Als der Herr Ständerat das Aromat stehen liess

Zur Eröffnung: Welches Erlebnis verbinden Sie mit dem Gotthard? Wir sammeln die besten Anekdoten – und präsentieren die spannendsten Geschichten unserer Politiker.

Schön wars: Ein Personenzug auf der Gotthard-Bergstrecke zwischen Erstfeld und Göschenen. Alle Fotos: Keystone

Schön wars: Ein Personenzug auf der Gotthard-Bergstrecke zwischen Erstfeld und Göschenen. Alle Fotos: Keystone

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Man hat es ja geahnt, aber jetzt spätestens wissen wir es: Unsere National- und Ständeräte tendieren im Altersschnitt eher Richtung «Tagesschau» als Richtung Zeki Bulgurcu (kennen Sie nicht? Tja, das ist der Lauf der Zeit). Wen man im Bundeshaus auch immer auf den Gotthard anspricht, dessen erster Satz ist meist folgender: «Da sind wir immer drüber gefahren. Es war ja lange vor dem Tunnel!»

Der Tunnel für die Autos wurde 1980 eröffnet und nahm viele lustige Erlebnisse mit ins Loch. So scheint es auf jeden Fall, wenn man sich von Parlamentarierinnen und Parlamentariern ihre lustigste Gotthard-Episode erzählen lässt. Diese spielen oft lange vor der Tunneleröffnung.

Bei den Politikern soll es übrigens nicht bleiben: Eine unvergessliche Töfflifahrt über den Pass? Ein Bad im kühlen Passsee? Im Leerlauf die Tremola hinunter (hoffentlich nicht!)? Zur Eröffnung des Gotthard-Basistunnels suchen wir die besten Anekdoten aus unserer Leserschaft. Gerne in der Kommentarspalte oder hier: input@tages-anzeiger.ch


Ständerat Roberto Zanetti (SO, SP): Der schönste Sonnenaufgang

Es war schlechtes Timing. Irgendein italienischer Festtag, die Badeferien im vollen Gange, in ganz Ligurien kein Bett mehr frei. Zanetti mit Freunden im Meer, Zanetti später in dieser kleinen, unglaublich sympathischen Beiz irgendwo im Hinterland. Nach dem ausufernden Mahl ins Auto und zurück Richtung Schweiz. «Und als die Sonne aufging, standen wir auf dem Pass. Was für ein Gefühl. Diese Fahrt hatte sich gelohnt!»


Ständerat Pirmin Bischof (SO, CVP): Das gestohlene Aromat

Wenn es gen Süden geht, nimmt Pirmin Bischof die Passstrasse. Schon oft hat er das gemacht, und jedes Mal kehrt er im Hospiz ein, um einen Kaffee zu trinken. Einmal kam er während eines solchen Besuchs mit dem Wirt ins Plaudern. Woher, wohin, das Übliche. «Gute Fahrt!», rief der Wirt zum Schluss, «und nehmen Sie nichts mit, was Ihnen nicht gehört!» Bischof stutzte, kehrte um und lernte eine universelle Wahrheit über seine Schweizer Mitbürger. Das Aromat auf dem Tisch des Gotthard-Hospiz gehört zu den meistgeklauten Dingen überhaupt, erzählte der Wirt. Auf dem Passübergang, so scheint es, wird dem Deutschschweizer mit Wucht bewusst, dass er ins kulinarische Ausland fährt. Ein Ausland ohne Aromat. Das Grauen! Bischof mag die italienische Küche. Das Aromat habe er immer stehen lassen. Sagt er zumindest.


Nationalrat Roland Büchel (SVP, GR): Leiden auf dem Eingänger

Das Velo war ein uralter Militärgöppel Marke Condor («‹Flieg, Condor, flieg!› hab ich gerufen. Hat aber nichts genutzt.»), ein Eingänger. Hinten montierte Büchel ein grosses Ritzel, das schon, aber es nützte nur bedingt. Mindestens zwei Kilometer pro Runde musste er den Condor stossen. Vor ein paar Jahren war das, eine Spendenaktion für die Krebshilfe. Zwölf Stunden von Airolo die alte Tremola hinauf und dann wieder hinunter. Viermal schaffte Büchel die Kehre – «Ich war grausam in Form damals» –, der Muskelkater danach sei aber noch grausamer gewesen. Büchels Happy End an diesem Tag war von verzögerter Art. Als er als Letzter der Teilnehmer ins Startgelände zurückkehrte, waren die Spaghetti schon allesamt vertilgt. «Da bin ich halt in die nächste Pizzeria und habe mindestens drei Pizzen verschlungen.»


Ständerätin Anita Fetz (BS, SP): Würste mit den Holländern

Eine Kindheit im Ford Caravan. Drei Kinder, Mutter und Vater, eine Zeltausrüstung und: ein Fernseher. Der Vater hatte ein Fernsehgeschäft, ein Fernseher war immer dabei. Auch wenn es zum Besuch der Verwandten nach Zürich ging. Und dann jeden Sommer: Ab in den Ford, den Gotthard hinauf, «und dort berührten wir die Wolken. So hat es Vater immer genannt, wir fanden es grossartig.» Auf dem Weg zum Gotthard hinauf winkte man den Holländern zu, die mit ihren schwach motorisierten Campern reihenweise liegen blieben. Auf dem Zeltplatz in Tenero («Ein Standplatz, natürlich») traf man sich wieder. Und wenn der Schweizer zur Not einmal ein Aromat im Gotthard-Hospiz einpackt, da spielt der Holländer in einer ganz anderen Liga. «Die haben einfach alle Lebensmittel selber mitgenommen.» Fetz mag sich besonders an die Würste aus dem Glas erinnern. «Sie schauten bei uns Fernsehen. Und wir assen ihre Würste.»


Nationalrat Claudio Zanetti (SVP, ZH): Der Gebirgsgrenadier

Regiment 37, tief im Berg, mitten in der Gotthardfestung. Ein Mann, ein Réduit: Claudio Zanetti erlebte in seiner Rekrutenschule als Gebirgsschütze, was der Bundesrat im Zweiten Weltkrieg als tatsächliche Option in Erwägung zog. Kalt wars und windig und doch ein grosses Erlebnis. Begrüssung durch Oberst Jean-Daniel Mudry, die Ärmel des Kämpfers nach hinten gerollt: «Manne, ich wünsche euch eine gute und eine harte RS!» Hart war vor allem der Weg ins Wochenende. Mit dem Bus ins Unterland nach Göschenen, mit dem Zug Richtung Zürich. In eine andere Welt.


Nationalrat Beat Flach (GLP, AG): Freie Sicht aufs Mittelmeer

Bei Flach wünscht man sich eine Anekdote um die Ecke: AC/DC waren ja eben in Bern, und neben dem Teufelshörner-Schnappschuss von Doris Leuthard und Philipp Müller (ein Bild, das man leider nie mehr vergessen wird) schaffte es auch Flach mit seiner Familie beim Konzertbesuch in den Boulevard. Ob er denn nicht auch auf die Band Gotthard stehe? «Bewahre!» Da sei erstens dieser komische Produzent (der zwischenzeitlich von Christoph Blocher einen Badge fürs Bundeshaus erhielt) und zweitens stehe er auf die richtigen Sachen. Aber eine Gotthard-Anekdote hat Flach trotzdem: An der ETH untersuchte der GLP-Nationalrat die Auswirkungen der Neat auf das Tessin und den Kanton Uri. Titel: «Nieder mit den Alpen und freie Sicht aufs Mittelmeer.» So weit ist es dann doch nicht gekommen.


Nationalrat Christoph Eymann (LDP, BS): Ein Kreis schliesst sich

Als einer von ganz wenigen aktuellen Parlamentariern darf Christoph Eymann bei der Eröffnung des Basistunnels morgen bestaunen, was er einst selber veranlasst hat. In seiner ersten Periode als Nationalrat gehörte er 1994 zu jenen Kräften, die Adolf Ogi beim Ja für die Neat unterstützten. Inklusive Werbekampagne, in der jeweils ein linker und ein rechter Parlamentarier gemeinsam einen Pickel schwangen. Slogan: «Da sind wir uns einig.» Gute alte Zeiten.


Nationalrat Eric Nussbaumer (SP, BL): Mit dem Bus zum Stahlwerk

Es waren die frühen 1980er und der Tunnel noch nicht allen geheuer. Die Studenten mieteten einen Bus, ächzten die Passstrasse hinauf und wieder hinunter. Übernachtet wurde irgendwo bei der Alta Strada, es gab lustige Staffelläufe (Alkohol soll eine gewisse Rolle gespielt haben) und ein Besuch im Stahlwerk Monteforno bei Bodio. Die lustigen Elektrotechniker besuchten eine untergehende Welt: Ein paar Jahre später wurde Monteforno geschlossen.

Kleiner Nachtrag: Eric Nussbaumer mag sich nicht mehr richtig an das Gefährt aus der Studentenzeit erinnern. Ganz im Gegensatz zu Elisabeth Schneider-Schneiter (BL, CVP), die in ihrer früheren und späteren Jugend per Töff den Gotthard erfuhr. Yamaha XT, Enduro, ein 600er, sie muss keine Sekunde nachdenken. «Das war zu meinen Sturm-und-Drang-Zeiten. Wie ich diese Passstrasse hochflog!»


Nationalrat Ignazio Cassis (FDP, TI): Der Herr des Gotthards

Und zum Schluss: endlich ein Tessiner. Und die Enthüllung, dass es mit Aromat und Café crème im Gotthard-Hospiz nicht getan ist. Denn wie der Tessiner weiss: Der Pass ist erst der Beginn. Auf den Tourenski von der Passhöhe hoch zum Pizzo Lucendro, knapp 3000 Meter hoch. Das schönste Gotthard-Erlebnis von Ignazio Cassis. «Da schaust du nach Norden, nach Süden, unbeschreibliche Weiten. Und fühlst dich als Herr über den ganzen Gotthard.»

Erstellt: 31.05.2016, 14:42 Uhr

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