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Am Anfang des neuen Schweizer Films

Regisseur Claude Goretta ist tot. Er drehte mit Alain Tanner einen wichtigen Dokumentarfilm, verhalf Isabelle Huppert zum Durchbruch – und musste sich gegen Verratsvorwürfe wehren.

Feierte viele Erfolge: Claude Goretta, hier anlässlich der Uraufführung seines Films «La Dentellière» in Zürich. (6. Mai 1977)
Feierte viele Erfolge: Claude Goretta, hier anlässlich der Uraufführung seines Films «La Dentellière» in Zürich. (6. Mai 1977)
Keystone

Isabelle Huppert wäre auch ohne Claude Goretta eine berühmte Schauspielerin geworden, aber «La Dentellière» hat ihr 1977 zum Durchbruch verholfen. Sie spielte die 18-jährige Beatrice, genannt Pomme, eine Coiffeurlehrtochter, die sich in einen Studenten verliebt. Es gibt darin eine Szene, in der sie sich ihm erstmals richtig hingeben will, nackt aufs Bett liegt, sich aber mit ihrem Nachthemd bedeckt. Goretta inszeniert das mehrdeutig, der weisse Stoff ist erotisch aufgeladen, erinnert aber auch an ein Totenhemd – als Bild für eine Liebe, die keine Chance hat.

«La Dentellière» war der grösste Erfolg des am Mittwoch im Alter von 89 Jahren verstorbenen Regisseurs, aber bei weitem nicht der einzige. Regelmässig auf einem Spitzenplatz der von der «SonntagsZeitung» alle fünf Jahre veröffentlichten Liste der besten Schweizer Filme landen neben der «Spitzenklöpplerin» auch «L’invitation» (1973), eine Satire über ein Gartenfest unter Bürokollegen. Und «Pas si méchant que ça» (1974) über einen jungen Erben eines Familiengeschäfts, der Überfälle macht, um den drohenden Konkurs zu kaschieren. Auch darin war ein damals noch unbekannter Schauspieler zu sehen, den heute jeder kennt: Gérard Depardieu.

Seine Arbeit in Frankreich wurde ihm auch als Verrat ausgelegt

Der 1929 in Genf geborene Goretta hatte ein Auge für Neuentdeckungen, auch die junge Nathalie Baye spielte eine ihrer ersten wichtigen Rollen bei ihm, 1980 in «La provinciale». Es war eine grosse Zeit für Spielfilme aus der Romandie, Goretta und seine Kollegen von der «Groupe 5» (von der allerdings nur drei richtig bekannt wurden) waren an den Festivals vertreten, in Cannes und Venedig. Alain Tanner galt dabei als politischer Kopf der Vereinigung, die eigentlich gegründet worden war, um mit dem damaligen «Feind» Fernsehen zusammenzuarbeiten. Und Michel Soutter (1932–1991) war der Poet. Was aber war Goretta?

Sein Profil lässt sich nicht mit einem Schlagwort erfassen, er war der kommerziellste des Dreigestirns, der sofort in Frankreich arbeitete, als sich ihm dort Chancen boten. Das wurde ihm auch als Verrat ausgelegt, nicht nur am eigenen Land («La Dentellière» erhielt keine eidgenössische Förderung, weil der Film im Ausland gedreht wurde). Nein, es war auch ein Verrat an den 68er-Ideen der Gruppe: Isabelle Huppert als Pomme war keine Rebellin mehr wie Bulle Ogier als Rosemonde in Alain Tanners «La Salamandre». Sie erduldete ihr Schicksal stumm.

«Nice Time», Keimzelle des neuen Schweizer Films

Doch es wäre zu einfach, Goretta auf diese drei Filme zu reduzieren, die übrigens viel besser gealtert sind als andere aus jener Zeit. Der Sohn eines Bankprokuristen hinterlässt ein umfangreiches Werk, er drehte immer wieder fürs Fernsehen, war dort zeitweise auch fest angestellt. Im Lauf der Jahre entstanden unzählige Reportagen, Dokumentarfilme, Fernsehfilme. Das alles gilt es in der Deutschschweiz erst noch zu entdecken, eine Hilfe dazu bietet das 2017 erschienene Buch «Claude Goretta – Der empathische Blick» des Filmjournalisten Martin Walder.

Darin ist nachzulesen, wie «Nice Time» entstand, der 19-minütige Dokumentarfilm, den Goretta und Tanner 1956 als Anfänger in London drehten und der allgemein als Keimzelle des neuen Schweizer Films gilt. Angezogen vom sogenannten Free Cinema waren die beiden in die britische Hauptstadt gekommen, arbeiteten eine Weile lang im Kaufhaus Selfridges, Tanner bei den Badetüchern, Goretta bei den Besteckreinigungsmitteln. In der Nacht jedoch drehten sie unter der Eros-Statue am Piccadilly Circus ihren ersten Film, der Geschichte machen sollte.

Zerbrochene Liebe

Die fröhlich-traurigen Nachtgestalten von «Nice Time» gehören ebenso zu Goretta wie eine Frau, die mit sechs Kindern in einer winzigen Sozialwohnung lebt (TV-Doku «Micheline, six enfants, allée des Jonquilles»). Der kollektive Wahn der Bewohner eines Walliser Dorfes (in der ­Ramuz-Verfilmung «Si le soleil ne revenait pas») ist ebenso Bestandteil wie die müden Augen von Bruno Cremer als Kommissar Maigret (Goretta drehte drei Georges-Simenon-Krimis mit ihm).

Aber am längsten bleibt einem doch Pomme aus «La Dentellière» in Erinnerung: Ihr Sommersprossengesicht, das aufblüht, aber dann erlischt, wenn diese erste Liebe an den Konventionen der Gesellschaft zerbricht – und der Film auf diesem leeren Blick endet.

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