«Die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Tourismus wird leiden»

Die Schweizer Hoteliers fürchten wegen den Agrarinitiativen um ihre Touristen – ihre Prognosen sind jedoch höchst umstritten.

Bald kein Appetit mehr auf die Schweiz? Chinesische Touristen speisen in einem Restaurant im Titlis-Gebiet.

Bald kein Appetit mehr auf die Schweiz? Chinesische Touristen speisen in einem Restaurant im Titlis-Gebiet. Bild: Keystone

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Ein Riss geht durch das Lager der Konsumentenschützer. Auslöser der Spaltung sind die beiden Agrarinitiativen, die am 23. September zur Abstimmung gelangen. Während die Konsumenten-Vereinigung Schweiz die Fair-Food-Initiative sowie die Initiative für Ernährungssouveränität befürwortet, lehnt die Stiftung für Konsumentenschutz Letztere ab und empfiehlt bei Ersterer weder ein Nein noch ein Ja.

Nun tritt ein dritter Akteur auf den Plan – und vertieft damit die Verwerfung weiter. Das Schweizerische Konsumentenforum spricht sich gegen beide Volksanliegen aus. Derzeit laufen die Aufbauarbeiten für ein Komitee, das aus gewöhnlichen Konsumenten besteht – sowie Gastronomen und Hoteliers. «Wir sind dabei, weil wir auch Konsumenten sind. Wir kaufen einfach etwas grössere Mengen ein», sagt Andreas Züllig, Präsident vom Verband Hotelleriesuisse mit seinen 3000 Mitgliedern, davon 2000 Hotels.

Das Komitee wird in den nächsten Tagen an die Öffentlichkeit treten. Für Züllig ist klar: «Beide Initiativen werden die Lebensmittel verteuern.» Sie zwängen den Staat, für die Kontrolle der eingeforderten hohen Lebensmittelstandards einen teuren Kontrollapparat im In- und Ausland zu errichten und zudem die Deklarationsvorschriften, die heute schon viel Aufwand verursachten, weiter auszubauen. Diese Bürokratie werde auf die Nahrungsmittelpreise durchschlagen.

«Ausländische Touristen halten weniger die Zimmerpreise in den Schweizer Hotels für zu hoch als vielmehr die Preise fürs Essen und Getränke.»Andreas Züllig, Präsident Hotelleriesuisse

Züllig warnt vor den Folgen: «Ausländische Touristen halten weniger die Zimmerpreise in den Schweizer Hotels für zu hoch als vielmehr die Preise fürs Essen und Getränke.» Günstigere Alternativen gebe es für sie im nahen Ausland. Das gilt laut Züllig auch für Schweizer Touristen, die über kein grosses Portemonnaie verfügen. «Die Wettbewerbsfähigkeit des Schweizer Tourismus wird unter dem Strich sicher leiden», sagt Züllig.

Züllig selber führt in Lenzerheide ein Hotel. «Die Hoteliers legen immer mehr Wert auf regionale Produkte und auf das Tierwohl», resümiert er. Dies entspreche einem wachsenden Kundenbedürfnis. Die Gäste seien auf das Thema Nachhaltigkeit sehr sensibilisiert. Die Nachfrage nach entsprechenden Produkten werde zunehmen. «Es braucht dazu kein staatliches Essdiktat», findet der Präsident von Hotelleriesuisse.

Die Initianten zeigen sich irritiert über die skizzierte Haltung. «Herr Züllig muss sich entscheiden», sagt Grünen-Präsidentin Regula Rytz. Entweder lege er Wert auf das Tierwohl und auf nachhaltige und regionale Produkte. Dann könne er die Ziele der Initiative gut erfüllen. «Oder er schaut doch nicht so genau hin. Dann besteht Handlungsbedarf.»

Markus Ritter korrigiert Economiesuisse

Die Warnung vor teureren Lebensmitteln: Sie hat den Abstimmungskampf bislang stark geprägt. Bereits diesen Montag hat der Wirtschaftsdachverband Economiesuisse argumentiert, die Promotoren der Fair-Food-Initiative strebten «Bio-Standards» bei allen Lebensmitteln an (was diese bestreiten), das Essen koste so langfristig 50 Prozent mehr. Diese Prognose ist jedoch höchst umstritten. Markus Ritter, der Präsident des Schweizer Bauernverbands, beziffert den Anstieg auf bloss 2 bis maximal 5 Prozent. Wie kommt er darauf? In der Schweiz werden pro Jahr Lebensmittel für 63 Milliarden Franken an Konsumenten und Gastronomie verkauft, davon macht der Wert der Importe 6 Milliarden aus, wie Ritter vorrechnet. Würden sich diese Importprodukte um 50 Prozent verteuern – was Ritter jedoch für völlig übertrieben hält – wären es künftig 3 Milliarden mehr. Diese 3 Milliarden entsprächen dann etwa 5 Prozent der heutigen Gesamtausgaben.

Raum für Zahlenschiebereien

Doch auch Ritters Rechnung fusst wie jene von Economiesuisse auf Annahmen. Dazu gehört, dass die Initiative nur Auswirkungen auf den Importbereich habe, die heutigen Produktionsvorschriften in der Schweiz also nicht tangiere. Dies hätten die Initianten ihm schriftlich bestätigt, so Ritter. Der Initiativtext ist jedoch ziemlich offen formuliert; er lässt auch strengere Qualitätsvorgaben für die Schweizer Landwirtschaft zu. Im Abstimmungskampf bleibt damit viel Raum für Zahlenschiebereien und entsprechende Szenarien.

Fakt ist: Wie sich die Preise bei einer Annahme der Fair-Food-Initiative entwickeln würde, hinge massgeblich davon ab, wie das Parlament die Initiative umsetzen würde. Ritter möchte hier offensichtlich bereits erste Pflöcke einschlagen. Der Bauernverband hat zwar bei beiden Initiativen Stimmfreigabe beschlossen. Ritter selber befürwortet aber die Fair-Food-Initiative. Wie er zur zweiten Agrarinitiative steht, verrät er nicht.


Wie stimmen Sie am 23. September ab? Faire Lebensmittel und Velowege sind die Themen der kommenden Abstimmung. Was schreiben Sie auf Ihren Stimmzettel?

Erstellt: 23.08.2018, 15:28 Uhr

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