Angriff mit der Panzerfaust

Ein brutaler Raubüberfall in der Romandie zeigt: Die professionellen Täter greifen zu gröberen Waffen. Und sie haben die Schweiz im Visier.

Der Überfall von La Sarraz: Bewaffnet waren die Kriminellen mit Kalaschnikows, dann haben sie den Geldtransporter gesprengt und ausgeraubt. Foto: Jean-Christophe Bott

Der Überfall von La Sarraz: Bewaffnet waren die Kriminellen mit Kalaschnikows, dann haben sie den Geldtransporter gesprengt und ausgeraubt. Foto: Jean-Christophe Bott

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Freitag, 23. August, nachts um 3.10 Uhr. Auf der Höhe der Autobahnausfahrt La Sarraz nördlich von Lausanne tauchen plötzlich drei Autos auf und nehmen zwei Geldtransporter ins Visier. Der eine kann entkommen, der andere aber muss mitten auf der Autobahn anhalten. Ein Dutzend Personen umzingeln ihn, sie sind bewaffnet mit Pistolen, Kalaschnikows und Bomben, so meldet das später die Waadtländer Kantonspolizei.

Die Kriminellen schiessen mehrmals auf die Kabine des Wagens – während die beiden Mitarbeiter noch darin sitzen. Gleichzeitig sprengen sie die ­Hintertür auf, das Fahrzeug steht in Flammen. Der Rauch zwingt die beiden Mitarbeiter der Geldtransportfirma nach draussen, dort werden sie von den Männern geschlagen. Alles geschieht in wenigen Minuten – dann flüchten die Täter mit einer bis heute unbekannten Summe Bargeld. Ihre ausgebrannten Fluchtautos findet man später ein paar Kilometer vom Tatort entfernt.

Fahrzeuge über 3,5 Tonnen dürfen nachts nicht fahren. So liefern nach 22 Uhr schlecht geschützte Wagen Geld aus.

In dieser Nacht vom 23. August geschah ein Überfall, der für die Schweiz in Bezug auf die Brutalität beispiellos ist. Und doch ist die Art von Überfall nicht neu, wie eine Auswertung der letzten Jahre zeigt. Seit 2011 gab es in der Westschweiz 10 Überfälle auf Geldtransporter. Sie geschehen vor allem nachts. Dann, wenn es weniger Zeugen und weniger Polizeipatrouillen hat. Dann, wenn die Videoüberwachung nicht so effektiv ist. Und sie passieren vor allem in der Romandie. Der Schluss liegt nahe, dass dies vor allem mit der Nähe zu Frankreich zusammenhängt. Banden aus Lyon haben viel Erfahrung mit solchen nächtlichen Überfällen.

Es gab schon Tote

Ende der 90er-Jahre gab es im westlichen Nachbarland eine Serie von sehr brutalen, manchmal gar tödlichen Überfällen auf Geldtransporter. Das führte so weit, dass die Mitarbeiter dieser Firmen streikten und Massnahmen forderten. Im Jahr 2000 wurde schliesslich der Geldtransport zur «Speisung von Geldautomaten» zwischen 22 und 5 Uhr untersagt. Laut Kader Bengueche von Transport des Alpes du Nord (CGT) änderte dies vieles in Frankreich. Seitdem seien die Überfälle zwar nicht verschwunden, aber zurückgegangen. «Auch in der Schweiz müssen die Behörden handeln. Sonst kommt es zu weiteren Angriffen.»

Ein solches Verbot ist in der Schweiz noch ein Tabu. Denn in diesem Land wird immer noch häufig bar bezahlt. 471 Millionen Banknoten waren 2018 im Umlauf. Luc Sergy ist Direktor des Verbands Schweizerischer Sicherheitsdienstleistungs-Unternehmen (VSSU), zu dem auch Geldtransporter gehören. Er sagt, dass er bereits mit vielen in der Branche über ein nächtliches Fahrverbot gesprochen habe.

Alle seien sich bewusst, dass das kein Allheilmittel ist. Denn in Frankreich gab es diesen Sommer bereits auch am helllichten Tag Angriffe. «Aber wir müssen nun konkret werden», sagt Sergy. Zwei Faktoren gebe es dabei zu beachten. Erstens: Sind die Schweizer bereit, Abstriche zu machen und sich auch einmal mit einem leeren Bankomaten abzufinden? Zweitens: Für ein Verbot braucht es eine Gesetzesvorlage auf Bundesebene. In einem föderalistischen Land wie der Schweiz wird dies Zeit in Anspruch nehmen.

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Doch die Transportunternehmen können nicht warten. Die Zeit drängt. Die Transporte, zwischen fünf und zehn pro Tag, finden weiterhin statt. «Dafür ist es unbedingt erforderlich, die Panzerung der Fahrzeuge zu verstärken», sagt Luc Sergy. Die jüngsten Raubüberfälle zeigen, dass das Heck die Schwachstelle ist. Die Räuber wissen das und nutzen es aus. Beispiele in Frankreich zeigen aber, dass eine bessere Panzerung einfach zu einer weiteren Aufrüstung führt. Kader Bengueche, der Kenner aus dem Nachbarland, sagt: «Wenn die Panzerung verstärkt wird, erhöhen die Kriminellen die Feuerkraft. Bei uns benutzen sie längst hochexplosive Bomben oder gar Panzerfäuste.»

Der in La Sarraz angegriffene Van war nur halb gepanzert. Die Kabine war geschützt, aber nicht das Heck des Fahrzeugs. Ein Bundesgesetz untersagt aus Lärmschutzgründen Fahrzeugen über 3,5 Tonnen das Fahren bei Nacht – die volle Panzerung wiegt aber 20 Tonnen. So fahren nach 22 Uhr unzureichend geschützte Geldtransporter durch die Schweiz. Der Waadtländer Nationalrat Olivier Feller (FDP) hat kürzlich darum gebeten, diesen Fehler zu korrigieren. Der Bundesrat lehnte ab. Die Waadtländer Regierung forderte Bern auf, diese Entscheidung zu überdenken.

Farbe soll Banknoten markieren

Wie also soll der Transport von Bargeld künftig sicherer gemacht werden? Jean-Christophe Sauterel von der Waadtländer Polizei sagt, dass man auch über intelligente Behälter nachdenken müsse, die die Banknoten mit Farbe markieren können. Im Fall von La Sarraz kam auf jeden Fall kein solcher Behälter zum Einsatz. Weiter führt Sauterel aus, man solle eine Begrenzung der zu transportierenden Menge diskutieren. Es gebe aber keine einzelne, sondern eine ganze Reihe von Massnahmen, die die Sicherheit erhöhen könne.

In einem Punkt sind sich alle einig. Es braucht neue Sicherheitsregeln. Auch müssen die prekären Arbeitsbedingungen der Sicherheitsmitarbeiter verbessert werden. Das wird etwas kosten. «Die französische Erfahrung zeigt, dass Sicherheit ihren Preis hat», sagt Kader Bengueche von der CGT. «Unternehmen, die davon profitieren wollen, müssen die Mitarbeiter angemessen bezahlen, ihnen geeignetes Material zur Verfügung stellen und geeignete Gesetze definieren.» Und dann gibt der Franzose noch einen Ratschlag: Die Schweiz muss in erster Linie den Transport von Bargeld in der Nacht verbieten.

Übersetzung: Yann Cherix

Erstellt: 06.09.2019, 16:42 Uhr

Ein Westschweizer Phänomen – in der Deutschschweiz unbekannt

Hoch professionell agierende, schwer bewaffnete Banden, die Geldtransporter überfallen, ausrauben und auch nicht vor Gewalt zurückschrecken – dies ist ein Westschweizer Phänomen. Das zeigt eine Analyse der Überfälle aus den vergangenen Jahren deutlich (siehe Grafik im Artikel). Auf der anderen Seite des Rösti­grabens in der Deutschschweiz ist diese Art von Raubüberfällen noch weitgehend unbekannt.

Laut den jeweiligen Polizeistellen gab es weder in Bern, Basel oder Zürich in den letzten zehn Jahren ähnliche Ereignisse, die in besagtes Raster passen. Bei der Kantonspolizei Basel heisst es, dass man das Ganze in der Romandie genau ana­lysiert und darauf das eigene Dispositiv angepasst habe. Wie genau und wie umfangreich, dazu wollen sich die Behörden nicht äussern. «Aus polizeitaktischen Gründen», lassen alle drei Pressestellen unisono verlauten.

Bei der Kantonspolizei Zürich heisst es immerhin, dass es seit längerem einen intensiven Austausch mit anderen Kantonen gebe und man für allfällige Ereignisse bereit sei. Ob die französischen Banden bald auch in der Deutschschweiz aktiv werden, lasse sich aber nicht vorher­sagen. «Das wäre wie in der Kristallkugel lesen», lässt die Kantonspolizei durch einen Sprecher vermelden. (cix)

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