Altsein ist noch keine Haltung

Bald können die Alten alle anderen überstimmen. Warum sie trotzdem keine Gefahr für die Demokratie darstellen.

Sollen junge Bürger mehr Stimmrecht erhalten als alte? Foto: Christian Beutler (Keystone)

Sollen junge Bürger mehr Stimmrecht erhalten als alte? Foto: Christian Beutler (Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Angst macht uns gerade vieles: schmelzende Gletscher, Kampfroboter, Islamisten, Kim Jong-un. Eine Gefahr geht gern vergessen, dabei weilt sie mitten unter uns. Die Alten.

Ihre Macht vermehrt sich von allein, sie werden immer zahlreicher. In 30 Jahren stehen laut Schätzungen des Bundes einem Rentner noch zwei Erwerbstätige gegenüber (heute sind es mehr als drei). Weil Alte fleissiger abstimmen als Junge, könnten sie bald die Herrschaft übernehmen. Es droht die Tyrannei der Grauhaarigen, eine Gerontoktatur.

Das befürchten zumindest manche Politiker und Experten. Kürzlich hat der ETH-Philosophieprofessor Michael Hampe in der «Aargauer Zeitung» vor der Vormachtstellung der Baby­boomer gewarnt. Diese Generation neige zu Verantwortungslosigkeit und Kurzsichtigkeit. Alte Menschen, heisst es an anderen Orten, bevorzugten eine vorsichtige Politik, die Privilegien bewahrt und die Zukunft ausblendet. Die Rentner geniessen ihren Luxusruhestand, die Jungen schuften dafür. Aufräumen dürfen sie später.

Wahlsystem anpassen

Als Paradefall gilt der Brexit: Eine Mehrheit der jüngeren Briten wollte in der EU bleiben. Viele von denen, die sich von Europa lossagten, werden den Austritt nicht mehr mitbekommen.

Als Ausgleich schlägt Hampe vor – und mit ihm der Wirtschaftsverband Economiesuisse oder die Zürcher SP-Regierungsrätin Jacqueline Fehr –, das Wahlsystem anzupassen. Junge sollen mehr Stimmrechte erhalten. Damit würde die Macht zurück zu jenen verschoben, die mit den Folgen politischer Entscheide leben müssen.

Dahinter steht eine gewagte Annahme: dass sich Menschen im Alter politisch angleichen. Dass Rentner eine Art Ü-65-Klassengefühl entwickeln. Dass Falten das Bewusstsein bestimmen.

Bestimmte der Jahrgang die Meinung, würden die Jungparteien und die Seniorengruppen bei der Altersvorsorge 2020 dasselbe empfehlen.

Ein Beitrag des Politologen Thomas Milic für den Wissenschaftsblog «De Facto» widerspricht dieser Annahme. Anhand von Umfragen hat er untersucht, ob in der Schweiz die Alten die Jungen systematisch überstimmen. Die jüngste Altersgruppe (18 bis 29) und die älteste (ü-70) wichen laut Milic bei nur gut einem Viertel aller Abstimmungen, die von 2000 bis 2015 stattfanden, deutlich voneinander ab. Von den 35 umstrittenen Vorlagen entschieden die Alten 24 für sich.

Der Nachteil der Jungen liege auch darin, schreibt Thomas Milic, dass sie allgemein extremer stimmten. Nicht nur gegen die Alten verliert die Jugend, sondern gegen alle Älteren.

Am stärksten spalten gesellschaftspolitische Vorlagen oder SVP-Initiativen Jung und Alt: die Legalisierung von Hanf etwa, die Mutterschaftsversicherung oder das Minarettverbot. In solchen Fällen entschieden die Alten – wie befürchtet – bewahrend und abschottend.

Überzeugungen sind zäher als Kopfhaare

In vielen anderen Abstimmungen aber – auch bei sozialopolitischen Themen oder Rentenfragen – wollten Jung und Alt das Gleiche. Generationenkonflikte kommen laut Milic eher selten vor. Ihre Häufigkeit habe sogar abgenommen.

Das liegt wohl daran, dass Altsein allein noch keine Identität bietet. Auch mit 80 Jahren ist man längst nicht nur alt, sondern vieles mehr: Autofahrerin, Ex-Banker, Städter, Tennisfan. Das alles prägt. Zudem nehmen viele Alte sich selber als gar nicht so alt wahr. Folglich wollen sie sich auch nicht dementsprechend verhalten. Dazu kommt: Überzeugungen sind zäher als Kopfhaare, man behält sie bis ins Greisentum. Wer als 30-Jähriger FDP wählt, tut das meist auch mit 90.

Das zeigt sich gerade an der Vorlage Altersvorsorge 2020. Bestimmte der Jahrgang allein die Meinungen, würden alle Jungparteien und andererseits alle Seniorengruppen je das Gleiche empfehlen.

Urner wären die stärksten

Gleichberechtigte Demokratien bauen auf einem einfachen Grundsatz auf: Eine Bürgerin hat eine Stimme. Die Schweiz erlaubt sich eine bedeutende Ausnahme vom «One person one vote»-Prinzip. Kleinen Kantonen gewährte sie 1848 ein höheres Stimmgewicht, um die katholische Schweiz für den Bundesstaat zu gewinnen. Weil die Bevölkerung in den Zentren schneller wächst, hat sich der Machtunterschied seither verstärkt.

Bei Ständeratswahlen zählt die Stimme eines Urners heute rund 40-mal mehr als jene eines Zürchers. Dank dem Ständemehr können theoretisch neun Prozent aller Stimmberechtigten jede Verfassungsänderung abklemmen.

Es gäbe einen eleganten Weg, um die Schweizer Politik zu verjüngen. Man braucht der Jugend dafür nicht mehr Einfluss an der Urne zu geben. Es reichte, die starke Bevor­zugung der kleinen, konservativen Kantone einzuebnen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.08.2017, 00:26 Uhr

Artikel zum Thema

Rentenplan der FDP straft Jüngere und Ärmere

Der «Plan B» der Rechten für eine neue Altersvorsorge führte zwar zu höheren Renten, käme Erwerbstätige mit tiefen Löhnen aber teuer zu stehen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Wässern für die Kameras: First Lady Melania Trump posiert mit Giesskanne im Garten des Weissen Hauses in Washington DC. (22. September 2017)
(Bild: Michael Reynolds/EPA) Mehr...