Die grosse Zerlegung

Die Schweizer Armee wird halbiert, gibt Standorte auf, und junge Männer wechseln in Scharen in den Zivildienst.

Massenentlassung: Offiziere und höhere Unteroffiziere bei der Auflösungsfeier der Gotthardbrigade Ende Dezember in Bellinzona. Foto: Stephen Kelly

Massenentlassung: Offiziere und höhere Unteroffiziere bei der Auflösungsfeier der Gotthardbrigade Ende Dezember in Bellinzona. Foto: Stephen Kelly

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Er wirkt etwas verloren, der Verteidigungsminister, wie er sich an diesem Winterabend im Bahnhof Bellinzona den Weg durch die Pendler bahnt. Im Schlepptau hat Guy Parmelin zwei hochrangige Militärs und sucht den für ihn reservierten Sitzplatz im Zug. Niemand schenkt ihm sonderlich Beachtung.

Parmelin ist auf der Rückreise von einer Art Begräbnis, der Auflösung des letzten grossen Tessiner Truppen­verbands. Ende Jahr hat die Gebirgs­infanteriebrigade 9 aufgehört zu existieren, 6000 Armeeangehörige wurden entlassen oder umgeteilt. Die sogenannte Gotthardbrigade war der einzige dreisprachige Grossverband, eng verknüpft mit dem Gotthard-Mythos. Damit ist nun Schluss. Durch die am 1. Januar in Kraft getretene Reform «Weiterentwicklung der Armee» schrumpft die Anzahl Soldaten markant.

Von einem «historischen Tag» spricht Brigadier Maurizio Dattrino. Der letzte Kommandant der Gotthardbrigade steht auf der Bühne des Espocentro in Bellinzona, einer Veranstaltungshalle mit dem Charme einer überdimensionierten Tiefgarage. Vor ihm 700 Offiziere und höhere Unteroffiziere, herbestellt zur Auflösungszeremonie. Der Abzug der Armee bedeutet das Ende von ­Bellinzona als militärischem Zentrum südlich des Gotthards – das Ende einer Geschichte, die im 15. Jahrhundert mit dem Bau der Sforza-Schlösser begonnen hatte.

«Wir müssen uns nicht um jene kümmern, die wegwollen. Sondern so gut werden, dass die Jungen zu uns kommen wollen.»Daniel Baumgartner, Korpskommandant und Ausbildungschef der Armee

«Ich verstehe ihre Wehmut», ruft Verteidigungsminister Guy Parmelin in die Halle. Armeechef Philippe Rebord übermittelt seine «Saluti di Berna» per Videobotschaft, und auf die Leinwand werden WK-Erinnerungsfotos projiziert – untermalt mit Hardrockmusik, deren Lautstärke sich an artilleriegeschädigte Ohren richtet. Endzeitstimmung.

Vergebliche Anstrengungen

So wie die Gotthardbrigade sind in den letzten Monaten zahlreiche Grossverbände aufgelöst worden. Anfang Jahr ist der Sollbestand der Armee auf 100'000 Mann halbiert worden. Kaum vorstellbar, dass er Ende der Achtzigerjahre über 600'000 Mann betragen hatte. Die Armee durchdrang alle Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft. Max Frisch schrieb 1989: «Feldgrau ist eine erprobte Farbe für Filz.» Und der Bundesrat hielt fest: «Das Wort ‹Die Schweiz hat keine Armee, sie ist eine Armee› beschreibt eine Realität, die im Ausland immer wieder Bewunderung erweckt.»

Die neuste Armeereform lässt nichts mehr übrig von dieser Realität. Aarau etwa galt seit der Helvetik als Garnisonsstadt. Von 1848 an waren in der Stadt­kaserne Kavalleristen und Infanteristen stationiert, Uniformen gehörten zum Stadtbild. Nun ist im Oktober die letzte Rekrutenschule zu Ende gegangen, die Truppe abgezogen. «Damit schwindet der Bezug zwischen Armee und Bevölkerung», sagt Peter Balzer, Präsident der Aargauer Offiziere. Alle Anstrengungen, die Armee den Menschen näherzubringen, würden so zunichtegemacht. Für Willi Vollenweider, Präsident der Offiziersgruppe Giardino, wird der Soldat in der Schweiz gar zum «Randständigen». Und die «Nordwestschweiz» übertitelte einen Bericht zum Abzug der Infanterie mit der Frage: «Wird der Aargau entmilitarisiert?» Es war Ausdruck einer Befürchtung, nicht einer Hoffnung.

Zwar spricht das bürgerliche Parlament der Armee weiterhin Geld auf Vorrat, und das Ansehen des Militärs ist in Zeiten von Terrorgefahr und gefühlter Unsicherheit so hoch wie lange nicht mehr. Laut dem ETH-Sicherheitsbericht finden derzeit 70 Prozent der 20- bis 29-Jährigen die Armee notwendig – 1991 waren es gerade mal 36 Prozent gewesen. Trotzdem verfügen wegen der sinkenden Diensttauglichkeit und eines sprunghaft gestiegenen Interesses am Zivildienst immer weniger junge Männer über eigene Erfahrungen in Feldgrün.

Im WK kommt es zum Bruch

Auch Lewin Lempert, Sekretär der Gruppe für eine Schweiz ohne Armee (GSoA), hat nie Militärdienst geleistet (medizinisch ausgemustert). Seine Vorgänger bei der GSoA mussten wegen Dienstverweigerung noch ins Gefängnis. Solche Kämpfe kennt der 21-Jährige nur vom Hörensagen. Aber er ist zahlen- und dossierfest. «Die Armee ist in einer Sinnkrise», sagt er. Der Zürcher studiert Religionswissenschaft, man könnte ihn auch für einen Juristen oder einen Betriebswirtschafter halten. Lempert ruft die jüngsten Probleme der Armee in Erinnerung. Er kann aus dem Vollen schöpfen.

«Die Armee ist in einer Sinnkrise»: Lewin Lempert ist Sektretär der GSoA.

«Die Armee hat die Gripen-Abstimmung verloren, sie hat sich bei der Bodluv-Beschaffung verrannt, weiss nicht, wohin mit dem Geld, und kauft sinnlos Munition auf Reserve», sagt Lempert. Ein Rätsel sei ihm auch, weshalb Armeechef Philippe Rebord gegen den Zivildienst wettere. «Die Armee sollte sich besser fragen, weshalb so viele Soldaten sie verlassen wollen.» Er stelle fest, dass selbst kritische Männer der Rekrutenschule etwas Positives abgewinnen können. Dann müssen sie in den Wiederholungskurs – und es komme zum Bruch. «Man kann nicht junge Leute, die mit ihrem Start-up oder durch Vaterschaft ausgelastet sind, drei Wochen aus dem Berufsleben herausreissen und sinnlos beschäftigen.»

Bestätigt wird die Einschätzung durch den ETH-Militärsoziologen Tibor Szvircsev Tresch: «Die jungen Männer rücken heute mit einer eher positiven Grundhaltung in die Rekrutenschule ein. Wird die Tätigkeit im Verlauf des Dienstes aber als sinnlos erachtet, versuchen sie schneller als früher, wegzu­kommen.» Tatsächlich entscheiden sich 40 Prozent aller Zivildienstleistenden erst nach der Rekrutenschule, das Militär zu verlassen. Insgesamt stieg die Zahl der Zulassungen zum Zivildienst von 1630 im Jahr 2008 auf 6785 im letzten Jahr – Tendenz weiter steigend. «Die Armee kann auf einer Metaebene gut darlegen, weshalb es sie braucht», sagt Tresch. Weniger erfolgreich sei sie damit beim diensttuenden Soldaten.

Nähe zur Jugend mittels Social Media

Das Steuer herumreissen soll Korpskommandant Daniel Baumgartner, der neue Ausbildungschef der Armee. Der drahtige Offizier ist die prägende Figur in der Armeeführung, der Antreiber, der die Öffentlichkeit sucht. Als letztes Jahr eine Genfer Rohstofffirma per Inserat ein Kadermitglied «ohne militärische Verpflichtungen» suchte, stauchte Baumgartner den Firmenchef in einem offenen Brief zusammen. Dieser entschuldigte sich umgehend.

Liess die Auflösungszeremonie ohne jeden Anflug von Nostalgie über sich ergehen: Korpskommandant Daniel Baumgartner.

Auf Baumgartner geht ein ganzer Strauss von Ideen zurück, mit denen die Armee attraktiver werden will: Neu können Rekruten zwei Jokertage pro Rekrutenschule einziehen, es wird Rücksicht auf körperliche Schwächen genommen, und wer weitermacht, erhält bis zu 13'000 Franken für die zivile Ausbildung. Den zunehmenden Rückzug der Armee aus der Öffentlichkeit will Baumgartner durch eine Social-Media-Strategie kompensieren: Instagram und Facebook sollen Nähe zur Jugend schaffen.

Fundamentaler Wandel

Die Auflösungszeremonie in Bellinzona war eine von vielen, denen Baumgartner in letzter Zeit beigewohnt hat. Er liess sie ohne jeden Anflug von Nostalgie über sich ergehen. Auch die vielen Abgänge Richtung Zivildienst scheinen ihn nicht zu bedrücken: «Wir müssen uns nicht um jene kümmern, die wegwollen. Sondern so gut werden, dass die Jungen zu uns kommen wollen.»

Tatsächlich befindet sich die Armee in einem fundamentalen Wandel. Eine anspruchsvolle und gut informierte Generation Soldaten rückt nach. Auf militärischen Leerlauf reagieren sie nicht stoisch, sondern ziehen die Konsequenzen. Der schnelle Wechsel zwischen verschiedenen Optionen gehört für sie zum Normalfall: Dienst leisten in einer sich zurückziehenden Armee ist nur eine davon. Ausbildungschef Baumgartner weiss das. Er kämpft nicht mehr gegen supponierte Gegner am Gotthard. Er kämpft um jeden Mann.

Erstellt: 16.01.2018, 19:02 Uhr

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D. Baumgartner.

L. Lempert.

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