Achtung, grüne Hitzköpfe!

Wer unrealistische Klimaziele setzt, spielt jenen Kräften in die Hand, die den neuen Schwung im Klimaschutz ausbremsen wollen.

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Die Jungen gehen heute Samstag wieder auf die Strasse. Tausende werden nochmals ihren Unmut gegen die Klimapolitik der Alten kundtun. Mit Recht prangern sie die zögerliche Haltung der Politiker und Behörden an. Dass ihre Forderungen die Grenze des Machbaren weit überschreiten, lässt sich als Hilfeschrei einer Generation deuten, die ihre Zukunft in den Händen Untätiger sieht.

Unerträglich wird es jedoch, wenn nun im Sog der Jugendbewegung die Politik jeglichen Realitätssinn verliert. Ausgerechnet jene links-grünen Kreise, welche die SVP als populistisch brandmarken, verhalten sich jetzt nicht besser.

Das zeigt sich zum Beispiel in der Stadt Zürich. Keine Emissionen aus der Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe sollen bis 2030 mehr in die Atmosphäre gelangen, verlangt in einer Motion eine rot-grüne Allianz mit SP, Grünen, GLP, EVP und der Alternativen Liste. Sie übernimmt damit im Kern eine Forderung der jugendlichen Klimastreikenden – und will damit offensichtlich von der aktuellen Sympathiewelle in der Bevölkerung für die Jugendlichen profitieren. Macht das Beispiel Zürich national Schule, steht der zuletzt gewachsene Zuspruch für grüne Politik jedoch auf dem Spiel. Sind die grünen Parteien eben doch keine ernst zu nehmende Kraft, sondern eine Gruppe verklärter Umweltidealisten?

Es wäre politisch bereits ein Erfolg, wenn sich die Schweiz zum Ziel setzen würde, bis 2030 die Emissionen um die Hälfte zu reduzieren.

Die Revolution einer Energieversorgung, die sich über Jahrzehnte hinweg bewährt hat, lässt sich selbst mit grösstem politischem Willen nicht in zehn Jahren verwirklichen. Zweifellos läuft uns die Zeit davon, weil Politik und Gesellschaft in den letzten 30 Jahren den Klimawandel zu wenig ernst genommen haben. Viel zu wenig ernst. Mit dem Pariser Klimaabkommen gibt die Politik nun in einem völkerrechtlichen Vertrag deutlich zu verstehen, dass der Mensch der Hauptverursacher der Erderwärmung ist.

Abgesehen von der SVP orientieren sich alle politischen Parteien an diesem Vertrag. Es solle alles unternommen werden, um eine Erderwärmung von 1,5 Grad zu verhindern, heisst es im Abkommen. Dafür gibt uns die Wissenschaft zwar nur noch wenig Zeit, aber deutlich mehr als nur zehn Jahre: Ab der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts darf sich in der Atmosphäre kein zusätzliches CO2 mehr anreichern.

Das bedeutet: Die CO2 -Emissionen müssen in den nächsten 30 Jahren praktisch auf null sinken. Für Politik und Gesellschaft gibt es in diesem Fall nur noch eine Stossrichtung: Wer heute über eine neue Infrastruktur in der Energieversorgung, im Verkehr oder in Gebäuden entscheidet, muss ohne die Verbrennung fossiler Treib- und Brennstoffe planen.

Die Bevölkerung ist heute bereit, in eine nachhaltige Zukunft zu investieren.

Dafür braucht es die entsprechende Gesetzgebung, die den nötigen Druck erzeugt. Die technischen Voraussetzungen dafür sind da. Eine Erdöl­heizung darf nicht mehr durch eine Erdölheizung ersetzt werden, die erneuerbaren Energien müssen nun ernsthaft gefördert werden, der Verkehr ist zu elektrifizieren, der enge Raum in der Schweiz ist unter dem Aspekt des Klima- und Umweltschutzes zu planen.

Wer jedoch suggeriert, das wäre wie im Fall Zürich in zehn Jahren machbar, macht sich unglaubwürdig. Nicht einmal mit einer rigorosen Verbotspolitik wäre dieser Zeitplan einzuhalten. Die Bevölkerung ist heute bereit, in eine nachhaltige Zukunft zu investieren. Wenn aber Politiker mit unrealistischen Zielen operieren, erzeugen sie Frust und Enttäuschung.

Eine ökopopulistische Politik kann kurzfristig neue Wähler und Parlamentssitze bringen. Mittelfristig aber ist diese Strategie riskant.

Es wäre politisch bereits ein Erfolg, wenn sich die Schweiz zum Ziel setzen würde, bis 2030 die Emissionen im Vergleich zu 1990 um die Hälfte zu reduzieren und davon den grössten Teil aus eigener Kraft im Inland, ohne substanzielle Hilfe durch ausländische Klimaprojekte. Im Moment sind wir davon noch weit entfernt. Das Klimaziel 2020, eine CO2 -Reduktion von 20 Prozent im Inland, werden wir voraussichtlich knapp erreichen – aber nur dank den wachsenden Holzvorräten des Schweizer Waldes, der CO2 aus der Luft langfristig speichert.

Das ist die Realität – auch in einem Wahljahr. Eine ökopopulistische Politik kann kurzfristig neue Wähler und Sitze in den Parlamenten bringen. Mittelfristig indes ist diese Strategie riskant. Wer unrealistische Forderungen stellt, spielt jenen Kräften in die Hand, die heute schon vor einer Umweltdiktatur warnen und den neuen Schwung im Klimaschutz ausbremsen wollen. Das sind Gegenkräfte, welche die Anstrengungen im Klimaschutz wieder zunichtemachen könnten. Darin liegt die grösste Gefahr, die von den grünen Hitzköpfen ausgeht.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 05.04.2019, 21:17 Uhr

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