Als der Staat Daten zu sammeln begann

Das erste Statistische Jahrbuch der Schweiz war 1891 das, was wir heute «Big Data» nennen. Schon damals war das Misstrauen gegen die Datensammler gross.

Schweizer Auswanderer in den 1930er-Jahren: Emigration war ein grosses Thema der ersten Statistischen Jahrbücher. Foto: Keystone

Schweizer Auswanderer in den 1930er-Jahren: Emigration war ein grosses Thema der ersten Statistischen Jahrbücher. Foto: Keystone

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Kaum war der Schweizer Bundesstaat gegründet, war eine seiner ersten Handlungen: Daten sammeln. Er zählte seine Bevölkerung, Männer und «Weiber», eheliche und uneheliche Kinder, Inländer und Ausländer, Protestanten, Katholiken und Israeliten. Das Misstrauen unter den Gezählten war gross. 1850, 168 Jahre vor dem Facebook-Skandal, befürchtete der Bürger aber nicht, dass seine Daten missbraucht werden könnten, um Wahlen zu beeinflussen. Er befürchtete, dass er mehr Steuern zahlen muss, wenn der Bund nun so genau über ihn Bescheid wusste.

Mit der ersten Volkszählung hat der Bund den Grundstein für das 125. Statistische Jahrbuch der Schweiz gelegt, das gerade erschienen ist: Es ist 664 Seiten stark, 2,7 Kilogramm schwer und umfasst dennoch nur einen Bruchteil aller Daten, die heute erhoben werden. Das erste Jahrbuch nimmt sich daneben wie ein besseres Taschenbuch aus, das Titelblatt vergilbt, die Schrift leicht unregelmässig gesetzt, die Rechtschreibung ungefestigt. Dennoch war das, was die drei Mann des «Eidgenössischen Statistischen Bureaus» aus den unharmonisierten Registern des ganzen Landes zusammentrugen, eine enorme Entwicklung. Sie ist vergleichbar mit dem, was die Gesellschaft heute mit Big Data erlebt. Anhand von langen Zahlenkolonnen wurde damals der junge Bundesstaat erstmals in seinen Konturen erkennbar.

Es ist ein Land, in dem vieles noch seine Richtigkeit zu haben scheint – jedenfalls aus Sicht konservativer Parteien. Die Menschen lebten in Haushalten von durchschnittlich 4,6 Personen (Jahrbuch 2018: 2,2 Personen) zusammen. Es blieben mehr Leute ledig, ansonsten war man verheiratet, selten geschieden: Auf eine Scheidung kamen damals 24 Eheschliessungen, heute sind es 2,5. Selbst das Ableben verlief geordnet. Jedenfalls führte das erste Jahrbuch eine sogenannte Absterbeordnung. Nach dieser hatte ein einjähriger Knabe eine Lebenserwartung von 56 Jahren, heute sind es knapp 81.

Land der Kühe

Der junge Bundesstaat selber veröffentlichte im ersten Jahrbuch noch unbekümmert Zahlen, die seit dem Zweiten Weltkrieg praktisch aus allen offiziellen Statistiken verschwunden sind: jene über die Armee. Wohl unter interessierter Beobachtung aus dem Ausland listeten die Statistiker auf, wie viele Mann im Dienst der Infanterie, Kavallerie, Artillerie, Genie und Sanität standen, wie viele dem bewaffneten Landsturm angehörten und wie viele den Hilfstruppen.

Auch die Gründe für Dienstuntauglichkeit wurden detailliert gelistet. Die häufigsten waren ein Kropf, schlechte Augen oder Plattfüsse. Selbst Schweissfüsse waren ein häufiger Grund. Viele junge Männer waren aber schlicht zu schwach für den Dienst. Auffallend ist, wie klein sie damals waren. Die Kleinsten, die Innerrhoder, brachten es im Durchschnitt nicht einmal auf 160 Zentimeter «Körperlänge», die Grössten, die Genfer, auf 166 Zentimeter. Am Ende der Aushebung blieben lediglich 60 Prozent Taugliche. Heute sind die Männer mit einer Tauglichkeit von 78,8 Prozent deutlich gesünder. Untauglich sind sie nun meist wegen des Rückens, der Gelenke, wegen Angstzuständen oder Drogen. Im neusten Statistischen Jahrbuch sucht man diese Angaben allerdings umsonst.

Durch alle 125 Jahrbücher hindurch widerspiegelt sich die Entwicklung der Schweiz von einem armen Bauernstaat zu einem wohlhabenden, leistungsfähigen Land. Wurden 1891 noch über Seiten hinweg Kühe, Schafe, Ziegen und Bienenstöcke gezählt – lebend, frisch geschlachtet oder gedörrt –, spielt die Viehwirtschaft bereits 1916 eine weniger zentrale Rolle. Dafür wächst der Finanzsektor auch im Statistischen Jahrbuch.

Einwandern statt auswandern

Der steigende Wohlstand zeigt sich auch indirekt: In der ersten Ausgabe werden über viele Seiten die Auswanderer nach Übersee vermessen, die meisten sind Bauern, viele kommen aus dem Kanton Bern. 1889 bestiegen 8430 von ihnen das Schiff, die Mehrheit Richtung USA oder Argentinien. In den 1960er-Jahren hingegen, die Schweiz ist längst ein reiches Land, ist die Einwanderung das dominierende Thema. In den Statistiken steigt die Zahl der Ausländer, in der Bevölkerung die Angst vor Überfremdung. Nun misstrauen Gastarbeiter den Befragungen: Auf Betreiben der Fremdenpolizei sollen sie angeben, wie lange sie schon im Land sind und welche Aufenthaltsbewilligung sie besitzen.

Immer wichtig war die Bildung, auch in den Jahrbüchern. 1890 waren an den sieben Hochschulen nur 2315 Personen eingeschrieben und «von den immatrikulierten Studenten sind weibliche»: 229. So ist eine Tabelle überschrieben. In Basel studierte damals eine einzige Frau. 118 Jahre später kippten die Mehrheitsverhältnisse, und heute sind 50,4 Prozent der Immatrikulierten Frauen. 145'946 Personen studieren nun an einer Hochschule. Die Hörsäle sind überfüllt, und eine «akademische Personalressource» betreut bis zu 30 Studierende. 1890 war ein Professor in der Regel für ein bis zehn Studenten zuständig.

Der Datenhunger wächst

Ab 1960 begann der Bund mehr Zahlen zu sammeln, wollte in den Volkszählungen noch mehr über seine Bürger erfahren; die EDV half ihm nun, die Datenflut zu verarbeiten. Langsam wurde der Bürger gläsern. So blieb das Misstrauen gegen die Sammeltätigkeit der Oberen ein zuverlässiger Begleiter aller Jahr­bücher. War es anfangs die Befürchtung, vom Fiskus ausgesogen zu werden, glaubten Linke und Gewerkschaften um 1900, dass die Herrschenden die sozialen Ungleichheiten verschweigen wollten, und erwirkten, dass die Arbeitslosigkeit erhoben wird. In den 1980er-Jahren bekam das Misstrauen neue Nahrung, als bekannt wurde, dass der Staat im Zuge der Fichenaffäre 700'000 überwiegend linke Bürger ausspioniert hatte.

Daneben wirkt heute das vergilbte Jahrbuch von 1891 unbedarft und unschuldig. Zwei der einst 3000 Exemplare liegen noch beim Bundesamt für Statistik in Neuenburg – es kann aber auch integral im Internet heruntergeladen werden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.04.2018, 19:42 Uhr

Bundesamt für Statistik (BFS)

«Selbst der Nachrichtendienst bekommt keine Daten»

Statistik dürfe nicht zum Spielball der Politik werden, warnt der BFS-Direktor.

Mit Georges-Simon Ulrich sprach Janine Hosp

Noch bevor das erste Statistische Jahrbuch 1891 gedruckt war, war das Misstrauen da. Das Volk fürchtete stets, die Mächtigen würden die Daten missbrauchen. Zu Recht?

Es ist gut, wenn die Leute kritisch hinterfragen, weshalb ihre Daten erhoben werden und was damit geschieht. Viele sind sich zu wenig bewusst, wie viele Datenspuren sie im Internet hinterlassen, wie der Fall von Facebook exemplarisch zeigt. Es ist auch gut, dass die Bevölkerung die Arbeit unseres Amts immer kritisch hinterfragte – so werden ihre Daten bereits seit 1992, seit das Bundesstatistikgesetz in Kraft ist, anonymisiert und unter Datenschutz gestellt.

Aber auch Ihr Amt gibt Daten weiter.

Ja, aber nur anonymisiert und nur zu Forschungszwecken – es macht keinen Sinn, dass Hochschulen diese aufwendige Arbeit nochmals machen. Aber: Nur wir dürfen die Daten miteinander verknüpfen. Und wir haben immer den Anspruch, dass sie repräsentativ sind. Das leistet nur die öffentliche Statistik.

Cambridge Analytica griff immerhin auf 50 Millionen Facebook-Profile zurück. Ist das nicht repräsentativ?

Das Unternehmen suggeriert Repräsentativität. Aber in Tat und Wahrheit sind seine Erhebungen Fake News. Das Problem: Die Nutzer sozialer Medien erhalten vorgefilterte Informationen. Sie wissen aber nicht, wer sie erhoben hat und ob sie stimmen. Und so können in Filterblasen oder Echokammern Fake News zur Realität werden.

Was aber geschieht, wenn der Nachrichtendienst Daten will?

Er bekommt sie nicht. Völlig undenkbar!

Und wenn Ihr Vorgesetzter, Bundesrat Alain Berset, eine Erhebung machen lassen will?

Alan Berset würde sich nie einmischen. Und wenn er es täte, würde es nichts nützen. Wir lassen uns nicht dreinreden. Wenn wir Zahlen veröffentlichen, bekommen sie alle zur selben Zeit – Herr Berset, die Medien und die Bevölkerung. Wir sind zwar Teil der Verwaltung, aber unabhängig. Das ist enorm wichtig, denn sonst bestünde die Gefahr, dass wir instrumentalisiert und zum Spielball der Politik würden. So ist es für uns eine Gratwanderung, politisch relevant und trotzdem unabhängig zu sein.

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Handelsstatistik nicht mehr veröffentlicht – weil es der Bundesrat nicht wollte.

Das war ein hochpolitischer Entscheid. Aber es war die Sternstunde der öffentlichen Statistik, nicht nur in der Schweiz. Sie musste sich neue Richtlinien geben, um noch glaubwürdig zu sein. Die Statistiker beschlossen, dass sie der Bevölkerung fortan das zurückgeben, was sie von ihr bekommen haben – ihre Daten.

Georges-Simon Ulrich, Direktor Bundesamt für Statistik.

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