Plötzlich 12'600 Franken mehr fürs Altersheim

Eine Rentnerin wehrt sich gegen einen Preisaufschlag von 85 Prozent. Recherchen zeigen: Immer teurere Altersheimplätze sind kein Einzelfall.

Glücksspiel Altersheim: Jedes dritte steht im Verdacht, seinen Bewohnern für die Pension mehr zu berechnen, als es dürfte. Foto: Alamy

Glücksspiel Altersheim: Jedes dritte steht im Verdacht, seinen Bewohnern für die Pension mehr zu berechnen, als es dürfte. Foto: Alamy

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

In sechs Monaten wird sie 100 Jahre alt. Ein besonderer Tag. Sie ist aufgeregt, auch wenn sie gar nicht weiss, ob sie diesen Geburtstag wirklich noch erleben möchte. Luise K. (Name geändert) sieht fast nichts mehr, doch sie erzählt gern. Sie sitzt in ihrem Rollstuhl am Fenster ihres Zimmers im Altersheim in Urdorf im Zürcher Limmattal, faltet ihre Hände im Schoss und blickt auf das Dorf, in dem sie seit 76 Jahren lebt, Steuern bezahlt, die Kinder grosszog.

Das Heim sei tipptopp, sagt sie. Doch seit fünf Jahren liegt sie im Streit mit den Dorfoberen. Damals erhielt sie von der Gemeinde die Mitteilung, dass der Preis für die Pension nach dem Umzug vom alten Gebäude des Altersheims in den Neubau um 30 Prozent steigen werde und sie zusätzlich neu eine Betreuungstaxe von täglich 50 Franken bezahlen müsse. Ihre Ausgaben fürs Heim stiegen auf einen Schlag um 85 Prozent. Sie rechnete aus, dass sie allein für die teurere Pension bis zum Ende des Jahres über 12'600 Franken mehr bezahlen müsste – und ihre 91 Mitbewohner auch.

Fantasiepreis statt reale Kosten

Mithilfe eines Rechtsbeistandes legte sie Beschwerde ein. Sie ist zwar fast 100 Jahre alt, aber sie versteht noch sehr genau, was rund um sie herum geschieht. Und sie weiss, dass Gemeinden den Bewohnern nur reale Kosten verrechnen dürfen, keine Fantasiepreise.

In der Schweiz leben 153'300 Personen in einem Alters- oder Pflegeheim. Vielen von ihnen geht es ähnlich wie Luise K.: Die Heimrechnung wird ständig teurer, oft auch ohne zusätzlichen Komfort. Beim Gedanken, dass selbst ein bescheidener Heimplatz monatlich über 6000 Franken kostet, wird es vielen Senioren, die noch zu Hause leben, angst und bange. Wie soll man das bezahlen?

Klicken zum Vergrössern.

Als der Bundesrat die neue Pflege­finanzierung 2011 in Kraft setzte, versprach er, die Bewohner finanziell zu entlasten. Das Gegenteil traf ein, wie die Analyse der Daten aller 1552 Altersheime in der Schweiz zeigt. Ausgewertet hat diese sogenannte Somed-Statistik das Recherchedesk von Tamedia. Fazit: Es ist für Heimbewoh­ner nicht besser geworden – sondern schlechter.

Die Zahlen zeigen in 16 Kantonen einen schwierig zu erklärenden Anstieg der Kosten für die Pension. Das ist jener Teil, den die Senioren selber bezahlen müssen. Die Ausgaben in den gleichen Kantonen für die Pflege, welche die Krankenkassen und die öffentliche Hand berappen, steigen nicht im selben Mass.

Das ist nicht nur ungerecht, es ergibt auch wenig Sinn. Der grösste Ausgabenposten der Heime sind die Personalkosten. Sie machen 70 bis 80 Prozent aus, und sie steigen seit Jahren. Zum einen gibt es immer mehr Betagte, zum andern kommen sie zunehmend erst ins Heim, wenn sie stark pflegebedürftig sind. Das braucht viel und gut ausgebildetes Personal. Nun sollen also vielerorts ausgerechnet die Pflegekosten stagnieren oder nur schwach steigen? Während die Pension und Betreuung – das Bett, die Mahlzeit, die Putzfrau, der Ausflug – teurer werden?

Überschuss mit dem Pensionsgeld

Die Zahlen zeigen: Nicht weniger als 587 Altersheime – also mehr als ein Drittel aller Zentren in der Schweiz – verlangen von den Bewohnern pro Tag für die Pension mehr Geld, als in diesem Bereich tatsächlich Kosten anfallen. Sie erwirtschaften mit dem Pensionsgeld der Senioren also einen Überschuss. Auf der anderen Seite haben die Zentren bei der Pflege ein Loch in der Kasse: Die Krankenkassen und die öffentliche Hand – oft sind es Gemeinden – bezahlen zu wenig. Beides lässt sich in den Daten exakt nachvollziehen. Der Verdacht: Mit dem Plus der einen Kasse wird das Loch der anderen gestopft. Das verstösst gegen das Bundesgesetz über die Krankenversicherung. Dort ist festgehalten, dass die Bewohner für die Pflege pro Tag nicht mehr als 21.60 Franken bezahlen müssen.

Hinweise, dass es solche Querfinanzierungen in Einzelfällen gibt, existieren schon länger. Das Ausmass – 587 Heime – verblüfft jedoch. Preisüberwacher Stefan Meierhans sagt, dies sei ein starkes Indiz dafür, dass zurzeit in grösserem Stil ungedeckte Pflegekosten auf die Heimbewohner überwälzt werden. «Das übertrifft bei weitem die gesetzlich zulässige Eigenbeteiligung an diesen Kosten», sagt Meierhans. Er fordert von der Politik umgehend Massnahmen: Es sei gesetzlich vorzuschreiben, dass die Heime viel genauer erfassten, welche Kosten wo anfielen. «Der Gesetzgeber ist gefordert, dieser Bereicherung auf dem Buckel der kaum wehrfähigen betagten Menschen so rasch wie möglich einen Riegel zu schieben.»

Beschwerde gegen Gemeinde

Auch das Altersheim in Urdorf, in dem die bald 100-jährige Luise K. lebt, ist auf der Liste der 587 Zentren. Seit vergan­gener Woche liegt beim Zürcher Justizdepartement, bei Regierungsrätin Jacqueline Fehr (SP), in dieser Sache eine Aufsichtsbeschwerde auf dem Tisch. Der Streit geht seit Jahren von Instanz zu Instanz.

Die Gemeindepolitiker in Urdorf hatten 2013, als Luise K. gegen die horrende Preiserhöhung Rekurs einlegte, nicht gerade bürgernah reagiert. Die Gemeindepräsidentin, die der Evangelischen Volkspartei angehört, schickte der damals 95-Jährigen die Kündigung des ­Altersheimplatzes, was der alten Dame stark zusetzte. Die Gemeinde verweigerte ihr zudem die Akteneinsicht, mit der ihr Rechtsbeistand überprüfen wollte, wie es zur Preiserhöhung kam.

Beides erwies sich als rechtswidrig, wie später der zuständige Bezirksrat und das Zürcher Verwaltungsgericht entschieden. Die Kündigung wurde aufgehoben, Luise K. konnte bleiben.

3200 Franken oder mehr zu hoch

Dann schaltete sich der Preisüber­wacher ein. Zweimal überprüfte ein Ökonom des Bundesamts für Wirtschaft die Gemeindefinanzen. 2014 fand er für die Jahre 2012 und 2013 nicht nur eine unvollständige Buchhaltung vor, sondern verschiedene fragwürdige Posten, welche die Kosten für die Pensionäre in die Höhe drückten. So zum Beispiel eine Abschreibung von 610'000 Franken, für die er keine Erklärung fand. Der Finanz­spezialist des Bundes kam zum Schluss, dass der Preis für die Altersheimbewohner um 9 Franken pro Tag hätte gesenkt werden sollen. Pro Jahr hätte dies für Luise K. 3200 Franken ausgemacht.

Mit solchen Überprüfungen hat der Preisüberwacher schon mehrere Gemeinden dazu gebracht, ihre Altersheimpreise zu senken. Nicht in Urdorf. Die Gemeinde bestellte bei einem Treuhandbüro ein Gutachten, das sowohl die Buchhaltung als auch die Preise des Altersheims für in Ordnung befand.

Also beugte sich der Ökonom von Meierhans 2017 erneut über die Dorffinanzen und fand Erstaunliches. Es kamen neue Informationen zum Vorschein, die man ihm 2014 vorenthalten hatte, und es tauchten neue Kosten auf.

«Gemeinde spielt auf Zeit»

Die Gemeinde hatte nach seinem ersten Besuch 2014 beschlossen, das 1980 angeschaffte Gebäude des Altersheims nachträglich aufzuwerten. Bis dahin hatte sie es über 30 Jahre lang derart stark abgeschrieben, dass es 2012 praktisch keinen Wert mehr hatte. Neu setzte sie dafür über 3 Millionen Franken ein und verbuchte deshalb Abschreibungen von mehr als 200'000 Franken. Der Experte des Preisüberwachers hält in seinem neusten Bericht fest, es sei «nicht ersichtlich, auf welcher Grundlage die zusätzlichen jährlichen Abschreibungskosten» beruhten. Er kommt jetzt nicht mehr nur auf 9, sondern gar auf 16 Franken, die Urdorf den Bewohnern pro Tag für die vergangenen fünf Jahre zurückzahlen sollte. Insgesamt also knapp 2,6 Millionen Franken.

Der Ball liegt nun bei der Justizdirektion des Kantons Zürich, nachdem sich der zuständige Bezirksrat im Februar gegen Luise K. und den Preisüberwacher gestellt hat. Urdorf sagt auf Anfrage, alle Berechnungen seien gesetzeskonform erfolgt. Man habe die Abschreibungen gegenüber den rechtlichen Vorgaben zu tief angesetzt, deshalb sei dies nach­berechnet und ergänzt worden.

Der Streit geht weiter. «Die Gemeinde spielt auf Zeit», sagt Luise K.s Rechtsbeistand, «das alles geht so lange, bis die Beschwerdeführerin nicht mehr lebt. Dann verfällt der Anspruch.»

Erstellt: 04.04.2018, 06:43 Uhr

Recherche

Altersheim-Report

Das Recherchedesk von Tamedia hat Daten der 1552 Heime aus den Jahren 2012 bis 2016 ausgewertet, die das Bundesamt für Gesundheit publiziert hat. Auf Antrag dieser Zeitung hat das Bundesamt für Statistik (BFS) neben den Ausgaben kürzlich auch die Einnahmen der Heime im Bereich Pension publiziert. Mit diesen Angaben wurden die Überschüsse errechnet – ebenso im Bereich Pflege. Das BFS hat die Berechnungen validiert. (Red)

Artikel zum Thema

Altersheime in der Schweiz im Vergleich

Prüfen Sie die Adresse Ihrer Wahl in unserer interaktiven Webapp. Mehr...

Altersheim-Report

So steht es um Bewohner, Personal und Finanzen der 1552 Alters- und Pflegeheime in der Schweiz. Mehr...

Im Stress falsche Pillen verabreicht

Ein Machtkampf trübt die Stimmung im Alterszentrum Sophie Guyer in Pfäffikon. Darunter leiden vor allem die Bewohner. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Paid Post

Mehr Freizeit dank iRobot

Diese intelligenten Alleskönner übernehmen das Reinigen für Sie: gründlich, zuverlässig und vollautomatisch.

Geldsegen für Heime, doch Alte gehen leer aus

SonntagsZeitung Dank neuer Rechtslage können Heime über 300 Millionen pro Jahr beim Staat einfordern. Mehr...

Im Stich gelassen

Leitartikel Die Politik hat bei der Finanzierung der Altenpflege versagt. Missstände werden schon zu lange ignoriert. Damit muss Schluss sein. Mehr...

«Es fehlt die Planung bei den Altersheimplätzen»

Interview Der Präsident der Zürcher Gemeindepräsidenten bemängelt die vielen leeren Betten in Altersheimen. Mehr...