Am meisten Platz haben Senioren, am wenigsten junge Familien

Neue Zahlen zeigen, wie viel Wohnraum Schweizerinnen und Schweizer haben und wer Eigentum besitzt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Senioren residieren in grosszügigen Häusern. Derweil müssen junge Familien in kleinen Wohnungen zurechtkommen. Dass bei den Wohnungsgrössen und Eigentumsverhältnissen ein Ungleichgewicht zwischen den Altersgruppen herrscht, zeigen Daten des Bundesamts für Statistik. Die Hälfte der über 80-Jährigen beansprucht demnach drei oder mehr Zimmer für sich alleine. Ganz anders bei den Jungen: Von den 25- bis 39-Jährigen verfügen nur 13 Prozent über so viele Zimmer. Und bei den 40- bis 54-Jährigen haben vier von fünf Personen weniger Platz.

Der Platzbedarf der Ältesten hat in den letzten Jahrzehnten stark zugenommen: Während sich 1996 knapp ein Drittel drei oder mehr Zimmer leistete, war es 2012 bereits über die Hälfte; neuere Daten sollen nächstes Jahr vorliegen. Was den Platz angeht, sind alle anderen Altersgruppen weitaus bescheidener als die Ältesten.

«Kann man Menschen, deren Kinder ausgezogen sind, aus ihrem Zuhause vertreiben wollen?», fragt die Zürcher SP-Nationalrätin Jacqueline Badran. Und sie antwortet gleich selbst: «Ich glaube nicht.» Es sei schwierig, der sozial schwierigen Tendenz regulatorisch entgegenzuwirken. Bislang gebe es keinen Anreiz für ältere Menschen, aus ihrer Wohnung in eine kleinere zu ziehen.

Im Gegenteil: Langjährige Mieter zahlen meist vergleichsweise tiefe Mieten. Wer eine Wohnung neu mietet, muss weitaus mehr hinblättern. «Bei Mieterwechseln werden die Mieten oft illegal erhöht», sagt Badran. Hier sieht sie einen Ansatzpunkt, wie die Situation auf dem Liegenschaftsmarkt sozialer gestaltet werden könnte: «Man muss dazu kein Gesetz ändern, sondern nur das aktuelle durchsetzen.» Eine weitere Korrekturmöglichkeit sieht sie auf kantonaler Ebene: Im Kanton Zürich etwa müssen leer stehende Zimmer nicht versteuert werden. «Diese Abzugsmöglichkeit könnte man streichen.»

Dass so viele ältere Leute in Einfamilienhäusern wohnen, ergebe sich aus der Geschichte, sagt Robert Weinert, Leiter des Schweizer Immo-Monitorings bei der weltweit tätigen Firma Wüest Partner. Ab den 1970er-Jahren hat das Wohneigentum in der Schweiz stark zugenommen. Grosse Einfamilienhaussiedlungen und Mehrfamilienhäuser mit Stockwerkeigentum sind entstanden. Viele der Leute, die seither ein Haus bauen oder kaufen konnten, wohnen noch immer darin. Das sei gut nachvollziehbar, sagt Weinert. «Wer lange an einem Ort gelebt hat, ist oftmals sozial dort verankert und emotional damit verbunden.» Solange die Gesundheit mitmacht und die Liegenschaft nicht zur Belastung wird, gebe es kaum Gründe für einen Verkauf. «Finanziell lohnt sich der Umzug in eine kleinere Wohnung oft nicht», sagt Weinert. Denn die meisten älteren Hausbesitzer wohnten sehr günstig: Sie hätten ihre Liegenschaft gekauft, bevor die Preise in die Höhe schnellten, und viele konnten die Hypotheken zumindest teilweise abbezahlen. Zwar könne, wer heute eine Liegenschaft veräussert, mit einem hohen Preis rechnen. Andererseits schlage selbst eine kleinere Wohnung rasch mit mehr zu Buche als das langjährige Eigentum. Auch wenn viele Eigentümer ihre Immobilie ehemals als Sicherheit für den Lebensabend gekauft hätten: Sie müssten diese dank den tiefen Kosten und dem Einkommen aus der AHV- und der Pensionskasse meist nicht veräussern.

Die eigenen vier Wände bleiben ein Traum

Viele junge Familien träumen von den eigenen vier Wänden. Ein Traum, der oft lange nicht in Erfüllung geht, wie die Zahlen des Bundesamts für Statistik fürs Jahr 2017 zeigen. Vier von fünf Schweizerinnen und Schweizern im Alter zwischen 25 und 39 Jahren mieten ihre Wohnung. In der nächst höheren Alterskategorie – bei den 40- bis 54-Jährigen – ist der Anteil der Eigentümer mit 41 Prozent zwar doppelt so hoch, reicht aber bei weitem nicht an die Quote bei den älteren Leuten heran: Gut die Hälfte der 55- bis 64-Jährigen ist Wohnungs- oder Hausbesitzer. Bei den 65- bis 79-Jährigen leben sogar 55 Prozent im Eigenheim. Und selbst bei den Senioren über 80 Jahren gibt es prozentual mehr Hauseigentümer als unter den Leuten im Alter, in dem viele eine Familie gründen. Die höchsten Eigentumsquoten sind bei Ehepaaren sowie bei Leuten mit Hochschulabschluss zu finden. Eigentümer haben – vorab wegen des grossen Anteils Einfamilienhäuser – durchschnittlich mehr Raum zur Verfügung als Mieter.

Die Schweizer Bauten im Privatbesitz gehören also vorab den Pensionierten. Diese Tendenz hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten verschärft. In der Alterskategorie der 65- bis 79-Jährigen stieg der Anteil der Eigentümer seit 1996 um mehr als 10 Prozent, bei den 25- bis 39-Jährigen hingegen war er leicht rückläufig.

«Heute ist es wegen der grossen Nachfrage und der hohen Preise nicht mehr so einfach möglich, zu einer Wohnung oder einem Haus zu kommen, wie früher», räumt Robert Weinert von Wüest Partner ein. Es gebe aber grosse regionale Unterschiede: In einzelnen Städten und Regionen herrsche Wohnungsnotstand, andernorts gebe es seit dem – insbesondere von Pensionskassen mitverursachten – Bauboom der letzten Jahre viele leer stehende Liegenschaften. Immobilien dürften aber längerfristig wertbeständig bleiben – zum einen wegen der demografischen Entwicklung, zum anderen, weil Bauland wegen strengerer raumplanerischer Auflagen mehr und mehr zur Mangelware werden wird. «Wer die Chance auf einen Kauf hat, profitiert dafür von weitaus tieferen Hypothekarzinsen als noch die letzte Generation.»


Gefragt sind mehr kleine Wohnungen

Schuld an den grossen Wohnungen der Senioren ist auch die mangelhafte Stadtplanung. «Früher hat man praktisch ausschliesslich Wohnungstypologien für Familien gebaut», sagt Susanne Schmid, Partnerin bei Bürgi Schärer Architekten in Bern. «Deshalb gibt es heute zu wenig geeigneten Wohnraum für Alleinstehende jeglichen Alters.» Die Anzahl der Menschen, die alleine wohnen, nehme stark zu – dies aufgrund der demografischen Entwicklung, flexibleren Möglichkeiten in der Gesundheitsversorgung und der Pflege sowie neuen Vorstellungen des Zusammenlebens, des Arbeitens und der Mobilität. Deshalb müsse dringend anders gebaut werden.

«Bei der Planung neuer Siedlungen legen wir Wert auf einen vielfältigen Nutzungsmix», sagt sie. Ein günstiges 1½-Zimmer-Logis für eine Studentin oder einen Rentner dürfe ebenso wenig fehlen wie eine 8-Zimmer-Wohnung für einen Grosshaushalt. Bei den Senioren wiederum bestehe ein Bedürfnis nach Clusterwohnungen mit Begegnungszonen, die ihnen aber dennoch genügend Privatsphäre bieten. In die Siedlung gehörten zudem Gemeinschaftszonen als Ergänzung zum privaten Wohnraum sowie beispielsweise Einkaufsmöglichkeiten, eine Kita oder eine Spitex.

Ideal sei, wenn auch ein Gemeinschaftsraum mit Küche vorhanden ist, der fürs Zusammensein oder für Feste genutzt werden kann. Wie auch ein sogenanntes Joker-Zimmer mit eigener Nasszelle und allenfalls Teeküche, das flexibel gebucht werden kann, wenn der Sohn nach der Weltreise kurzzeitig eine Bleibe braucht oder die Grossmutter länger zu Besuch kommt. «So lässt sich die Zimmeranzahl insgesamt reduzieren, da sich der private Wohnraum bei Bedarf flexibel erweitern lässt.» Dasselbe funktioniert übrigens auch mit gemeinschaftlichen Arbeitsflächen oder Co-Working-Räumen.

«Solche Quartiere sind attraktiv für Jung und Alt, denn hier kommt das Mehrgenerationenwohnen ins Spiel», sagt Schmid, die an einem Buch zum gemeinschaftlichen Wohnen arbeitet, das im Herbst beim Birkhäuser Verlag erscheinen wird. Sie sagt: «Vielleicht motiviert diese reichhaltige Umgebung ältere Menschen dazu, einen Umzug aus dem überalterten und infrastrukturarmen Einfamilienhausquartier anzupacken.»

Erstellt: 10.05.2019, 07:17 Uhr

Artikel zum Thema

Schweizer zahlen im Schnitt 1329 Franken Miete

Bei drei von zehn Mietern kostet die Wohnung unter 1000 Franken. Jeder Dritte wohnt in den eigenen vier Wänden. Mehr...

Wird das Leben wirklich immer teurer?

Miete, Krankenkasse, ÖV – man könnte das Gefühl haben, alles kostet immer mehr. Wir zeigen, warum das nicht ganz stimmt. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Die Welt in Bildern

Herbstlich gefärbte Weinberge: Winzer arbeiten in Weinstadt, im deutschen Baden-Württemberg. (17. Oktober 2019)
(Bild: Christoph Schmidt/DPA) Mehr...