Abu Ramadan ficht Asylentzug an

Das Staatssekretariat für Migration will dem Bieler Vorprediger den Asylstatus entziehen, was zu seiner Ausweisung führen könnte. Der Entscheid wird zum Gerichtsfall.

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Der Bieler Vorprediger Abu Ramadan, der als Hassprediger und Bezüger von 600'000 Franken Sozialhilfe in die Schlagzeilen kam, will sich gegen den Entzug seines Asylstatus wehren. Daniel Bach, Sprecher des Staatssekretariats für Migration (SEM), hat dem «Blick» bestätigt, dass beim Bundesverwaltungsgericht in St. Gallen eine entsprechende Beschwerde eingegangen sei. Das SEM hatte die Asyl und Flüchtlingseigenschaft des Predigers bereits am 3. August widerrufen, bevor der Fall durch «Tages-Anzeiger»/«Der Bund» und «Rundschau» publik gemacht wurde.

Abu Ramadan gab im Interview (Artikel kostenpflichtig) mit dem «Tages-Anzeiger»/«Der Bund» zu, dass er etwa zehn- bis zwölfmal sein Herkunftsland Libyen besucht habe. Er habe nicht gewusst, dass ihm das als Flüchtling in der Schweiz verboten sei. Dass er den SEM-Entscheid anfechten würde, hatte Ramadan schon länger angekündigt.

Der Kanton Bern kündigte nach der Publikation an, sobald der Asylentzug des SEM rechtskräftig sei, werde der Kanton die Niederlassungsbewilligung Ramadans überprüfen. Gemeint ist ein allfälliger Widerruf des Ausweises C, als härteste Massnahme wäre eine Ausschaffung möglich. Nun, da Ramadan den Entscheid des SEM anficht, muss der Kanton warten, bis das Bundesverwaltungsgericht sein Urteil gefällt hat.

Ramadan bestreitet Übersetzung

«Tages-Anzeiger»/«Der Bund» und «Rundschau» hatten auf Basis monatelanger Recherchen berichtet, dass der Libyer Abu Ramadan Hass schürt. Dabei stach ein Zitat aus einer Predigt besonders ins Auge:

«Oh, Allah, ich bitte dich, die Feinde unserer Religion zu vernichten, vernichte die Juden, die Christen und die Hindus und die Russen und die Schiiten. Gott, ich bitte dich, sie alle zu vernichten.»Abu Ramadan

Ramadan bestreitet die Übersetzung dieses Zitats. Der 64-jährige Prediger sagte im Interview, das Bittgebet sei keine Anstachelung von Menschen. Es sei ein Aufruf an Allah, also Gott. Dieser solle die Feinde der Religionen, die von Abraham abstammten, «übernehmen». Auch der Islamische Zentralrat Schweiz (IZRS) kritisierte die Übersetzung: In seiner Version hiess es, Allah solle sich der Hindus, der Russen und der «ablehnenden Schi’a» «annehmen».

Schützenhilfe bekam der IZRS hingegen vom Ordinarius für Arabistik- und Islamwissenschaft an der Ludwig-Maximilians-Universität München, Andreas ­Kaplony. In einer von ihm als «Kurzgutachten» bezeichneten Einschätzung, die er aus eigenem Antrieb erstellt habe, bezeichnet der Professor die Übersetzung als «massiv falsch». Ohne die gesamte Aufnahme und den Kontext zu kennen, übersetzt er das fragliche Verb mit «sich kümmern um». Die Aufforderung zu ­Gewalt sei «eine reine Erfindung des Übersetzers».

«Faktisch wünscht ihnen der Imam also den Tod»

Ramadan und den anderen Kritikern lag allerdings nur die im TV-Beitrag eingespielte kurze Sequenz vor, wie der «Tages-Anzeiger»/«Der Bund» erklärten. Bei der Produktion des TV-Beitrages sind zwei Wörter des arabischen Originaltons weggefallen – zu Beginn des Zitats über die Juden, Christen und andere. Dort fielen «Allah» und das umstrittene Verb weg. Das geht aus einem Gutachten hervor, das SRF in Auftrag gab.

Der Gutachter hält fest: «Die fehlenden zwei Wörter sind insofern wichtig, weil in der IZRS-Übersetzung den Juden und Christen nicht explizit der Tod gewünscht wird.» Tatsächlich, so der Gutachter, habe Abu Ramadan für alle genannten Religionsgemeinschaften und Völker dasselbe gefordert: «Aus dem Kontext der Predigt geht hervor, dass der Imam sich wünscht, dass Allah die genannten Völker zu sich nimmt. Faktisch wünscht ihnen der Imam also den Tod. Anders ist das im Kontext nicht zu verstehen.»

Auch die «Rundschau» wies die Kritik zurück: «Wir halten an unserer Darstellung fest. Die Zitate sind von drei verschiedenen Übersetzern geprüft worden», sagte ein Sprecher zu «20 Minuten».

(mch)

Erstellt: 09.09.2017, 09:01 Uhr

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