Die Islamkritikerin und ihr umstrittener Balkantext

«Schlecht recherchiert»: Saïda Keller-Messahli wird die Verbreitung nationalistischer Ansichten vorgeworfen.

Keller-Messahli will auf wenigen Seiten die «Ursachen für den politisch-religiösen Fundamentalismus» veranschaulichen.

Keller-Messahli will auf wenigen Seiten die «Ursachen für den politisch-religiösen Fundamentalismus» veranschaulichen. Bild: Christian Beutler/Keystone

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Sie setzt sich für einen fortschrittlichen Islam ein und warnt vor Radikalen: In der Schweiz ist Saïda Keller-Messahli dafür seit Jahren bekannt. Inzwischen erhält sie aber auch Anfragen aus Österreich und spricht dort in Interviews ebenfalls über Parallelgesellschaften und Islamisten. Das wird im Wiener Aussenministerium geschätzt, dessen langjähriger Chef mit der Bewirtschaftung dieser Thematik gerade zum Kanzler aufgestiegen ist. Der vom Aussenministerium finanzierte In­tegrationsfonds hat Keller-Messahli zu Workshops oder Debatten eingeladen.

Letzte Woche stellte der Fonds ein Buch mit Texten zum Islam in Europa vor. Unter den Autoren: Keller-Messahli, einst Studentin der Romanistik, der Englischen Literatur und der Filmwissenschaft, mit einem «histo­rischen Überblick» zum Islam auf dem Balkan. Sie will mit ihrer Beschreibung von einem halben Jahrtausend Geschichte auf wenigen Seiten die «Ursachen für den politisch-religiösen Fundamentalismus» in der Region veranschaulichen. Die Kritik kam umgehend.

«Ein Skandal, so etwas zu veröffentlichen», twitterte Florian Bieber, Professor an der Universität Graz und Direktor des Zentrums für Südosteuropastudien. Im Gespräch ergänzt er: «Die Publikation richtet sich an ein breites Publikum. Ich erwarte deshalb nicht, dass sie höchste wissenschaftliche Standards erfüllt. Aber ein Grundmass an Seriosität muss der Text haben. Hat er aber nicht. Der Text ist schlecht recherchiert, schlampig geschrieben, von einer Person, die keine Ahnung vom Thema hat.»

Weitere auf den Balkan spezialisierte Historiker bestätigen, dass der Text voller Fehler ist. Sie wundere sich darüber, dass man für diesen Beitrag nicht einen der vielen Historiker mit Südosteuropa-Kompetenz gewählt habe, die es in Österreich gebe, sagt etwa Nada Boskovska, Professorin an der Universität Zürich. «Sosehr ich Frau Keller-Messahli für ihre mutigen Stellungnahmen zur Aktualität schätze – sie ist ganz offensichtlich keine Historikerin und keine Balkanexpertin.»

Die Sichtweise sei stark angelehnt an die serbisch-nationalistische Perspektive.

Die Historiker werfen Keller-Messahli nicht nur unsaubere Arbeit vor: «Wenn ich nicht gewusst hätte, wer die Autorin dieses Texts ist, wäre ich beim Lesen zum Schluss gekommen, dass er von einem serbisch-nationalistischen Autor stammt», sagt Florian Bieber. Die Sichtweise von den Muslimen als Bedrohung, die Keller-Messahli im Artikel vertrete, sei stark angelehnt an die serbisch-nationalistische Perspektive.

Auch die falsche Beschreibung des ersten Präsidenten der Republik Bosnien-Herzegowina als «religiöser Fundamentalist» passe in dieses Schema. Wie auch der Narrativ, dass alle Seiten gleich viel Schuld hätten am Krieg. So etwas zu veröffentlichen, sei verantwortungslos, sagt die Frankfurter Professorin Armina Omerika.

Die Autorin wehrt sich

«Ich bin weder proserbisch noch probosnisch», sagt Keller-Messahli. Sie habe den Text aus ihrem Blick auf die Geschichte formuliert. «Ich setze mich seit Jahrzehnten mit dem Islam auseinander, unter anderem auch auf dem Balkan.» Für den Beitrag habe sie auf die Arbeit für ein Kapitel ihres Buches «Islamistische Drehscheibe Schweiz» zurückgegriffen.

Eine Sprecherin des Integrationsfonds hält fest, dass die Beiträge unverändert die Sicht der Autoren wiedergeben. Ziel sei es gewesen, Wissenschaftlern und Praktikern Raum für ihre unterschiedlichen Perspektiven zu geben. Allerdings ist Keller-Messahli die einzige Autorin, die zu einem Thema schreibt, für das sie beruflich nicht qualifiziert ist. Ein österreichischer Historiker, der sich nicht mit Namen in die Debatte einmischen will, sagt: «Ohne sie hätte kaum jemand das Buch zur Kenntnis genommen.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.01.2018, 09:29 Uhr

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