An mir geht die AHV komplett vorbei

Aus der Sicht eines unter Dreissigjährigen ist die Debatte um die AHV-Abstimmung abgehoben – und hat jedes Mass für die Proportionen verloren.

Als junger Mensch will man sich nicht den Kopf darüber zerbrechen, wie das Alter sein wird. Foto: Keystone

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Kürzlich sass ich einem Versicherungsvertreter gegenüber, der mir eine dritte Säule schmackhaft machen wollte. Er rechnete mir vor: 2054 werde ich Rentner sein. «Und dann?», fragte er mich. Er tönte vorwurfsvoll, denn zuvor hatte er meine Vorsorgemassnahmen analysiert und für unzureichend erklärt. Scheinbar gehe ich ziemlich nackt durchs Leben.

Aber ich konnte seine Entrüstung nicht teilen. Stattdessen drehte die Zahl 2054 in meinem Kopf. Dann werde ich also Rentner sein. Vielleicht habe ich Grosskinder, vielleicht ein gesundheitliches Leiden. Vielleicht bin ich gar nicht mehr am Leben. Von diesen Gedanken absorbiert, bedankte ich mich für die Beratung und verliess das Büro.

Es hatte mich zum Nachdenken gebracht. Allerdings nicht über die dritte Säule. Sondern über den Lauf der Dinge. Über das grosse Unbekannte vor uns: die Zukunft, die wir immer zu deuten versuchen. Ich bin jetzt 28 Jahre alt. Das exakte Datum meines Rentenalters steht im System, der Versicherungsmann konnte mir auf den Rappen genau vorrechnen, was mir bei Abschluss einer dritten Säule in rund 35 Jahren ausbezahlt würde. Nur mag ich mich keine Sekunde mit dem befassen, was dann mal hypothetisch sein könnte.

2054 liegt hinter dem Mond

Es fällt mir schon schwer, ein halbes Jahr in die Zukunft zu planen, das Jahr 2054 liegt für mich hinter dem Mond. Mich interessiert vor allem die Gegenwart. Das hat nichts mit Faulheit oder Ignoranz zu tun, sondern mit Dankbarkeit für das, was jetzt ist. Man kann fehlende Weitsicht monieren, aber vermutlich ist es wie mit den Augen: Kurzsichtige sehen dafür das Nahe scharf.

Als Schüler waren mir sechs Wochen Sommerferien eine göttliche Ewigkeit. Während meine Banknachbarn sich in die Agenden notierten, wann und wo der erste Schultag nach den Ferien begann, tat ich es nicht. Ich war der festen Überzeugung: Falls dieser Tag kommen sollte, werde ich es schon noch herausfinden. Natürlich kam der erste Schultag, und irgendwie war auch ich immer wieder zur Stelle.

So geht es mir jetzt mit der Altersvorsorge: Falls das Jahr 2054 kommen sollte, werde ich es meistern. Mit oder ohne Altersvorsorge. Ich kann mir nicht den Kopf darüber zerbrechen, ob ich je zurückbekomme, was ich der AHV jetzt beisteuere. Viel einfacher erscheint es mir, meine AHV-Leistungen als Investition in ein aktuell funktionierendes Sozialsystem zu betrachten, welches die Jungen durch die Selbstständigkeit der Alten entlastet. Werde ich selber alt und bin dann finanziell tatsächlich so verloren, wie es der Versicherungsmann skizzierte, lasse ich eben den Eremiten in mir frei, der wir alle sein wollen, seit wir im Wohlstand verfaulen, aber uns doch nicht daraus erheben können, weil er uns festhält mit seinen gepolsterten Klauen.

Natürlich kann kollektive Altersvorsorge im Sinne eines Unternehmens mit Einnahmen und Ausgaben nicht kurzsichtig funktionieren, sie muss in die Zukunft gerichtet sein. Aber als Individuum fällt es mir schwer, das zu übernehmen. 30 Jahre in die Zukunft zu schauen und dabei finanzielle Sorgen zu erörtern, ist ein einziges Luxusproblem. In den letzten Tagen sahen wir, wie sich Menschen in der Karibik gegen Winde wappneten, die Geschwindigkeiten von 250 km/h erreichten: Ihre Vorsorge sind Drähte, mit welchen sie ihre Blechdächer befestigen.

Altwerden gilt als selbstverständlich

Altwerden wird bei uns als selbstverständlich betrachtet. So selbstverständlich, dass man schon im Voraus darüber streitet, wie man alt wird: Ein Anheben des Rentenalters stösst auf Ablehnung.

Dabei scheint völlig vergessen zu gehen, was es auch hiesse: im beginnenden Alter immer noch fähig zu sein, einen Job auszuüben, also körperlich und geistig vital zu sein mit 65 Jahren oder mehr. Wer dagegen protestiert, hat jedes Mass für die Proportionen verloren. Meine Grossmutter wurde in diesem Alter dement.

Ich bin dankbar, wenn ich 2054 noch da bin. Noch dankbarer, wenn ich noch arbeitsfähig bin. Alles andere ist Zugabe.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2017, 23:22 Uhr

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