«Anfangs wollte ich einfach Rache»

Die frühere Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess-Hegglin klagt mit dem Verein Netzcourage Online-Hasser ein – für sich und für andere.

«Ich wollte einfach nicht auf dem ganzen Dreck sitzen bleiben»: Jolanda Spiess-Hegglin. Foto: Reto Oeschger

«Ich wollte einfach nicht auf dem ganzen Dreck sitzen bleiben»: Jolanda Spiess-Hegglin. Foto: Reto Oeschger

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Nach dem Skandal an der Zuger Landammannfeier 2014 wurden Sie online beschimpft, bedroht und angegriffen. Nun haben Sie 50 Personen getroffen, die im Internet über Sie hergezogen sind. Weshalb?
Ich wollte von ihnen wissen, weshalb sie so etwas Hässliches über mich schreiben. Es ist mir sehr viel Hass entgegengebrandet. Ich wusste erst nicht, wie ich mit dieser geballten Ladung Hass umgehen, wie ich diese Anfeindungen bewältigen soll. In den ersten Monaten konnte ich gar nichts tun. Ich habe sie nur dank Antidepressiva überlebt. Aber dann begann ich, Kontakt zu den Hatern aufzunehmen.

Weshalb haben Sie nicht einfach alles auf sich beruhen lassen?
Anfangs wusste ich nicht, wie ich vorgehen soll – mich wehren, mich nicht wehren, mich äussern, schweigen. Ich wollte aber nicht, dass sich das, was über mich gesagt und geschrieben wurde, festbrennt, dass es zur Wahrheit wird. Es hiess, ich hätte mir eine Geschichte zurechtgelegt. Mehr kann ich dazu nicht sagen, weil ich einen Vergleich abgeschlossen habe – für alle Beteiligten gilt die Unschuldsvermutung, auch für mich.

Haben Sie nicht vielmehr die Aufmerksamkeit gesucht? Von aussen hatte man nie den Eindruck, dass Sie schweigen.
Ich wüsste keinen solchen Fall. Ich habe mich nur gewehrt, korrigiert, was falsch geschrieben wurde. Es hiess, ich sei die Matratze des Kantonsrats. Aber oft, wenn ich etwas korrigierte, wurde mir das Wort im Mund umgedreht, und es kam nur noch schlimmer. Es war zum Verzweifeln. Aber ich wollte einfach nicht auf dem ganzen Dreck sitzen bleiben.

Wer sind diese Leute, die Sie anfeindeten?
95 Prozent sind Männer – ältere Männer, SVP-Wähler, typische Wutbürger. Fast alle sind vom Land.

Hater wählen SVP? Das ist ein klischiertes Bild.
Die meisten wählen SVP oder sympathisieren mit ihr. Das sehe ich an ihren Profilen, sie teilen etwa Beiträge von SVP-Versammlungen. Ich habe auch mehrere SVP-Mandatsträger angezeigt, einen Stadtparlamentarier, einen Ex-Stadtparteipräsidenten, ein Vorstandsmitglied. Sogar ein Ex-Richter ist darunter. Es ist krass, aber es fehlt ihnen jeder Anstand.

Haben Sie auch Haterinnen?
Wenige. Oft sind es Mitläuferinnen – auch die Sekretärin einer SVP-Kantonalpartei habe ich angezeigt. Es läuft immer gleich ab: Ein Nationalrat kommentiert etwas auf seiner Internetseite, seine Anhänger stimmen zu, und jeder setzt noch einen drauf. So entwickelt sich eine Dynamik, die niemand mehr unter Kontrolle hat. In einem ein­zigen Kommentarverlauf kommt es oft zu so vielen Ehrverletzungen, dass es für ein Dutzend Anzeigen reichte. Auch die Meinungsmacher haben eine Verantwortung – sie könnten die Einträge löschen. Aber sie tun es nicht.

Weshalb reagierten die Leute so heftig auf Sie?
Psychoanalytiker Markus Fäh sagte auf Zentralplus, dass sich manche Männer von Frauen bedroht fühlen, die sich exponieren und ihre Meinung sagen. Frauen wie Juso-Präsidentin Tamara Funiciello oder Tierschützerin Nancy Holten. Für diese Männer sind wir eine Provokation. Sie versuchen, uns mit Hass zum Schweigen zu bringen. Wenn wir uns nicht wehren, passiert genau dies. Ich bin froh, hält Tamara dem ganzen Dreck stand. Ich politisiere nicht mehr, aber über den Verein Netzcourage kann ich dazu beitragen, dass sie ihre Stimme erheben kann.

Werden Frauen anders beleidigt als Männer?
Definitiv! Meist geht es um Sexualität. In 90 Prozent der Fälle werde ich als Schlampe oder Hure beschimpft. Man sieht mich als Triebtäterin, die das Abenteuer sucht, während meine Kinder alleine zu Hause sitzen. Männer, die mich nie gesehen haben, massen sich an, zu beurteilen, wie ich bin. Letztlich ist es aber ihr Bild, das sie im Kopf haben und auf mich projizieren. Männer, die mit ihrem eigenen Sexleben zufrieden sind, brauchen das nicht.

Wie kommen Sie an die Hater heran? Oft ist es nicht schwierig, sie ausfindig zu machen; viele wollen mit Namen zu ihren Aussagen stehen. In Deutschland beschimpfen Hater andere oft anonym. Aber in der Schweiz findet man: «Das wird man wohl noch sagen dürfen.»

Haben die Hater auf Ihre Mails geantwortet?
Wenige. Was sich bewährt hat, ist, sie direkt anzuzeigen. Es braucht den Schock einer Vorladung, von diesem Beamtenpapier. So wird den Hatern bewusst: Sie sind nicht mehr in ihrer Filterblase, sie sind in der realen Welt. Und sie sind greifbar.

Wie reagieren die Hater auf die Vorladung?
Viele glauben, sie würden zu Unrecht belangt. Einer hat etwa geschrieben, ich sei so überflüssig wie die Pest. Und meine Qualitäten lägen nicht beim Schreiben . . . Ich habe ihn angezeigt und einen Vergleich angeboten, aber er hat lieber Tausende von Franken für einen Anwalt ausgegeben – und vor Gericht dennoch verloren. Andere machten eine Gegenanzeige; weil ich ihnen einen Vergleich angeboten habe, behaupten sie, ich erpresse sie. Das Verrückte ist: Diese Hater sehen sich als Opfer und mich als Täterin. Man darf doch wohl noch einen Witz machen, heisst es. Mittlerweile gibt es eine Facebook-Gruppe «Opfer von Jolanda Spiess-Hegglin».

Weshalb wehren sie sich so vehement?
Sie haben Angst, gegenüber ihrer Gefolgschaft das Gesicht zu verlieren. Die meisten steigen aber auf einen Vergleich ein. Sie spenden etwa 500 Franken an Netzcourage oder für eine andere gute Sache – wenn jemand Frauen attackiert hat, soll er einem Frauenhaus Geld spenden, geht es gegen Flüchtlinge, an die Flüchtlingshilfe. Ein junger Bauer, der wenig Geld hatte, gab uns einen selbst gebrannten Schnaps. Damit ist die Sache erledigt. Zwei frühere Hater sind gar Mitglied von Netzcourage geworden.

Die Hater kaufen sich frei?
Nicht nur. Manchmal ist es Teil eines Vergleichs, dass ich dem Hater erklären darf, wie die Meinungsbildung im Netz funktioniert. Dass er aufgrund seiner Spuren im Netz auf ihn zugeschnittene Mitteilungen bekommt. Das Problem ist, dass eine geschlossene Gruppe das Gefühl bekommt, dass die ganze Welt so redet wie sie und dass das allgemein akzeptiert ist. Deshalb ist es wichtig, dass die Hater aus dieser Filterblase herauskommen. Das ist meine Strategie: Ich enttarne das System, um es zu sprengen. Mit einem Gesetzesartikel alleine würde man Hater nie zum Schweigen bringen.

Bringen Sie diese Treffen weiter?
Einmal traf ich einen Hater, der auch hässliche Kommentare zu Simonetta Sommaruga geschrieben hat. Als ich den Raum betrat, sass da ein schmächtiger, älterer Herr. Er war freundlich, wir hatten ein gutes Gespräch. Da hat es mir richtig das Herz geöffnet. Solche Erlebnisse sind Therapie für mich. Sie machen mich stark und schützen mich, wenn ich wieder mit Dreck beworfen werde.

Wie funktioniert diese Therapie?
Nach einem guten Gespräch fühle ich mich wieder so gut wie früher, bevor das alles geschah. Ich bekomme langsam wieder Boden unter den Füssen. Aber es ist nicht alles geheilt. Ich kämpfe noch mit einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Spüren Sie Genugtuung, wenn ein Hater verurteilt wird?
Die ersten Male wollte ich Rache. Ich habe vor den Treffen noch die Kommentare der Hater gelesen, in denen sie mich beschimpften und mir den Tod wünschten. Ich habe sie gehasst. Ich wollte, dass es ihnen so dreckig geht wie mir. Die ersten Begegnungen waren schlimm. Ich schwitzte, war nervös, und als ich im Gericht aus dem Lift stieg, dachte ich: Dort vorne hockt er und wartet. Aber ich habe gemerkt: So wird sich nichts ändern. Beim nächsten Mal ging ich freundlich auf den Hater zu und gab ihm die Hand. Er war völlig überrascht – und war bereit, zu verhandeln. Es braucht diesen Dreh.

Was ist es genau, das die Stimmung kehrt?
Wenn die Männer merken, dass ich nur ein Mensch bin, nett im Umgang und nicht die Schlampe, als die mich die Boulevardmedien darstellen. Dann fällt ihr ganzes Gedankenkonstrukt in sich zusammen. Sie merken, dass es nicht recht war, was sie getan haben. Dann ist fertig gehetzt, und sie feinden mich nie mehr an. Manchmal trinken wir noch ein Bier zusammen. Es ist schon eindrücklich, cool, wenn man eine Haltung so kehren kann. Aber es braucht auch Kraft, diesen Männern gegenüberzutreten.

Schämen sich die Männer?
Ja. Einmal traf ich einen Ostschweizer SVP-Politiker. Er sass am Tisch, als ich kam. Ein untersetzter Herr in einer viel zu engen Lederjacke. In den sozialen Medien hat er sich aufgeplustert und war über mich hergezogen. Nun aber hatte er Schweissperlen auf der Stirn und schaute betreten zu Boden. Ich werde dieses Bild nie vergessen. Aber ich habe mich nicht daran ergötzt. Ich bin an dem, was in den letzten Jahren geschehen ist, gewachsen. Wenn ich heute einem Hater gegenübersitze, dann suche ich nicht Rache, ich suche das Gute in ihm.

Dennoch bringen Sie die Männer vor Gericht. Mein Ziel ist immer ein Vergleich. Wenn er zustande kommt, erübrigt sich der Gang vor Gericht.

Zeigen Sie alle Hater an?
Nein. Der frühere SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli hat mich auf TeleZüri einmal «ein ausgekochtes Luder» genannt. Ich habe ihn nicht angezeigt. Es hätte ihm bei seinen Fans nur Auftrieb gegeben.

Sie nennen Ihren Verein Netzcourage «The Hatespeech Ambulance». Wie helfen Sie?
Wir raten, als Erstes einen Screenshot zu machen. Das ist das Wichtigste – man muss ja alles beweisen können. Wenn jemand sehr verletzt ist, übernehmen wir vorübergehend auch die Social-Media-Accounts und zeigen die Hater an. Netzcourage ist für alle da, die alleine nicht weiterwissen – es gibt sonst keine Organisationen, die erwachsenen Opfern von Cybermobbing helfen. Manchmal wenden sich auch Männer an uns, die es einem Widersacher heimzahlen wollen. Das aber ist nicht unser Ziel.

Wie viele Anzeigen haben Sie eingereicht?
160 seit Herbst 2016. In 60 Fällen konnten wir einen Vergleich erwirken, in 50 Fällen wurde der Urheber verurteilt. Nur einmal haben wir vor Gericht nicht gewonnen. Die übrigen Fälle sind offen.

Ist es für Sie nicht einfach ein gutes Geschäft, die Hater anzuzeigen?
Ich arbeite ehrenamtlich, unsere Beratung ist für Opfer gratis. Ich habe im vergangenen Sommer meine Stelle bei Alt-Regierungsrat Hanspeter Uster gekündigt und arbeite zurzeit nur für Netzcourage. Es braucht viel Zeit, den Hatern nachzureisen. Aber ich muss das machen. Alles Geld, das ich als Genugtuung aus meinen Vergleichen erhalte, überweise ich auf das Konto von Netzcourage. Davon zahle ich mir nur die Auslagen, etwa für die Reisen zu den Verhandlungen. Aber mein Ziel ist es schon, dass ich mir einmal einen Lohn bezahlen kann.

Sie treten auch als Expertin auf, besuchen Schulklassen, halten Vorträge.
Es ist etwas anderes, wenn man den Hass selber erlebt hat oder nur darüber forscht. Dabei hilft es mir, dass ich nicht als Jolanda Spiess-Hegglin auftrete, sondern als Geschäftsführerin von Netzcourage. Diese Funktion ist ein Schutzschild für mich – ich trete nicht als Opfer, sondern als Expertin auf.

Wirken Ihre Interventionen?
Wir haben im Namen von Tamara Funiciello gegen 40 Anzeigen eingereicht, die Anfeindungen sind um zwei Drittel zurückgegangen. Wir zeigen alle Hater an, immer und immer wieder, bis es ruhig ist. Es spricht sich herum, dass sich Tamara wehrt.

Rückblickend: Was haben Sie falsch gemacht?
Ich habe zu oft aus meiner Verletztheit zurückgeschlagen. Es wäre besser gewesen, ich hätte zugewartet und dann aus meiner vollen Kraft zurückgegeben. In Ausnahmesituationen macht man Fehler. Aber ich habe dafür gebüsst. Nun werde ich alles richtigstellen. Es sind noch Verfahren und Prozesse hängig, etwa gegen den «Blick» oder die «Weltwoche». Jetzt kommt alles gut. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2018, 23:21 Uhr

Jolanda Spiess-Hegglin

Aktivistin

Die ehemalige Zuger Kantonsrätin der Grünen (37) war 2014 nach einer Landammannfeier in die Schlagzeilen geraten. Es ging um den Verdacht, ihr seien K.-o.-Tropfen verabreicht worden. Heute unterstützt sie mit dem Verein Netzcourage Opfer von Internethass. (jho)

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