Ärzte wollen Sterbehilfe nur bei Schwerstkranken leisten

Die Ärzteverbindung FMH lehnt die neue Richtlinie der Ethikkommission zur Suizidhilfe ab. Doch auch die alten Vorgaben seien nicht mehr zeitgemäss.

Tödliches Mittel: Die Ärzteverbindung will sich nicht unter Druck setzen lassen. Foto: Keystone

Tödliches Mittel: Die Ärzteverbindung will sich nicht unter Druck setzen lassen. Foto: Keystone

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Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hat im Mai die ethischen Richtlinien zur Suizid­beihilfe gelockert. Demnach soll ein Arzt das tödliche Mittel Natrium-Pentobarbital verschreiben dürfen, wenn ein Patient sein Leiden wegen einer Krankheit oder Einschränkung als unerträglich empfindet. Die alte Richtlinie ­erlaubt die medizinische Suizidbeihilfe nur, wenn «die Erkrankung des Patienten die Annahme rechtfertigt, dass das Lebensende nahe ist».

Für die Schweizer Ärzteschaft bleibt diese Richtlinie weiterhin gültig. Denn das Parlament der Ärzteverbindung FMH (Ärztekammer) hat gestern eine Aufnahme der neuen SAMW-Richtlinie in ihre Standesordnung abgelehnt. Der Entscheid fiel mit 99 zu 37 Stimmen bei 5 Enthaltungen deutlich aus. Die Ärzteschaft stösst sich vor allem an der Formulierung des «unerträglichen Leidens». Es handle sich um ein höchst subjek­tives Kriterium. Neben körperlichen und psychischen Krankheitssymptomen könnten auch Einschränkungen im Alltag und in den sozialen Beziehungen solche Leiden verursachen. Für die FMH ist jedoch klar, dass Suizidbeihilfe durch einen Arzt nur erfolgen darf, wenn eine schwere, unheilbare Krankheit vorliegt. 

FMH zur Reform bereit

Allerdings hält auch die FMH die alte Richtlinie zur Sterbehilfe für nicht mehr zeitgemäss. Die Ärzteverbindung wolle deshalb mit der SAMW das Gespräch suchen, um eine neue Regelung zu finden, sagt Yvonne Gilli, Mitglied des FMH-Zentralvorstandes. Diese neue Richtlinie könnte so aussehen, dass die Beihilfe zum Suizid zulässig wäre, wenn jemand an einer schweren, unheilbaren Krankheit leidet, deren Symptome trotz bestmöglicher Therapie nicht genügend kontrollierbar seien. Damit würde die Bedingung des bevorstehenden Todes relativiert. Gilli nennt als Beispiel Patienten, die an einer unheil­baren fortschreitenden neurologischen Krankheit leiden. Ein ­solcher Patient soll nicht zwingend das Endstadium der Krankheit abwarten müssen, bevor er die Suizidhilfe in Anspruch nehmen kann. 

Die Schweiz ist eines der wenigen Länder, in dem die Beihilfe zum Suizid straffrei ist, ohne gleichzeitig die Sterbehilfe in einem Gesetz zu regeln. Strafbar ist Suizidhilfe nur, wenn sie aus selbstsüchtigen Beweggründen erfolgt – etwa wenn jemand auf das Erbe spekuliert.

Insofern machen sich Ärzte schon heute nicht strafbar, wenn sie ein Rezept für Natrium-Pentobarbital ausstellen, ohne dass die Person mit Sterbewunsch todkrank ist. Möglich wären bei Verstössen FMH-interne Sanktionen bis zu einem Ausschluss.

Nur bei urteilsfähigen Menschen erlaubt?

In der Regel übernimmt die FMH die Richtlinien der SAMW in ihre Standesordnung. Die Ablehnung der revidierten Richtlinien zum «Umgang mit Sterben und Tod» ist deshalb bemerkenswert. Führende FMH-Mitglieder wie Josef Widler, Präsident der Ärztegesellschaft des Kantons Zürich, hatten der SAMW vorgeworfen, sie wolle die Sterbehilfe zu einer ärztlichen Tätigkeit machen. Mit einer Bestimmung, die das subjektive Empfinden des Patienten in den Vordergrund stelle, gerieten die Ärzte unter Druck: Sie könnten sich dem Patientenwunsch nach Verschreibung von Natrium-Pentobarbital kaum mehr widersetzen. Kritiker monierten zudem, dass der Geltungsbereich auch die Behandlung und Betreuung von Kindern und Jugendlichen sowie Patienten mit geistiger, psychischer oder Mehrfahrbehinderung einschliesse.

Die SAMW ihrerseits verweist darauf, dass die Beihilfe zum Suizid nur bei urteilsfähigen Menschen erlaubt sei und auch gemäss der neuen Richtlinien der Sterbewunsch wohlerwogen, dauerhaft und ohne äusseren Druck entstanden sein müsse. Falls eine psychische Krankheit oder eine Demenz vorliege, müsse die Urteilsfähigkeit durch einen entsprechenden Facharzt evaluiert werden. Zudem wäre auch künftig kein Arzt verpflichtet, Suizidhilfe zu leisten.

Exit ändert Praxis nicht

Die Sterbehilfeorganisation Exit kritisiert die Weigerung der FMH, die neue Richtlinie zu übernehmen. Die FMH verpasse es, für ihre Mitglieder Klarheit zu schaffen und Anpassungen an die seit Jahren bewährte Praxis der Suizidhilfe in der Schweiz vorzunehmen, sagt Exit-Kommunikationschef Jürg Wiler. Die Empfehlungen der FMH stimmten nicht mit der Schweizer Rechtssprechung überein.

Exit sieht aufgrund des FMH-Entscheids keinen Anlass, ihre Praxis zu ändern. Deren Konsiliarärzte hätten bereits unter der alten SAMW-Richtlinie das Sterbemedikament verschrieben, falls ein unerträglich leidender Patient mit dem Wunsch nach Suizidhilfe an sie gelangt sei, sagt Wiler. Für diese Ärzte ändere sich nichts.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 25.10.2018, 22:38 Uhr

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