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«AHV First» ärgert Pensionskassen

Für die Politik hat die Sanierung der AHV höchste Priorität. Doch Pensionskassen leiden unter dem zu hohen Umwandlungssatz und wehren sich.

Leiden unter hohem Umwandlungssatz: Nach dem Nein zur Rentenreform warnen Pensionskassen davor, die BVG-Revision zurückzustellen.
Leiden unter hohem Umwandlungssatz: Nach dem Nein zur Rentenreform warnen Pensionskassen davor, die BVG-Revision zurückzustellen.
Walter Bieri, Keystone

Nach dem Scheitern der Rentenreform hat für die bürgerlichen Abstimmungssieger SVP und FDP die Neuauflage der AHV-Reform Vorrang. «Die AHV zuerst» lautet das Motto. SVP-Präsident Albert Rösti erwartet vom Parlament noch vor den Wahlen von 2019 eine separate AHV-Vorlage mit Frauenrentenalter 65 und einer moderaten Mehrwertsteuerhöhung. Auch FDP-Präsidentin Petra Gössi will sich zuerst um die AHV kümmern, weil dort rascher gehandelt werden müsse. Mit der Sanierung der beruflichen Vorsorge (BVG) und der Senkung des Umwandlungssatzes von 6,8 auf 6,0 Prozent soll hingegen zugewartet werden, bis die AHV-Reform unter Dach ist.

Bestärkt werden FDP und SVP von Experten, die die Dringlichkeit der Umwandlungssatzsenkung relativieren. «Nur noch wenige Kassen leiden unter dem zu hohen Umwandlungssatz», sagt etwa Pensionskassenexperte Werner C. Hug. Denn viele Pensionskassen verfügen über genügend überobligatorisches Kapital und können deshalb den Umwandlungssatz weit unter den gesetzlichen Wert senken, sodass sie die Renten finanzieren können.

Probleme haben jedoch Kassen, die vor allem Versicherte mit nur gesetzlichen Minimalleistungen haben. 13 Prozent der Versicherten, meist aus Tieflohnbranchen, sind in solchen BVG-nahen Kassen. «Es wäre fatal, wenn die bürgerlichen Parlamentarier nach dem Nein zur Altersvorsorge die BVG-Revision zurückstellten», warnt Sergio Bortolin, Geschäftsführer der Pensionskasse Asga. Die Asga hat viele Versicherte mit Leistungen, die sich am gesetzlichen Obligatorium orientieren. Bei der Asga sind rund 12'000 Arbeitgeber mit insgesamt über 100'000 Mitarbeitern versichert.

Umverteilung von einem Drittel

Der zu hohe Umwandlungssatz erfordert bei der Asga eine grosse Umverteilung zur Finanzierung der Renten. Bei einer Pensionierung müsse die Asga für einen Rentner zurzeit 20 Prozent des Alterskapitals zusätzlich reservieren, um die Rentenleistung zu garantieren. Diese Umverteilung lasse sich nur finanzieren, solange ausreichende Kapitalerträge erzielt würden. «In den letzten 22 Quartalen haben die Börsen zugelegt, und die Immobilien wurden aufgewertet. So ergab sich eine gute Performance, die das finanzierte», sagt Bortolin. «Falls wir jedoch wieder eine Finanzkrise wie 2008 haben, werden viele Vorsorgeeinrichtungen in eine Unterdeckung geraten.»

Die Folge wären Sanierungsmassnahmen, die Arbeitnehmer und Arbeitgeber bezahlen müssen. «Es ist leichtsinnig, wenn die Politiker meinen, die Lage für BVG-nahe Sammel- und Gemeinschaftseinrichtungen sei nicht dramatisch», warnt Bortolin. Die Asga profitiert zurzeit noch davon, dass auf einen Rentner zehn Erwerbstätige kommen. Allerdings steht die Asga wie alle anderen Kassen in den kommenden Jahren vor einer Pensionierungswelle.

Noch grösser ist die Umverteilung von den Aktiven zu den Rentnern bei der Auffangeinrichtung BVG. Bei dieser Vorsorgestiftung sind rund 36'000 Angestellte im Rahmen des gesetzlichen Obligatoriums versichert. Sie fungiert im Auftrag des Bundes als Auffangbecken und Sicherheitsnetz der zweiten Säule. «Wenn der gesetzliche Umwandlungssatz nicht gesenkt wird, geht die massive Umverteilung zwischen erwerbstätigen Versicherten und Rentnern weiter», warnt Marco Bagutti, Direktor der Auffangeinrichtung. Die Erwerbstätigen subventionierten derzeit bei der Auffangeinrichtung jedem Pensionierten die Rente zu rund einem Drittel. «Das kann nur so lange gut gehen, wie es noch genügend berufstätige Versicherte im Verhältnis zu den Rentenbezügern hat.» Die aktiven Versicherten zahlen oft mit überhöhten Beiträgen für Invalidität und Tod einen Teil der heutigen Renten, was einer Umverteilung gleichkommt. Bei der Auffangeinrichtung sind von 36'000 Versicherten zurzeit 5200 Rentner.

EL-Reform verschärft Problem

Michael Bolt, Direktor der Hotela-Vorsorgestiftung, sorgt sich noch aus einem anderen Grund um die langfristige Finanzierung der Renten. Falls das Parlament, wie vom Bundesrat vorgeschlagen, den Kapitalbezug für das obligatorisch angesparte Alterskapital verbietet, muss die Hotela künftig viel mehr Renten ausrichten als heute. Zurzeit kommt bei der Pensionskasse, bei der rund 70'000 Angestellte der Hotellerie- und Gastrobranche versichert sind, ein Rentner auf 18 Erwerbstätige. Weil die Versicherten in Tieflohnbranchen arbeiten, verfügen die meisten nur über obliga­torische Leistungen. Die meisten Versicherten verlassen die Hotel- und Gastrobranche vor ihrer Pensionierung, oder sie lassen sich ihr Kapital auszahlen, wenn sie nach der Pensionierung ins Heimatland zurückkehren. Doch der Ständerat hat sich bei der Reform der Ergänzungsleistungen (EL) für das Verbot des Kapitalbezugs für obligatorische BVG-Leistungen ausgesprochen.

Schliesst sich der Nationalrat dem Verbot an, könnte der zu hohe Umwandlungssatz für die Hotela zum Problem werden. «Denn bei einem Umwandlungssatz von 6,8 Prozent werden die Renten zum Teil von den Aktiven finanziert», sagt Bolt. Er hofft deshalb vor allem, dass der gesetzliche Umwandlungssatz rasch gesenkt wird. «Die heutige Situation ist absolut unbefriedigend.»

Video – Das sagt Bigler nach der Abstimmung zur Rentenreform

Hans-Ulrich Bigler vom Gewerbeverband gibt die Stossrichtung für die nächste Reform vor.

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