«Das kommt runter. Irgendwann»

Ärger am Axen: Der Fels bröckelt, die Strasse ist zu. Ruedi Degelo räumt mit seinen Leuten auf. Es muss schnell gehen und zugleich sicher sein.

Der erfahrene Bergsteiger hat am Berg Demut gelernt: Ruedi Degelo, Leiter Felssicherung Gasser AG. Foto: Fabian Biasio

Der erfahrene Bergsteiger hat am Berg Demut gelernt: Ruedi Degelo, Leiter Felssicherung Gasser AG. Foto: Fabian Biasio

Dieser Berg bewegt. Selbst einen Mann, der mit 25 alle 4000er der Schweiz bestiegen hat. «Eine Scheissecke», entfährt es Ruedi Degelo, heute 50 Jahre alt, «es ist gar nicht mehr lustig.» Degelo führt die Felssicherung der Gasser Felstechnik AG und erlebt unruhige Tage im Urnerland. Er steht um drei Uhr morgens auf und kehrt um acht Uhr abends heim.

Und wenn man sieht, wie gewandt er Anrufe wegdrückt, merkt man: Der Mann hat häufig Wichtigeres zu tun, als zu telefonieren. Er hängt im Felsen, entfernt und sprengt unliebsame Steine. Gumpischtal heisst der Problemhang – er klingt lieblicher, als er ist. «Gemeingefährlich» sei es da. «Wenn der Hang kommt und du da unten stehst, dann ist …» Degelo mag den Satz nicht zu Ende sprechen. Er meint: Feierabend, fertig, finito.

Es geht um die Axenstrasse. Der Flaschenhals auf der Schweizer Nord-Süd-Achse, der neuralgische Punkt zwischen Zürich und dem Tessin, der Blutdruckerhöher der Urner, Quell des Zorns aller Motorfahrer. Denn der Axen ist zu. Wieder einmal.

Im Hang liegt noch viel Geröll. Ruedi Degelo sagt, er habe noch nie einen solchen Berg erlebt. Foto: Fabian Biasio

Am Abend des 2. Oktober kamen Zehntausende Kubikmeter Geröll den Gumpischtal Richtung Nationalstrasse N4 herunter, seither ist der Strassenabschnitt zwischen Sisikon und Flüelen geschlossen. Es ist ein Déjà-vu. Bereits zwischen August und September war die Strasse wegen eines Murgangs gesperrt.

Degelo räumt momentan mit seinen Leuten auf und flickt die Auffangnetze. Er spürt Druck. Seine Arbeit bestimmt, wann der Axen wieder geöffnet wird. Jeder Tag, an dem der Axen geschlossen bleibt, ist ein schlechter für die motorisierten Pendler und Ferienreisenden, sie müssen einen kilometerlangen Umweg über Luzern fahren.

Die vier Wirte können ihre verkauften Mittagsmenüs an einer Hand abzählen.

Doch der geschlossene Axen trifft nicht nur die Leute auf der Strasse – die Sperrung spüren auch die Menschen in Sisikon, einem kleinen Urner Dorf mit 400 Einwohnern am Vierwaldstättersee. Lange war Sisikon der Restschweiz bekannt als Ort mit tückischer Radarfalle.

Heute ist es in den Schlagzeilen als Dorf, das von seinem Kanton abgeschnitten ist. Es fühlt sich abgehängt. Allein gelassen. Die Post kommt nur noch viermal pro Woche, das Brot erreicht den Dorfladen später, und die Autofahrer fehlen völlig – die Hauptstrasse ist verwaist. Die vier Wirte können ihre verkauften Mittagsmenüs an einer Hand abzählen.

Kein Auto, kein Verkehr: Die Hauptstrasse in Sisikon ist verwaist.
Foto: Fabian Biasio

Die «Möchtegern-Intelligenten»

16'000 Autos zwängen sich gewöhnlich jeden Tag durch die 50er-Zone von Sisikon. Sie fahren dabei auch am Haus vorbei von Ruedi Zwyssig, dem einzigen Bauern im Dorf. Zwyssig erlebt eigentlich gute Tage und noch bessere Nächte – er kann wieder einmal mit offenem Fenster schlafen. Doch er spüre, wie es im Ort brodle, wie die Urner Handwerker litten, weil sie Umwege fahren müssten.

Zwyssig will erst nichts zum Thema sagen, bis es aus ihm herausbricht: «Das Theater, das da gemacht wird. Unglaublich.» Er wettert gegen die «Möchtegern-Intelligenten», die Geologen. Es dünkt ihn übertrieben, wie lang das gehe, bis die Strasse wieder offen sei und wie viel das alles koste. Statt dass Degelos Leute oben am Hang arbeiten, angeseilt und langsam, könnte man doch unten an der Strasse eine drei Meter dicke Betonmauer bauen.

Degelos Männer arbeiten gesichert, zwei zusätzliche Beobachtungsposten melden jede Regung des Berges. Foto: Fabian Biasio

Degelo kann den Urner Zorn verstehen, doch die Sache sei komplizierter. Geologische Modelle zeigten die unfassbaren Kräfte der Massen – eine Betonmauer helfe da wenig. Und dann wird er grundsätzlich. Noch nie habe er einen solchen Berg erlebt. Im Sommer, nach dem ersten Murgang, wäre er nach der Erstbesichtigung am liebsten fortgelaufen und hätte gesagt: Da mach ich nichts – zu gefährlich für meine Mitarbeiter.

Er wagte es trotzdem und wandte eine neue Methode an. Am Helikopter angeseilt, aus der Luft, an den gefährlichen Brocken arbeitend: bohren und wegsprengen, immer zu zweit. Einer arbeitet, der andere beobachtet, zwei zusätzliche Beobachtungsposten melden jede Regung des Berges. Das hat im Sommer geklappt – es soll wieder klappen. Gerade liegt ein 90-Kubikmeter-Brocken sehr gefährlich im Hang, das sind 8 Lastwagenladungen Stein. Wenn diese kommen … Also bohren Degelos Männer Löcher und füllen sie mit Sprengladungen.

«Das hat nichts mit der Klimaerwärmung zu tun. Der Berg rutschte hier schon immer.»Ruedi Degelo

Doch da oben ist noch mehr. 100'000 Kubikmeter Geröll liegen in einer Mulde, bereit zum Abrutschen. «Das kommt runter. Irgendwann», sagt Degelo. Er erzählt, dass es bei Gewitter manchmal bloss 30 Minuten dauere – und schon rollen die Steine. Das habe übrigens am Gumpischtal nichts mit der Klimaerwärmung zu tun. «Der Berg rutschte hier schon immer.»

Am liebsten wäre es Degelo, wenn die Masse natürlich und in einem Mal runterkäme. «Wäre möglich, aber ist unrealistisch.» Tatsächlich ist das Wesen eines losen Geröllfelds eine komplexe Sache. «Es kann ganz unten kalberen. Und gleichzeitig auch oben», sagt Degelo.

Die Brücke der Scherzkekse

Die Situation ist ernst, und in ernsten Situationen müssen besondere Lösungen her. So kursiert unter den Sisigern seit Tagen eine Bildmontage: Die Strasse soll über einen Steg im Urnersee an der Gefahrenstelle vorbeigeführt werden. Da muss selbst Degelo lachen: gut gemeint, aber zwecklos.

Kreative Jux-Lösung, die auf sozialen Medien kursiert. Foto: PD

Die Urner FDP und SVP forderten zudem, dass man einen Nottunnel durch den Berg sprengen solle. Das Nein kam postwendend vom Astra, dem Bundesamt für Strassen. Nicht zielführend sei das, solche Zwischenlösungen könnten die Sache verzögern.

Die Sache. Seit über 40 Jahren warten die Sisiger auf einen Umfahrungstunnel. Er wurde immer wieder verworfen, doch seit 2007 gibt es ein 1,2 Milliarden teures Projekt. Eine Verlegung eines grossen Teils der Strasse in den Berg. Doch das Projekt «Neue Axenstrasse» ist blockiert. 57 Einsprachen gab es, noch sind drei hängig, das Bundesamt für Verkehr (Uvek) muss über sie beraten. Umweltverbände monieren, dass mit der neuen Strasse plötzlich viel mehr Verkehr durch den Axen fahren werde. Das widerspreche dem Alpenschutzartikel.

Das Uvek lässt sich Zeit mit den Einsprachen. «Seit drei Jahren geschieht nichts», sagt Sisikons Gemeindepräsident Timotheus Abegg, er spricht von einer Rumeierei und befürchtet, dass die Nöte von Sisikon vergessen gehen, sobald der Axen wieder offen sei.

Ja nicht den Berg unterschätzen

Diese Angst teilen seine Dorfbewohner. So haben sie sich zivilen Ungehorsam überlegt. Ihr Plan: Sisiger überqueren während Stunden den Fussgängerstreifen, stauen den Verkehr und machen so auf ihre Lage aufmerksam. Doch das wäre einem Ruedi Zwyssig zu viel: «So sind die Sisiger nicht», sagt er, «wir müssen nicht andere plagen, damit es vorwärtsgeht.»

Degelo hofft derweil, dass Fortschritte bald kommen. Das Wetter in den nächsten Tagen sieht gut aus, die Felssicherer können nach den verregneten Tagen wieder arbeiten. Degelo, der erfahrene Bergsteiger, hat am Berg Demut gelernt. Nichts überstürzen, nicht zu viel wollen und ihn ja nie unterschätzen. Und doch lässt er durchblicken, dass der Axen bald geöffnet wird – und schiebt ein: wenn alles gut geht.

Erstellt: 10.10.2019, 20:22 Uhr

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