Hier ist fast jeder zweite Angestellte über 50 Jahre alt

Ältere haben Mühe bei der Stellensuche, dabei ist ein höheres Rentenalter absehbar. Besuch bei einer Firma, die es anders macht.

Die Jüngeren seien fitter für die ­Digitalisierung, die Älteren verfügten über mehr Know-how, sagt Chefin Brigitte Breisacher. <nobr>Foto: Reto Oeschger</nobr>

Die Jüngeren seien fitter für die ­Digitalisierung, die Älteren verfügten über mehr Know-how, sagt Chefin Brigitte Breisacher. Foto: Reto Oeschger

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In der Fabrikhalle in Alpnach OW schleift und summt und schmirgelt es. Heiss ist es, und auf den Lippen setzt sich Holzstaub an. Die Halle ist vollgestellt mit Laufbändern, Maschinen und Regalen. Viele der Männer, die hier arbeiten, tragen den Bart grau oder das Haar etwas lichter – sie haben ihren 50. Geburtstag bereits gefeiert, bei manchen ist es schon länger her.

Bei der Schrankherstellerin Alpnach Norm ist man in der ­Zukunft angekommen. Fast jeder zweite Angestellte ist über 50 Jahre alt. Nicht, weil das Unternehmen nach ihnen gesucht hätte, sondern weil sie so lange geblieben sind. 20 Jahre, 30 Jahre oder noch länger. Die Angestellten arbeiten gerne hier.

Eine solche Altersstruktur wird auch bald in anderen Unternehmen die Regel sein. Die Babyboomer, die zwischen 1946 bis 1964 Geborenen, kommen ins Alter, und vielen Betrieben mangelt es bereits heute an Fachkräften. Das Jahr 2014 war der Wendepunkt: Damals wurde der stärkste Jahrgang in der Schweiz, der Jahrgang 1964, 50 Jahre alt, und so verschiebt sich gerade ein wachsender Teil der Bevölkerung in die zweite Lebenshälfte.

Sie fühlen sich geschätzt

Bei der Alpnach Norm sind 47 der 113 Angestellten älter als 50, und die Chefin Brigitte Breisacher findet, es sei ein guter Mix. Die Jüngeren seien fitter für die ­Digitalisierung, die Älteren verfügten über mehr Know-how. Die Jüngeren seien risikofreudiger, und es könne ihnen nicht schnell genug gehen. Die Älteren wüssten, dass man einen Schritt nach dem anderen tun müsse, würden von den Jüngeren aber auch herausgefordert. Manche Junge hätten noch nie etwas durchstehen müssen, die Älteren könnten etwas durchziehen. Und so kommt es zu einem regen Austausch von Wissen, die Temperamente vermengen sich.

Hansruedi Eberli ist einer dieser älteren Angestellten. Er wirkt wach, agil und zugänglich, seine 61 Jahre würde man ihm nicht geben. Er aber spürt sie. Er spürt sie in den Gelenken und fühlt sich weniger belastbar, wie er sagt. Deshalb hat er vor ein paar Jahren die Produktionsleitung abgegeben und arbeitet nun als Allrounder – wer kennt den Betrieb besser als er?

«Wir Älteren wissen, wie der Karren läuft.»Hansruedi Eberli (61)

Vielleicht Ernst Röthlin, der zu uns stösst. Er arbeitet seit 38 Jahren im Betrieb, sechs Jahre länger als Eberli. Auch er, der 63-Jährige, sagt, dass er das Alter spüre, etwa wenn er die schweren Schranktüren heben müsse, und er brauche länger, um sich zu erholen. Beide wollen deshalb aber nicht weniger oder weniger schwer arbeiten. Sie kennen die Abläufe und können sich so die Arbeit vereinfachen.

Sie beide fühlen sich geschätzt – sie sehen, dass es ihr Wissen braucht. «Wir Älteren wissen, wie der Karren läuft und was es bei uns braucht», sagt Eberli. Und so geben sie mit ihrem Wissen, oft gar nicht bewusst, auch ein Stück Firmenkultur mit: sorgfältig arbeiten, pünktlich liefern. Bei ihnen, wo Möbel auf Mass gefertigt werden, ist Qualität alles.

Rentenalter 70 ist absehbar

Spätestens 2030 sind alle Babyboomer im Ruhestand. Für die Altersvorsorge wird dies zur Herausforderung. Erwerbstätige sollen deshalb länger arbeiten – Rentenalter 67 oder 68 Jahre wurde schon gefordert, falls es einmal an die Lebenserwartung gebunden wird, sind auch 70 Jahre absehbar. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass ein Volk, das an der Urne «sechs Wochen Ferien für alle» abgelehnt hat, auch gewillt ist, länger zu arbeiten. Nur glauben viele nicht, dass ihr Arbeitgeber sie bis 65 beschäftigen will, geschweige denn, darüber hinaus.

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Dass manche Betriebe keine Älteren einstellen, kann Brigitte Breisacher nicht verstehen. Natürlich, für Ältere zahlt das Unternehmen höhere Löhne, höhere Vorsorgebeiträge, und sie hätten mehr Ferien. «Aber für ihr Know-how nehmen wir das in Kauf.» Bei ihr arbeitet sogar noch ein 70-jähriger zu etwa 70 Prozent. Er ist noch topfit, kennt den Betrieb, die Abläufe, die Kunden.

Wie Breisacher beobachtet, tun sich manch Ältere zwar schwer mit Umstellungen – Jüngere aber auch. Manche Ältere fühlen sich ausgebrannt – Jüngere auch. Ältere, die schon mehr durchgemacht hätten, seien aber eher robuster. Für Breisacher ist klar: Nicht auf das Alter kommt es an, sondern auf den Menschen und auf seine Einstellung.

«Ein gut durchmischtes Team erbringt bessere Leistungen.»Britta Gross, Beraterin

Und was sagt die Expertin? «Mir ist keine einzige Studie bekannt, die im Dienstleistungssektor belegte, dass Ältere weniger leistungsfähig sind», sagt Britta Gross, Leiterin HR-Transformation beim Beratungsunternehmen Deloitte. Das Vorurteil stamme aus der Industrialisierung, als die Erwerbstätigen an Maschinen und Fliessbändern arbeiteten. Bei körperlicher Arbeit sinke die Leistungsfähigkeit im Alter tatsächlich, nicht aber die geistige Kraft, solange sie trainiert werde.

Manche Betriebe stellen bevorzugt Jüngere ein, weil diese günstiger sind. Gross aber gibt zu bedenken: «Sie sollten nicht vergessen, dass ein gut durchmischtes Team bessere Leistungen erbringt.» Sie täten deshalb gut daran, die umfassende Erfahrung älterer Mitarbeitenden zu berücksichtigen.

Die grosse Frage aber ist, ob Ältere bis über 65 Jahre hinaus Arbeit haben werden. Seit über zehn Jahren heisst es, Arbeitskräfte würden knapp, weil mehr Erwerbstätige in den Ruhestand gehen, als Jugendliche ins Arbeitsleben eintreten, und die Wirtschaft wächst. Da die Firmen aber auf das ganze Fachkräfte­reservoir der EU zugreifen können, haben Ältere – das heisst, über 50-Jährige – dennoch Mühe bei der Stellensuche. Sie brauchen länger, bis sie eine Stelle finden, und manche finden gar keine mehr: Jeder dritte Arbeitslose über 60 wird ausgesteuert.

Mittelqualifizierte gefährdet

Man müsse die Entwicklung differenziert anschauen, sagt Fabian Maienfisch vom Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco). Jeder Angestellte müsse höhere Anforderungen erfüllen, und es würden noch mehr top ausgebildete Berufsleute gebraucht. Die Nachfrage nach tiefer Qualifizierten bleibe aber bestehen – die steigende Zahl der Erwerbstätigen ist auf Unterstützung beim Kochen, Putzen oder Hemdenwaschen angewiesen.

Gefährdet ist ein Teil der Stellen im mittleren Segment. «Durch die fortschreitende Digitalisierung werden tendenziell am ehesten routinemässige, kaufmännische Tätigkeiten an Bedeutung verlieren», sagt Maienfisch. Davon könnten aber alle Erwerbstätigen einmal betroffen sein, nicht nur Ältere.

Britta Gross von Deloitte indessen sagt: «Die Herausforderung der Zukunft wird sein: Wie kann man ältere Angestellte dazu bringen, über das Rentenalter hinaus zu arbeiten statt das Leben zu geniessen?» Wenn der Mangel an Fachkräften weiter wachse, werde man sich um sie bemühen müssen. Gross rät, flexible Arbeitszeiten anzubieten, sodass ältere Angestellte Zeit und Ort freier wählen und das Pensum langsam reduzieren können. Denn an sich würden sie ihr Wissen gerne weitergeben.

Weshalb bleiben die älteren Angestellten in Alpnach ihrem Betrieb so lange treu? Brigitte Breisacher erklärt es mit dem guten Klima. Man spreche miteinander, man schätze sich. Wie sie beobachtet, ist den Älteren der Austausch und die Sicherheit wichtig – die Jungen gingen eher, wenn ihnen etwas nicht passe.

Hansruedi Eberli und Ernst Röthlin würden gerne länger arbeiten, wenn es die Gesundheit zulasse, sagen sie. Aber nicht zu 100 Prozent. Irgend einmal wollen sie auch kürzertreten.


Lösungsvorschläge der Parteien

65/65: Die SVP will vorerst nur das Rentenalter der Frauen auf dasjenige der Männer (65 Jahre) erhöhen. Die heutige Männerdiskriminierung ist in den Augen der SVP nicht tragbar. Bundesrat Ueli Maurer forderte kürzlich, das Rentenalter von Mann und Frau je um ein Jahr zu erhöhen, die Partei distanzierte sich jedoch von dieser Forderung.

64/65: Die SP möchte das heutige Rentenalter für Mann und Frau beibehalten. Letztlich sollen die Erwerbstätigen aber selber entscheiden können, wann zwischen dem 60. und 70. Altersjahr sie in den Ruhestand gehen. Um die AHV im Gleichgewicht zu halten, will die SP unter anderem Kapital und Kapitalgewinne stärker besteuern.

65/65: Die FDP will vorerst nur das Rentenalter der Frauen an dasjenige der Männer angleichen. Danach, bis 2030, will sie es entpolitisieren und entweder von der finanziellen Lage der AHV oder von der Lebenserwartung abhängig machen. Auch die FDP möchte, dass Erwerbstätige den Zeitpunkt ihrer Pensionierung freier wählen können, und möchte Anreize setzen, dass sie es später tun als heute.

65/65: Die CVP will das Rentenalter der Frauen schrittweise auf 65 Jahre erhöhen. Beitragslücken, die Frauen etwa durch eine Mutterschaft entstehen, sollen kompensiert werden. Zudem will die Partei das Rentenalter zwischen 62 und 70 Jahren flexibilisieren. Es soll sich auch lohnen, über das ordentliche Pensionsalter hinaus zu arbeiten.

64/65: Die Grünen wollen auf ­Basis des Referenzalters 64/65 einen schrittweisen Übergang in die Rente ermöglichen. Mit individualisierten Rücktrittsmodellen wollen sie nicht nur das ­Alter, sondern auch die Beitragsjahre, die Arbeitsbelastung sowie die Situation auf dem Arbeitsmarkt berücksichtigen.

66/66: Die Grünliberalen wollen das Rentenalter über einen Zeitraum von sechs Jahren auf 66 für beide Geschlechter erhöhen und gleichzeitig den Zeitpunkt der Pensionierung flexibilisieren.

Flexibel: Die BDP will das Rentenalter an die Lebenserwartung koppeln, und zwar so, dass es 80 Prozent davon beträgt. Wäre diese Regelung heute in Kraft, läge es bei 66 Jahren – könnte theoretisch auch einmal sinken.

Erstellt: 23.07.2019, 10:40 Uhr

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