Als zwei Jahre für den roten Pass reichten

Ausländer einbürgern, um sie zu integrieren: Was eine neue Studie nahelegt, hat die Schweiz vor hundert Jahren bereits praktiziert. Sogar Zwangseinbürgerungen wurden erwogen.

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«Die Schweiz hat früher einmal erfolgreich eine Einwanderungspolitik mit einer sehr liberalen Grundhaltung betrieben», sagt Thomas Kessler. Der frühere Integrationsbeauftragte und heutige Stadtentwickler des Kantons Basel-Stadt ist froh, dass Forscher der Universität Zürich diese Woche aufgezeigt haben, dass die Einbürgerung die Integration fördert, und eine raschere Verleihung des Bürgerrechts deshalb sinnvoll sein könnte. Eines vermisst er jedoch in der Diskussion darüber: Den Blick zurück. «Oft geht vergessen, dass die Wartefrist bei der Einbürgerung nicht seit je zwölf Jahre beträgt, sondern früher viel kürzer war.»

In der Tat gilt die heutige Frist von zwölf Jahren erst seit 1952. Bis nach dem Ersten Weltkrieg hatte sie nur zwei Jahre betragen – ansonsten konnten die Kantone die Vergabe des Bürgerrechts regeln, wie sie wollten. Die Diskussion über die Einbürgerungspolitik lief damals in eine ganz andere Richtung: Man wollte die Ausländer einbürgern, um sie zu integrieren.

Ausschluss als Nachteil für die Demokratie

Vor allem liberale Kreise hätten sich daran gestört, dass ein grosser Teil der Bevölkerung von den politischen Rechten ausgeschlossen gewesen sei, sagt der Historiker Patrick Kury, der die Geschichte der Schweizer Einbürgerungsnormen untersucht hat. «Dass ein grosser Teil der Bevölkerung von den politischen Rechten ausgeschlossen blieb, erachtete man aus staatspolitischer Perspektive als stossend und als Nachteil für die Demokratie.»

Manche Politiker dachten gar über Zwangseinbürgerungen nach, und zuweilen setzten sich jene Kreise für Einbürgerungen ein, die diese heute am liebsten abschaffen würden: «Rechtsnationale forderten die rasche Einbürgerung von Ausländern, um die Zahl der Militärdienstpflichtigen zu steigern», sagt Kessler.

Neue und alte Feindbilder

Das Ende der liberalen Einwanderungspolitik brachte der Erste Weltkrieg. Grenzen wurden geschlossen, Pässe verlangt, Arbeiter zurückgeschickt. «Wer früher gemeinsam auf dem Bau gearbeitet hatte, stand sich im Schützengraben gegenüber», sagt Kury. «Dies führte zu einem unglaublichen Nationalismus und Hass auf alles, was nicht national war. Von diesem Ausgrenzungsdiskurs blieb auch die Schweiz nicht verschont».

Nach dem Krieg vermischten sich neue und alte Feindbilder: Zu Nationalismus und Antisemitismus gesellte sich die vom Landesstreik vergrösserte Angst vor dem Kommunismus. Als vorwiegend aus Osteuropa stammende Juden in die Schweiz kamen, verschmolzen Antislawismus und Antisemitismus zu einem Gesamtfeindbild. Darauf verweist auch Kessler: «Als die Ostjuden mit ihren grossen Hüten kamen, verlangte die Stadt Zürich, die Einbürgerungshürden zu erhöhen, weil sie davon ausging, diese würden dann weiterwandern.»

«Erst in dieser Zeit entstand die Idee, dass Ausländer schuld sind an den eigenen sozialen Problemen», sagt Kessler. Auch die «Sehnsucht nach einer kulturellen Einheit, die wir gar nie waren», sei damals aufgekommen. 1926 schlug sich diese Debatte in einer Wohnsitzfrist von sechs Jahren nieder.

Schweiz ging eigenen Weg

Im internationalen Vergleich blieb die Frist von sechs Jahren bis nach dem Zweiten Weltkrieg Usus, wie Historiker Kury sagt. Während die anderen europäischen Länder die Einbürgerungsfristen nach dem Krieg aber zunächst beliessen und später oft senkten, ging die Schweiz aber einen anderen Weg: Sie verdoppelte 1952 die Frist auf zwölf Jahre, betrieb gleichzeitig aber eine liberale Migrationspolitik. Man wollte Arbeiter, die wieder heimgehen. Korrekturen und damit höhere Einbürgerungsraten kamen erst in den 70er- und später in den 90er-Jahren.

Welche Schlüsse sind nun aus dieser Rückschau zu ziehen? «Sie relativiert die Aufregung, die immer herrscht, wenn man am Migrationsthema rumschräubelt. Die Nerven müssen nicht immer gleich blank liegen. Wir können stattdessen sehr selbstbewusst aus unserer Geschichte als erfolgreiches Einwanderungsland schöpfen», sagt Integrationsfachmann Kessler.

Erstellt: 02.10.2015, 18:33 Uhr

Thomas Kessler war früher Integrationsbeauftragter und ist heute Stadtentwickler des Kantons Basel-Stadt.

Ein Schweizer Pass im Jahr 1994. (Archivbild Keystone)

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