017 eine Grosskonferenz in Zürich verhindert hat. Der IZRS wich nach Istanbul aus, durfte seine Veranstaltung aber auch dort nicht abhalten.

Keine Spenden in der Grauzone

Gegenüber dieser Zeitung kritisierte der Basler Extremismusexperte Samuel Althof damals Fehrs Entscheidung und behauptete, dass solche Verbote den IZRS bloss weiter stärken würden. Heute zeigt sich, dass die harte Haltung der Exekutive den Islamrat aus dem Licht der Öffentlichkeit und in eine Art Grauzone katapultiert hat. Medienwirksame Propagandaaktionen und das Anwerben neuer Mitglieder wurden schwieriger. Heute ist von zwei unabhängigen, aber anonym bleibenden behördlichen Quellen zu erfahren, dass es dem IZRS zunehmend schwerfalle, Einnahmen zu generieren. Die Verurteilung in Bellinzona habe dem Ruf des Islamrats in der Szene geschadet. Der IZRS wollte auf Anfrage zu einem allfälligen Rückgang von Spenden und Mitgliederbeiträgen nicht Stellung nehmen.

An manchen Wochenenden, wenn die Büros ausgestorben sind, kommt Leben in das Fitnessstudio am Zürcher Stadtrand. Bärtige Männer betreten an einem Samstag Ende Oktober das graue fünfstöckige Gebäude. Eine zuverlässige Quelle in Bundesbern, die ebenfalls anonym bleiben muss, klärt auf, dass der Islamrat den deutschen Hassprediger Ahmad Abul Baraa eingeladen hat für ein Referat mit dem Titel «Sei ein Mann!». Sinnigerweise waren dazu nur Männer zugelassen, die sich vorgängig beim IZRS anmelden mussten.

Wer ist Ahmad Abul Baraa? Richtig heisst er Ahmad Armih, ist deutscher Staatsbürger und amtet als Imam der salafistischen As-Sahaba-Moschee in Berlin. Seit langem werden er und sein Gebetshaus vom deutschen Verfassungsschutz, dem Inlandgeheimdienst, beobachtet. Was Abul Baraa seinen Zuhörern im Zürcher Fitnesszentrum genau erzählt hat, ist nicht bekannt. Auf seinem Youtube-Kanal lud er nur ein kurzes Video von der Veranstaltung hoch, die Aufnahme liegt der Redaktion Tamedia vor. Darin geht es um die Frage, ob sich gute Muslime Faustkämpfe ansehen dürfen. Abul Baraas Antwort: Nein, Muslime sollen leicht bekleideten Männern nicht dabei zugucken, wie sie sich die Gesichter blutig schlagen.

In anderen Auftritten bezeichnet Abul Baraa Journalisten als «Sklaven der zionistischen Presse».

Das klingt harmlos, ganz im Gegensatz zu anderen Videos, die Abul Baraa ins Netz gestellt hat. So fragt er in einem anderen, nicht näher verortbaren Referat, wer von seinen Zuhörern jetzt und sofort sterben möchte. Als nur zwei oder drei Hände in die Höhe schiessen, wertet der Prediger das als Zeichen, dass seine Zuhörer weit, sehr weit von Allah entfernt seien. Denn wer sich nahe bei Allah befinde, der ziehe das Paradies dem Diesseits sofort und jederzeit vor. In anderen Auftritten bezeichnet Abul Baraa Journalisten als «Sklaven der zionistischen Presse». Damit bedient er das antisemitische Klischee, nach dem die Medien von Juden beherrscht werden.

In einem Punkt scheint der deutsche Prediger eine ähnliche Haltung einzunehmen wie der IZRS, der ein Rechtsgutachten zugunsten der sogenannten Sunna-Beschneidung von Mädchen verfasst hat. So sagt Abul Baraa auf Deutsch in einem weiteren, dieser Zeitung vorliegenden Video: «Man entfernt ein Stück von der Klitoris, sodass diese nicht mehr allzu lang ist. Aber man darf hier nicht übertreiben, indem man alles entfernt. Hier muss man gucken bei diesem Mädchen, ob sie überhaupt eine Überlänge von der Klitoris hat. Wenn sie sowieso kaum was hat an Länge von der Klitoris, dann ist dieses sowieso nicht Pflicht für die Frau.»

Und was ist der Sinn dieses brutalen Eingriffs? «Wenn die Frau eine Überlänge bei der Klitoris besitzt, so hat sie ein sehr grosses Verlangen nach Intimität. Und indem dieses kleine Stück entfernt wird von der Klitoris, so normalisiert sich das Verhältnis von dieser Frau zur Intimität.» Wenn Abul Baraa solche haarsträubenden Dinge erzählt, zitiert er meist islamische Gelehrte oder aus dem Koran. Das ist nicht verboten.

Wem gehört das Lokal, in dem eine Figur wie Abul Baraa auftritt? Geschäftsführer des Zürcher Fitnesszentrums ist ein Luzerner Unternehmer mit Wurzeln auf dem Balkan. Besitzerin dagegen ist eine Investmentgesellschaft mit hochtrabendem Namen und einem Briefkasten an der Zürcher Bahnhofstrasse. Die zugehörige Website hat eine andere Firma registrieren lassen, die wiederum einem IZRS-Vorstandsmitglied gehört. Dieses Unternehmen hat sein Domizil nur wenige Schritte entfernt vom Fitnesszentrum in einem rötlichen Plattenbau in einer Parallelstrasse. Im Bürogebäude befindet sich eine Reihe weiterer Gesellschaften, die dem Vorstandsmitglied oder Angehörigen seines Familienclans gehören. Ein Besucher des Fitnesszentrums bestätigt ausserdem, dass der Vorstand gelegentlich an der Rezeption des Studios zu sehen sei.

Die Spur des Geldes

Die Investmentgesellschaft an der Zürcher Bahnhofstrasse hat noch eine zweite Website, die zu einem anderen Luzerner Geschäftsmann mit balkanischen Wurzeln führt. Der 29-Jährige gehört zum Führungszirkel des IZRS, auch wenn er nicht im Vorstand sitzt. Für den IZRS hat er einen unauffälligen, offiziell nicht mit dem Islamrat verbundenen Verein im Handelsregister eintragen ­lassen. Damit werden Spenden für den IZRS gesammelt. Der Verein hat ein eigenes Konto bei der UBS eingerichtet. Auch wenn nichts an den IZRS erinnert, sind die dorthin überwiesenen Gelder für die Salafisten in Bümpliz bestimmt.

Ähnlich gut getarnt ist ein Privatkonto bei der Credit Suisse, eröffnet von einem anderen IZRS-Aktivisten. Es wird für den Empfang der IZRS-Mitgliederbeiträge verwendet. Und wer die Hilfsorganisation des IZRS für Syrien unterstützen möchte, kann seine Spende an die Valiant-Bank überweisen, auf ein Konto, das dem Angestellten eines Putzinstituts gehört, auch er ein IZRS-Mitglied. Zu all diesen Konten liegen dieser Zeitung gesicherte Informationen vor.

Hinzu kommt eine grössere Zahl Vereine, die von IZRS-Aktivisten gegründet wurden und über deren Bankkonten möglicherweise ebenfalls Transaktionen zugunsten der Salafisten abgewickelt werden.

Bildstrecke – Nicolas Blancho rechtfertigt Steinigung

Besonders auffällig ist hier der nicht im Handelsregister eingetragene Verein «Diesel Freunde Solothurn». Dieser Name ist auch auf das Briefkastenschild eines IZRS-Aktivisten gekritzelt. Der Verein hat mehrere Fahrzeuge eingelöst, darunter einen Mercedes und einen Audi. Mit Autos, die auf dem Papier den Diesel-Freunden gehören, sind manchmal auch Mitglieder des IZRS-Führungszirkels unterwegs. Indem IZRS-Chef Nicolas Blancho «fremde» Wagen fährt, verhindert er, dass die Behörden das Fahrzeug zur Deckung seiner aufgelaufenen Schulden pfänden.

Wie das Fitnesszentrum am Zürcher Stadtrand dienen Vereine und Privatkonten der Verschleierung von Besitzverhältnissen und Transaktionen zugunsten des Islamrats. Im rauen Wind, der dem IZRS entgegenweht, haben es sich die Salafisten aus Bümpliz geschickt eingerichtet.

Erstellt: 03.12.2018, 23:25 Uhr

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