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Kinderärzte befürchten Qualitätsabbau

Alain Bersets Tarifkürzungen sorgen für Ärger. Kinderärzte und Psychiater sind alarmiert.

Hat er den Unmut bewusst einkalkuliert? Bundesrat Alain Berset. Foto: Keystone
Hat er den Unmut bewusst einkalkuliert? Bundesrat Alain Berset. Foto: Keystone

Psychiater, Kinderchirurgen und Dermatologen stehen nicht im Ruf, zu den Grossverdienern unter den Ärzten zu gehören. Doch ausgerechnet deren Fachgesellschaften gelangen mit dramatischen Hilferufen an die Öffentlichkeit, weil Bundesrat Alain Berset auf Anfang 2018 die Arzttarife kürzen will. Die Dermatologen warnen, sie könnten künftig die für Hautuntersuchungen notwendige Zeit nicht mehr verrechnen. Ihr künftiger Stundenlohn von 180 Franken decke kaum mehr die Praxiskosten.

Psychiater und delegiert arbeitende Psychologen sehen die Behandlung ihrer schwächsten Patienten gefährdet, weil sie die Gespräche mit Angehörigen und Behörden nicht mehr adäquat verrechnen könnten. Die telefonische Betreuung suizidgefährdeter Patienten werde zur ärztlichen Gratisarbeit degradiert. Die Kinderchirurgen befürchten Qualitätsabbau, weil dem im Vergleich zur Erwachsenenchirurgie grösseren Zeitaufwand nicht mehr Rechnung ­getragen werde.

Der Gesundheitsminister stelle mit seinem Tarifeingriff nicht nur Chirurgen, Radiologen oder Augenärzte schlechter, sondern auch jene Fachärzte, die am unteren Ende der Lohnskala stünden, sagt Urs Stoffel, Mitglied des FMH-Zentralvorstandes. «Psychiater und Kinderchirurgen wollte Berset ja wohl kaum treffen. Doch genau das passiert.» Möglicherweise wird Berset nach Ablauf der Vernehmlassung in diesem Monat Retuschen vornehmen. Zumindest hat er im März versprochen, dass die Patienten von den Einsparungen um jährlich 700 Millionen Franken – bei einem Tarifvolumen von rund 10 Milliarden – nichts spürten. Neben überbewerteten technischen Leistungen werde der missbräuchlichen Verrechnung von Leistungen in Abwesenheit der Patienten ein Riegel vorgeschoben. Die Kassen vermuten, dass die Leistungserbringer mit dieser Tarifposition Bersets letzte Tarifkürzung von 2014 kompensieren.

Strafaktion oder Taktik?

Manche Ärzte sehen die Tarifkürzung jedoch als Strafaktion Bersets, weil die Ärzteverbindung FMH letztes Jahr die in jahrelangen Gesprächen ausgehandelte Gesamtrevision des Arzttarifs Tarmed ablehnte. Die FMH begründete das Nein mit Bersets Vorgabe, das neue Tarifwerk dürfe nicht zu höheren Gesundheitskosten führen. Die Besserstellung einzelner Gruppen wie jene der Haus- und Kinderärzte oder Psychiater sei nicht durch die Schlechterstellung der Spezialisten finanzierbar, so die FMH. Ignazio Cassis, FDP-Fraktionschef und Präsident des Kassenverbandes Curafutura, erhofft sich von Bersets Tarifeingriff eine heilsame Wirkung. Er vermutet, dass Berset den Unmut in der Ärzteschaft bewusst in Kauf nimmt. Das Ziel sei es, so viel Leidensdruck zu erzeugen, dass die Ärzte sich untereinander endlich auf eine kostenneutrale Tarifrevision einigten. Aus liberaler Sicht sei der Eingriff des Bundes zwar abzulehnen. Bundesrat Berset habe aber aufgrund der verfahrenen Situation keine andere Wahl.

Erste Anzeichen dafür, dass der Druck wirkt, sieht Cassis bereits. So seien im Mai erstmals seit Jahren wieder sämtliche Tarifpartner – Versicherer, Spitalverband und FMH – an einem Tisch gesessen. Das gemeinsame Ziel sei, bis Ende 2018 eine Tarifrevision zustande zu bringen.

Möglicherweise werde sich die Ärzteschaft unter dem Eindruck der «drohenden Katastrophe» doch noch auf eine Gesamtreform des Tarmed einigen, sagt Stoffel. Ein grosses Hindernis sei jedoch die Forderung der Krankenversicherer, dass jeder Vorschlag der FMH mindestens den gleichen Spareffekt habe wie Bersets Tarifeingriff: «Das kommt für uns nicht infrage.» Der Tarifexperte der FMH warnt davor, dass Bersets Spareffekt ohnehin nur einmalig und von kurzer Dauer sein werde. Denn als Folge der geringeren Entschädigung würden manche Eingriffe von Spezialärzten künftig kaum mehr ambulant vorgenommen. Stattdessen würden Patienten ins Spital überwiesen, wo der gleiche Eingriff stationär durchgeführt würde und wesentlich teurer sei. Stoffel nennt als Beispiel die Operation bei einer Einengung des Handmittelnervs. Die CTS-Operation (Carpal-Tunnel-Syndrom) ist einer der häufigsten handchirurgischen Eingriffe. Diese ärztliche Leistung wird künftig mit 73 statt mit 157 Franken abgegolten. Die Entschädigung der Kataraktoperation beim grauen Star werde gar von 376 auf 128 Franken reduziert, sodass frei praktizierende Ärzte den Eingriff nicht mehr kostendeckend durchführen könnten.

Hausärzte fast ohne Abstriche

Der Kassenverband Santésuisse bezweifelt aus anderen Gründen, dass der Spareffekt durch Bersets Tarifeingriff erreicht wird. Es müsse abgewartet werden, ob Ärzte und Spitäler die Kürzungen nicht erneut über andere Tarifpositionen kompensierten, sagt Santésuisse-Direktorin Verena Nold. Ihr Verband setzt deshalb vor allem auf Pauschal­tarife, die die zahlreichen Einzelpositionen des Tarmed ersetzen. Mit den Chirurgen, Augenärzten und Radiologen wurden bereits solche Pauschalen vereinbart. Nold geht davon aus, dass Bersets Tarifeingriff die Bereitschaft anderer Ärztegruppen erhöht, für ihre ambulanten Behandlungen mit den Kassen ebenfalls Pauschalen auszuhandeln.

Als eine der wenigen Ärztegruppen sehen sich die Hausärzte «mit einem blauen Auge davongekommen», wie Philippe Luchsinger, Präsident von Haus- und Kinderärzte Schweiz, sagt. Zwar seien auch sie von der Begrenzung der Patientengespräche und der Leistungen in Abwesenheit des Patienten betroffen. Bersets Tarifeingriff verschlechtere die Behandlungsqualität und stehe im Widerspruch zur Absicht, die Grundversorgung zu stärken. Aber im Durchschnitt würden die Hausärzte durch den Tarifeingriff nicht schlechtergestellt.

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