«An unsere jüdischen Gäste»: Aroser Unterkunft erntet Shitstorm

Ein Apartmenthaus in Arosa zieht zurzeit den Ärger der weltweiten jüdischen Gemeinschaft auf sich. Auslöser: ein Warnschild in der Unterkunft.

Vermietet rund 80 Ferienwohnungen: Das Apartmenthaus Paradies in Arosa. (Foto: www.paradiesarosa.ch)

Vermietet rund 80 Ferienwohnungen: Das Apartmenthaus Paradies in Arosa. (Foto: www.paradiesarosa.ch)

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Das Apartmenthaus Paradies in Arosa erhält zurzeit viel Aufmerksamkeit – mehr, als dem Management lieb ist. Es ist ein regelrechter Shitstorm, der auf die Unterkunft niederprasselt. Englische, französische oder auch italienische Zeitungen haben schon über den Fall berichtet, fast minütlich kommen weitere dazu. Die grösste Empörung geht von Israel aus. Dort hat sich gestern Aussenministerin Tzipi Hotovely zu Wort gemeldet: Das sei «ein antisemitischer Akt der schlimmsten Sorte».

Was ist passiert? Das Personal der Unterkunft hatte zwei Warnschilder montiert. Englische Botschaften, die sich explizit an jüdische Gäste richten. Auf einem stand geschrieben: «Für unsere jüdischen Gäste, Frauen, Männer und Kinder, bitte gehen Sie duschen, bevor Sie den Pool benutzen.» Das Hotel beherbergt regelmässig Gäste aus Israel, darunter auch streng orthodoxe Juden. Ein Gast meldete den Vorfall dem israelischen Fernsehsender Channel 2: «Das Personal war eigentlich sehr nett zu uns. Eines Morgens kam ich runter und sah dieses Schild. Ich war schockiert!»

Sorgt in der jüdischen Gemeinschaft für Aufruhr. Das Warnschild, das inzwischen wieder entfernt wurde.

Ein zweites Warnschild war auf einer Tiefkühltruhe angebracht. Darauf die Bitte, dass die jüdischen Gäste diese nur noch während bestimmter Uhrzeiten benutzen sollen. «Unser Team möchte nicht ständig gestört werden. Wir hoffen auf Ihr Verständnis», stand geschrieben. Der Tiefkühler steht in einem Raum, zu dem eigentlich nur das Personal Zutritt hat.

Bundesrat Burkhalter wurde kontaktiert

Der Vorfall wird nun auf höchster politischer Ebene diskutiert. Die israelische Aussenministerin Hotovely wandte sich gestern an Jacob Keidar, den israelischen Botschafter in der Schweiz. Dieser suchte umgehend das Gespräch mit Aussenminister Didier Burkhalter. Für Hotovely sind die Schilder Ausdruck von etwas Grösserem: «Leider ist Antisemitismus in Europa noch immer Realität. Vorfälle wie dieser belegen das.»

Die zuständige Person im Apartmenthaus Paradies spricht hingegen von einem «Missverständnis». «Die Schilder waren keine gute Idee», sagt die Verwalterin, welche die Hinweise verfasste, zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Im Nachhinein sei man immer schlauer. Sie werde derzeit von Reaktionen überrollt. Ihre Mailbox sei überfüllt. Ständig klingle das Telefon – Medienanfragen aus der ganzen Welt.

Die Wortwahl sei ungeschickt gewesen, sagt die Frau. Insbesondere, dass sie sich explizit an die jüdische Gemeinde gewandt habe: «Das würde ich so nicht mehr schreiben.» Man habe gewisse Probleme gehabt mit jüdischen Gästen, die sich ungeduscht und mit T-Shirt ins Wasserbecken begaben. Das sei tatsächlich unhygienisch und störend für andere Feriengäste, die sich an die Regeln halten würden. Die Benutzung der Tiefkühltruhe sei ein Entgegenkommen gewesen, sagt die Frau. Abgesehen vom Personal habe diese niemand benutzen dürfen – ausser die jüdischen Gäste.

Jüdischer Stammgast verteidigt Personal

Es ist fraglich, ob die Erklärungen die erhitzen Gemüter besänftigen können. Auch die jüdische Gemeinschaft in der Schweiz verurteilt das Vorgehen des Personals. «Dieser Aushang ist völlig inakzeptabel», sagt Jonathan Kreutner, Generalsekretär des Israelischen Gemeindebunds (SIG), zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Da der Text ausschliesslich an Juden adressiert sei, diskriminiere er diese. «Wir überlegen uns nun die weiteren Schritte.» Kreutner möchte aber auch erwähnt haben, dass das Miteinander von Einheimischen und jüdisch-orthodoxen Gästen aus dem Ausland «im Grossen und Ganzen» gut funktioniere.

Das Apartmenthaus Paradies hat die beiden Schilder inzwischen demontiert. Sie hoffe, dass sich der wirtschaftliche Schaden in Grenzen halte, sagt die Verwalterin. Die Unterkunft bietet rund 80 Wohnungen an. Jüdische Gäste seien weiterhin «sehr willkommen». Unterstützung bekommt die Aroser Unterkunft von einem Stammgast: Er kenne die Belegschaft sehr gut, sagt ein Mann aus Israel der Zeitung «Israel National News». «Ich war schon mehrere Male in diesem Hotel. Das Personal ist so weit vom Antisemitismus entfernt wie der Ferne Osten vom Westen.»

*Name der Redaktion bekannt

Erstellt: 15.08.2017, 10:57 Uhr

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