Achtung, das Fremde

Die bundesrätliche Anfrage von SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger-Bäni offenbart die älteste Denkweise: Was man nicht kennt, ist gefährlich.

Derwische oder Heuhaufen? Inszenierung von Volker Hesse bei der Gotthard-Eröffnung. Foto: Samuel Golay (ti-Press, Keystone)

Derwische oder Heuhaufen? Inszenierung von Volker Hesse bei der Gotthard-Eröffnung. Foto: Samuel Golay (ti-Press, Keystone)

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Und jetzt reden wir also tatsächlich über den Unterschied von Heuhaufen und Derwischen. Auslöser ist SVP-Nationalrätin Sylvia Flückiger, die in der Fragestunde des Parlaments vom Bundesrat wissen wollte, wo bei der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels die schweizerischen Grundwerte geblieben seien. Flückiger hat bei der künstlerischen Intervention von Volker Hesse «tanzende Derwische» beobachtet, und diese seien, das hat die Aargauer Nationalrätin in der «Enzyklopädie des Islams» nachgeschlagen, «eine Form der Annäherung von Allah». Mit dem Auftritt der Derwische habe der Bundesrat die schweizerischen Grundwerte verraten.

Die Antwort der Regierung ist trocken. Die Inszenierung habe sich ausschliesslich solcher Figuren und Sagen bedient, die der Alpenkultur entstammten. «Bei den angesprochenen Figuren handelte es sich nicht um Derwische, sondern um tanzende Heuhaufen.»

Für die Rezeption der Episode spielt der Unterschied zwischen einem Heuhaufen und einem Derwisch keine grosse Rolle. Die Geschichte hat allerdings eine zweite Ebene.

Publik gemacht hatte die Anfrage SP-Nationalrat Cédric Wermuth auf Twitter. Das Gelächter: gross. Onlinemedien nahmen die Geschichte auf, Viktor Giacobbo machte einen gelungenen Scherz dazu, im Morgenprogramm von SRF 3 gab es ein klassisches Reenactment. Es ist ja auch eine dankbare Geschichte: SVP-Nationalrätin versteht etwas falsch, fragt den Bundesrat (statt drei Sekunden nachzudenken), macht sich lächerlich. Garantierter Applaus. Und das, obwohl im Verlauf des Dienstagvormittags Zweifel an der bundesrätlichen Antwort aufkamen: Ein Journalist der «Zentralschweiz am Sonntag» hatte während der Vorführung tatsächlich zwei Derwisch-Röcke erspäht. Die typischen Hüte fehlten den Tänzern, und auch der Rock war leicht abgeändert. Aber immer noch so derwischmässig, dass es für eine Kürzestkontroverse wohl ausreichen wird.

Debatten über die «schleichende Islamisierung» unserer westlichen Gesellschaft laufen in Österreich und Deutschland genauso ab.

Für die höhnisch-lustige Rezeption der Episode auf den sozialen Medien spielt der Unterschied zwischen einem Heuhaufen und einem Derwisch keine grosse Rolle. Die ganze Geschichte hat allerdings eine zweite Ebene. Der Reflex von Flückiger-Bäni, die ihr unverständliche Theateraktion bei der Gotthard-Eröffnung sofort als den Beginn von etwas Gefährlichem zu deuten, ist im Rest Europas längst bekannt. Debatten über die «schleichende Islamisierung» unserer westlichen Gesellschaft laufen in Österreich und Deutschland genauso ab: Was einem nicht verständlich ist, wird in ein «Sie überrollen uns!»-Narrativ gezwängt. Jede Handlung des Staates hat in den Augen dieser rechten Verschwörungstheoretiker nur ein Ziel: den Horden aus dem Osten die eigene Kultur zu überlassen.

Auch die Schweiz hat schon Debatten über den Untergang des Abendlands geführt (beim Handschlag in Therwil etwa oder als es um den Schwimmunterricht von Muslimen ging). Diese Debatten waren heftig, aber sie waren weitgehend frei vom Verschwörergestus, der die Diskussion in Europa vergiftet. Nationalrätin Flückiger holt diese fremde Debattenkultur nun in die Schweiz. Lustig ist das nicht.

Erstellt: 07.06.2016, 12:43 Uhr

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