An einem kritischen Punkt

Warum die Haudrauf-Politik des Gewerbeverbands unangebracht ist.

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Der Mann hat eine Mission: Seit Jahren arbeitet Gewerbeverbandsdirektor Hans-Ulrich Bigler daran, die Schlagkraft seines Verbands auszuweiten – koste es, was es wolle. Biglers Vorbild ist der legendäre Otto ­Fischer, Direktor von 1963 bis 1979 und damals einer der einflussreichsten Politiker des Landes. «Der Bund soll sparen statt steuern!», war Fischers Losung, Bundesräte nannte er auch schon «himmeltraurige, miese Typen». Der Polterer hatte Erfolg und baute den Verband zur erfolgreichen Referendumsorganisation um.

An diese Zeiten will FDP-Nationalrat Bigler ­anknüpfen. Die Ausgangslage ist nicht schlecht: Der Gewerbeverband vertritt rund 300'000 Unternehmen und ist lokal verankert. Doch nun scheint es, als habe Bigler überdreht. Schon die primitive Kampagne gegen das Radio- und TV-Gesetz stiess verbandsintern auf Kritik. Jetzt regt sich Widerstand gegen Biglers Engagement für die No-Billag-Initiative. Der Direktor und seine Leute kämpfen an vorderster Front mit höchst fragwürdigen Argumenten für ein Ja, obwohl eine starke Minderheit im Verband gegen die Initiative ist. Tatsächlich ist nicht nachvollziehbar, weshalb die Verbandsspitze einen politisch-ideologisch motivierten Feldzug gegen die SRG führt – anstatt sich auf Themen zu fokussieren, die für das Gewerbe entscheidend sind. Auch die Fundamentalkritik am Berufsbildungsprojekt des Bundes irritiert: Wäre es dem Verband um konstruktive Kritik gegangen, hätte er sie während der Erarbeitung des Projekts vorgebracht.

Der Gewerbeverband steht an einem kritischen Punkt. Wenn er sich noch weiter Richtung antietatistische Kampforganisation entwickelt, wird er Teile seiner Basis und viel Goodwill in der Bevölkerung verlieren. Damit drohte ihm ein Schicksal wie Economie­suisse. Um es nicht so weit kommen zu lassen, sollte der Verband zu mehr Kompromissbereitschaft zurückfinden – wie unter dem früheren Direktor Pierre Triponez, welcher der Mutterschaftsversicherung zum Durchbruch verhalf. Haudrauf-Politik verspricht Aufmerksamkeit und kurzfristigen Erfolg. Sie taugt jedoch nicht für einen Verband, der für sich beansprucht, das Rückgrat der Schweizer Wirtschaft zu sein.

Erstellt: 16.01.2018, 22:09 Uhr

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