Agent arglos

Der Fall des in Deutschland verhafteten Schweizer Ex-Spions zeigt: Es ist irritierend, wie der Geheimdienst sein Personal für den Job auswählte.

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Die Geschichte klingt bizarr. Der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) setzt einen Agenten auf deutsche Steuerfahnder an. Doch der Spion gerät selbst in den Fokus der Schweizer Justiz. Und enttarnt sich, weil er über seine geheimen Missionen redet. Die Akten gelangen nach Deutschland, wo der Generalbundesanwalt ihn am Freitag verhaften lässt.

Deutsche Politiker geben sich empört: Die Schweizer wieder. Sie verwalteten nicht nur Schwarzgeld, sie schickten uns auch noch Spione auf den Hals. «Sauerei!», ruft Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen.

Es ist ein Schlamassel für den NDB, der jetzt dasteht, als hätte er seine Spezialisten nicht unter Kontrolle. Erinnerungen an einen IT-Techniker werden wach, der 2012 mit sensiblen Daten aus der Zentrale spazierte und nur durch Zufall aufflog.

Irritierend an dem Fall ist nicht so sehr, dass der NDB Agenten einsetzt. Dafür ist er da – er soll Wissen sammeln, das nicht ohne weiteres verfügbar ist. Googeln können wir alle. Aber herauszufinden, ob deutsche Steuerfahnder illegal in der Schweiz operieren, ist eine diffizile Angelegenheit.

Daniel M. liess sich übers Ohr hauen. Das spricht nicht für sein Fachwissen.

Irritierend ist deshalb vor allem, wie der NDB sein Personal für diesen Job auswählte. Wer sich mit Spezialisten auf dem Zürcher Finanzplatz unterhält, die M. kennen, hört immer wieder ähnliche Geschichten. Der Ex-Polizist hatte zwar ein dichtes Kontaktnetz, redete aber (zu) viel. Er soll über seine Aufträge geplaudert und trotz des delikaten Aufgabengebiets wenig von Diskretion gehalten haben.

Aus UBS-Kreisen heisst es, dass M. seinen Job als Sicherheitsspezialist bei der Bank 2010 nicht ganz freiwillig aufgab. Weil er später als Privatermittler versuchte, Bankdaten an deutsche Kontakte zu verkaufen, fand er sich 2015 in Schweizer U-Haft wieder. Nur: Die Daten, die er von einer israelischen Vertrauensperson erhalten hatte, entpuppten sich als plumpe Fälschungen. M. liess sich übers Ohr hauen. Das spricht nicht für sein Fachwissen.

NDB-Chef Markus Seiler sagte gestern an der Jahrespressekonferenz, das Nachrichtendienstgewerbe sei «kein Streichelzoo». Stimmt. Es ist Profi-Gebiet. Und das gilt auch für die Auswahl der eigenen Quellen.

Erstellt: 02.05.2017, 22:20 Uhr

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