Abramowitsch-Fall bald vor Schweizer Gericht

Was verbindet Roman Abramowitsch mit der Schweiz? Eine Ölhandelsfirma, der Wunsch hierher zu ziehen und ein Prozess um einen Millionenkredit.

Streit um Millionen: Ab Mai wird mit Roman Abramowitsch in Freiburg verhandelt. Foto: Dukas

Streit um Millionen: Ab Mai wird mit Roman Abramowitsch in Freiburg verhandelt. Foto: Dukas

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Er will immer noch ins Wallis, nach Verbier. Zwar zog Roman Abramowitsch 2016 sein Gesuch um eine Aufenthaltsbewilligung zurück – doch vergangenen November reaktivierte er es wieder. Das berichten die «SonntagsZeitung» und «Le Matin Dimanche». Schon vor der Veröffentlichung des Zeitungsberichts erreichten Abramowitschs Schweizer Anwälte, dass über die brisanten Gründe vorerst nicht berichtet werden darf.

Mit Abramowitsch, der heute in London lebt, muss sich die Schweizer Justiz nicht nur befassen, wenn er gegen Medien vorgeht. Demnächst wird der Russe im Mittelpunkt eines zivilrechtlichen Verfahrens stehen. Die Europäische Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) fordert von ihm, seinem russischen Partner Ewgeni S. und dem Energiekonzern Gazprom, 46 Millionen Franken plus Zinsen zu zahlen. Wie wichtig der Fall für beide Seiten ist, zeigt schon die Grösse der Juristenteams: Insgesamt 17 involvierte Anwälte sind dem zuständigen Gericht bekannt.

Am 2. Mai beginnt das Verfahren in Freiburg, hängig ist es seit über 13 Jahren. Einsprachen haben es immer wieder verzögert. Die Ursache des Streits liegt noch viel weiter zurück – in den 90er-Jahren, als der Westen die russische Wirtschaft mit Milliarden stützte und clevere Geschäftsleute in der unregulierten Marktwirtschaft schnell zu riesigem Vermögen kamen. Zu ihnen gehörte Roman Abramowitsch. Er begann seine Karriere im Moskauer Büro der Freiburger Ölhandelsfirma Runicom. Heute steht sein Name auf Platz 139 der «Forbes»-Liste der reichsten Menschen der Welt.

Es begann mit Spielzeug

Abramowitsch wurde 1966 in der russischen Provinz geboren. Beide Eltern starben früh, er wuchs bei Verwandten in Saratow an der Wolga auf, ging zum Studium nach Moskau. Dort gründete er zur Zeit der Perestrojka die Firma Gemütlichkeit, die Plastikspielzeug und Bälle erzeugte. Der Handel mit Erdöl erwies sich jedoch als deutlich attraktiver. Abramowitsch kaufte Anteile der Schweizer Runicom, die wiederum Anteile an der russischen Erdöl-Produktionsfirma Sibneft hielt. Es dauerte nicht lange, und Abramowitsch wurde Hauptaktionär beider Unternehmen.

Die Ursprünge seines Reichtums liegen auch in der Schweiz.

Als Russland 1998 in die Finanzkrise schlitterte, wollte die Europäische Entwicklungsbank EBRD in Not geratenen Klein- und Mittelbetrieben helfen und gab dafür der russischen Bank SBS-Agro 33 Millionen Dollar Kredit. Als Sicherheit präsentierte die SBS-Agro unter anderem einen Millionenkredit, den sie an die Freiburger Runicom vergeben hatte. Dann ereignete sich gemäss früheren Medienberichten Folgendes: Als die SBS-Agro tatsächlich zahlungsunfähig wurde, behauptete Runicom, das Geld sei zurückgezahlt worden, und legte zum Beweis Dokumente vor. Ein Moskauer Gericht beurteilte diese Dokumente zwar als nicht echt, doch zu diesem Zeitpunkt hatte Runicom bereits Insolvenz angemeldet. 2004 wurde die Firma liquidiert.

Nun fordert die EBRD den Kredit von Abramowitsch und Partnern als den damaligen Eigentümern zurück.

Millionen, Milliarden

Selbst eine Niederlage in diesem Freiburger Verfahren würden einem Mann mit geschätzten 9 Milliarden Dollar Vermögen vermutlich keine schlaflosen Nächte bereiten. Allein der Wert der grössten seiner Jachten, der Eclipse, wird auf über 300 Millionen Dollar geschätzt. Ebenso teuer soll ihn gemäss Presseberichten die Scheidung von seiner zweiten Frau, Irina, gekommen sein. Zu seinen Immobilien gehören Häuser in London, New York, an der Côte d’Azur und in Bayern.

Abramowitsch wird zwar von britischen Paparazzi verfolgt, wo immer er öffentlich auftritt. Der Mann mit dem verkniffenen Lächeln spricht aber selbst nie mit Journalisten. Über seinen Sprecher lässt er Tagesanzeiger.ch/Newsnet ausrichten, dass er weder persönliche Angelegenheiten noch laufende Rechtsstreitigkeiten kommentieren werde.

In die Liga der reichsten Russen stieg Abramowitsch 2005 auf, als seine britische Holding «Millhouse Capital» Sibneft an den staatsnahen Konzern Gazprom für 13 Milliarden Dollar verkaufte. Zu diesem Zeitpunkt lebte der Oligarch mit seiner Familie bereits in London, zwei Jahre zuvor hatte er den Fussballclub Chelsea gekauft. Den machte er mit seinen Milliarden zu einem der erfolgreichsten und finanziell wertvollsten Vereine der Welt.

4 Milliarden Dollar Schadenersatz gefordert

In London zwang ihn allerdings auch sein ehemaliger Freund und Geschäftspartner Boris Beresowski in den grössten Zivilrechtsprozess in der Geschichte des Königreiches. Beresowski war bei Machthaber Wladimir Putin in Ungnade gefallen, hatte Russland verlassen und grosse Anteile seiner Firmen an Freund Abramowitsch verkauft. Später bezeichnete er diesen Verkauf als Betrug und verlangte von Abramowitsch über 4 Milliarden Dollar Schadenersatz. Vor Gericht verlor Beresowski.

Im Londoner Prozess kam auch ein Aufenthalt Abramowitschs in der Schweiz zur Sprache. Der Oligarch erzählte dem Gericht von einem geheimen Treffen auf dem Flughafen Samedan. Ein georgischer Geschäftspartner Beresowskis habe dort 1,3 Milliarden Dollar verlangt, um den Streit aus der Welt zu schaffen.

Vertrauter Putins

Öffentlich dokumentiert ist lediglich ein einziger Besuch Abramowitschs in der Schweiz: Im Dezember 2010 reiste er nach Zürich, wo Fifa-Präsident Sepp Blatter in der Messehalle die Austragungsorte für die Fussballweltmeisterschaften 2018 und 2022 verkündete. Russland erhielt den Zuschlag für 2018. Ein Journalist des britischen «Guardian» beschrieb danach, wie der scheue Oligarch in der vollen Halle vergeblich versuchte, Kameras und Reportern zu entkommen. Alle wollten seinen Kommentar hören, alle sahen in ihm den Strippenzieher des unerwarteten Erfolgs.

Zur internationalen Presse sprach schliesslich nicht Abramowitsch, sondern der eingeflogene Wladimir Putin. Und der wies an diesem Dezembertag in Zürich vor den Augen der Weltpresse dem Oligarchen seine nächste Aufgabe zu: Er könne bei Projekten für die WM 2018 helfen, den Staat zu entlasten. Was Putin damit wohl meinte: Abramowitsch solle Geld geben, noch mehr Geld. Für Fussballstadien, für Hotels, für neue Strassen.

Oligarch mit direktem Zugang zum Kreml

Dass Abramowitsch seine Heimat verliess und einen ausländischen Fussballclub kaufte, hat ihm Putin immer noch nicht ganz verziehen, auch das wurde bei der Pressekonferenz in Zürich deutlich. Hoch rechnet der Präsident dem heute 51-Jährigen hingegen sein politisches Engagement an: Von 2000 bis 2008 war Abramowitsch Gouverneur der Region Tschukotka, einer Halbinsel im Nordosten Sibiriens. In der ersten Amtszeit flog er häufig mit dem Helikopter ein, liess Schulen, Spitäler und Waisenhäuser bauen. Die zweite Amtszeit soll er auf ausdrücklichen Wunsch Putins angetreten und die Regierungsgeschäfte von London aus per Telefon erledigt haben. Aus amerikanischer Sicht gehört Abramowitsch mittlerweile zu Putins engsten Verbündeten. Das US-Finanzministerium setzte ihn auf die vergangene Woche veröffentlichte Liste der Oligarchen mit direktem Zugang zum Kreml.

Nach dem Auftritt in Zürich 2010 wurde Abramowitsch nicht mehr in der Schweiz gesichtet. Weder in geschäftlicher Mission noch zum Vergnügen. Seine Skiferien verbrachte der Russe viele Jahre lang im französischen Courchevel. Dann kaufte er ein Winterchalet in Aspen, Colorado. Doch das scheint ihm nicht mehr zu genügen. Seit zwei Jahren möchte er lieber im Wallis sein.

Erstellt: 04.02.2018, 20:19 Uhr

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