Alle wollen ein Stück Schweizer Langeweile

Wer das Bestehende wirklich bewahren will, muss den Rechtsstaat schützen. Angst macht hässlich.

Das Land als meditative Nichtdestination: Mann mit Hund am Genfersee in Genf. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

Das Land als meditative Nichtdestination: Mann mit Hund am Genfersee in Genf. Foto: Salvatore Di Nolfi (Keystone)

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Der amerikanische Reiseschriftsteller Eric Weiner sang diese Woche ein Loblied auf die Langeweile. Es sei keine gute Idee, aufregende Länder zu besuchen, schrieb er in einem Essay für die BBC. Wirklich erfüllend seien Orte, an denen nichts geschehe. Zum Beispiel die Schweiz: «Meine täglichen Spaziergänge durch Genf waren geprägt von, na ja, nicht viel.» Weiner suchte Stimulation, Unterhaltung. «Doch die Schweiz verweigerte sich. Kein Drama, kein Feuerwerk, weder wörtlich noch metaphorisch.» Nach erstem Frust geriet der Autor in einen Zustand angenehmster Wattigkeit; er entdeckte «die stillere Freude des Gewöhnlichen». Mitschreiben, Schweiz Tourismus: das Land als meditative Nichtdestination.

Weiner musste erst nach Bhutan und Island fahren, um in der Schweiz herauszufinden, was das bekannte chinesische Sprichwort seit Jahrhunderten weiss: Möge dich das Schicksal davor bewahren, in interessanten Zeiten zu leben. Interessante Zeiten bedeuten Veränderung, Unruhe, Fremde im Vorgarten.

Wohltuende Öde

Eines aber hat der Amerikaner in Genf nicht erfasst: Was ihm wohltuend öde schien, ist uns ein wenig zu interessant. Zu viele Flüchtlinge an den Grenzen, zu viele Ausländer im Land. Die unsere Frauen belästigen, Polizisten bespucken. Wir sind Paris, wir sind Köln. Deshalb sieht es nun so aus, als ob die Durchsetzungsinitiative der SVP am 28. Februar eine Mehrheit finden könnte. Eine Umfrage von «20 Minuten» kam diese Woche auf 61 Prozent Zustimmung. Nicht schlecht für eine Vorlage, die 150 Jusprofessoren als Gefährdung des Rechtsstaats erachten, weil sie eine Zweiklassenjustiz für Bürger und Nichtbürger anstrebt. Beachtlich für einen Vorstoss, den Bundespräsident Johann Schneider-Ammann «unnötig und schädlich» nennt.

Lehnte ein bürgerlicher Schwerblüter wie Schneider-Ammann früher eine Initiative als zu extrem ab, war die Sache jeweils gegessen. In der Schweiz galt: Das Volk darf alles, aber wagt nicht viel. Doch damit ist es vorbei. Nach den Minarett-, Verwahrungs- und Masseneinwanderungsinitiativen glaubt niemand mehr an Selbstzügelung. Volksinitiativen sind Sprengsätze, und in aufgeheizter Stimmung gehen sie hoch.

Angst als Grundgefühl

Nur: Woher stammt die Hitze? Da sind keine Horden, die unsere Frauen anpöbeln, keine Ausländer, die unsere Jobs wegschnappen. Und auch keine Bürgerwehren, keine Pegida-Wutpinsel. Der US-Tourist hat schon recht gesehen: Es ist ruhig in der Schweiz. Kein Feuerwerk.

Doch gefürchtet wird, was kommen könnte. Soziologen wie Heinz Bude haben diese Angst zum Grundgefühl unserer Zeit erklärt. Sie pocht in uns allen: Angst vor sozialem Abstieg, dem Neid der anderen, dem McKinsey-Jobkiller und dem Selbstmordattentäter. Während konkrete Bedrohungen im Alltag rar werden, keine Wölfe im Wald mehr lauern und die Wohnung auch im Winter warm bleibt, mehrt sich die Furcht vor dem Unberechenbaren. Wir wissen nicht mehr, woher der nächste Hammer kommt, der unsere Pläne und Sicherheiten zu Klump klopft.

Wohlstandsfaschismus in Europa?

Migranten sind sichtbar, nicht nur in Signalwesten. Sie sind die Boten der Veränderung. Sie wollen auch ein Stück langweilige Schweiz – für sich und ihre Kinder. Und wir haben Angst, dass es nicht für alle reicht. Wir-zuerst-Populisten profitieren, überall in Europa.

Linke Kommentatoren vergleichen unsere Zeit bereits mit Hitlers Aufstieg, sehen Orban, Trump und Le Pen als groteske Clowns, über die gelacht wird, bis es zu spät ist. Doch einen grossen Unterschied zu Weimar gibt es: Dem Westen geht es gut. Von Not und Hunger kann keine Rede sein. Der frühere deutsche Aussenminister Joschka Fischer attestiert dem Westen deshalb «Wohlstandsfaschismus»: zunehmende Fremdenfeindlichkeit bei solidem Einkommen. Er hat recht.

Die Angst vor den Migranten ist eine Angst um Privilegien. Der Westen des «weissen Mannes» hat die Welt lange dominiert. Nun kämpft er Rückzugsgefechte. Auch die Durchsetzungsinitiative ist ein Versuch der Besitzstandswahrung: Spielregeln verschärfen, um weiter zu gewinnen.

Angst macht hässlich. Nach 9/11 haben die USA Verdächtige gefoltert – aus Furcht vor weiteren Anschlägen. Wer sich von der Angst leiten lässt, bewahrt keine Stärken, sondern verwandelt sich. Europa ist stark. Wir hören nicht auf, Konzerte zu besuchen, wenn Terroristen in Paris Menschen erschiessen. Wir halten am Rechtsstaat fest, auch wenn ein Mob Frauen belästigt. Grundsätze gelten – in öden wie in interessanten Zeiten.

Erstellt: 15.01.2016, 20:41 Uhr

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