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Anker unserer Zeit

Der Heimatbegriff erlebt heute ein Revival. Diese Wiederbelebung bedeutet Rückbesinnung und Wandel zugleich.

So sieht für viele Heimat aus: Ein typisches Schweizer Dorf.
So sieht für viele Heimat aus: Ein typisches Schweizer Dorf.
Keystone

Heimat, das war in meiner Jugendzeit so was von gestern. Der Begriff roch schon leicht ranzig nach jenen Heimatfilmen, die in x-ter Wiederholung an langweiligen Fernsehnachmittagen liefen. Heimat, das war Strandgut einer untergegangenen Zeit. Auch als sich schliesslich die SVP in den 1990er-Jahren mit ihrem Kampf gegen Europa ins Zentrum aller politischen Debatten bugsierte, ging dies nicht mit einer Wiederbelebung des Heimatbegriffs einher. In der politischen Arena standen härtere und stärker konturierte Wörter wie «Schweiz», «Unabhängigkeit» und «Neutralität».

Heute erlebt der Heimatbegriff jedoch geradezu ein Revival – und zwar nicht nur am 1. August. Die Sehnsucht nach Heimat steht für eine Gegenwart, die objektiv gesehen eigentlich unglaublich sicher und komfortabel ist, subjektiv dennoch irgendwie wenig Halt zu bieten vermag. Heimat ist so etwas wie der Anker in einer immer schrilleren und schneller sich wandelnden Welt ausser Rand und Band.

Die heutige Wiederbelebung des Heimatbegriffs bedeutet Rückbesinnung und Wandel zugleich. Heimat steht für Rückbesinnung, weil nach einer Phase des Zukunftseifers das Bedürfnis nach Verwurzlung wieder mehr Beachtung erhält. Heimat steht für Wandel, weil der Begriff heute viel weicher, offener und vielschichtiger verwendet wird als in den Heimatfilmen einst. Längst ist es mehr als ein klar umgrenzter Ort, und längst geht es um mehr als um Herkunft und Abstammung. Heimat steht für einen Seelenzustand. Es ist das Sich-daheim-Fühlen im eigenen Leben.

Der Subjektive Kern des Ichs

Vor kurzem hat ein offener Brief von Maurus Federspiel über die durch Zuwanderung bedrohte Heimat in dieser Zeitung hohe Wellen geworfen. Obwohl, rein objektiv gesehen, die Zuwanderungszahlen rückgängig sind und die sogenannte Flüchtlingskrise vor allem ausserhalb der Schweiz stattgefunden hat, lässt das von Federspiel verarbeitete Motiv des Heimatverlusts kaum jemanden kalt.

Der Klimawandel, der zwar unmittelbar unsere Existenzgrundlage bedroht, sorgt heute kaum für hitzige Köpfe. Die Zuwanderungsfrage dagegen tut dies seit Jahren beinahe pausenlos. Dies hat auch mit dem gewandelten Begriff von Heimat zu tun.

Anders als der Klimawandel trifft die Fremdenthematik den subjektiven Kern unseres Ichs.

Migration ist das äussere Sinnbild eines inneren Spannungsfelds zwischen Entfremdung und Geborgenheit, zwischen Ent- und Verwurzelung. Wenn Herr Federspiel in seinem städtischen Umfeld vor allem Fremdheit, Identitätsverlust und Zerfall wahrnimmt, dann sagt dies weniger über das städtische Umfeld aus als über seinen Seelenzustand. Schliesslich erkennen andere Menschen mit anderem Lebensgefühl in ebendiesem Umfeld eine lebendige, entspannte Heimat.

Auf Grenzen aufmerksam machen

Es ist an sich ein grosser Fortschritt, dass wir in einer Zeit leben, in der Subjektives nicht mehr unter den Tisch gekehrt, in der Empfindungen nicht mehr mit Schwäche gleichgesetzt werden. Die beliebte Phrase, dass die Politik die Ängste der Bevölkerung ernst nehmen soll, ist Ausdruck dieser Hinwendung zum Subjektiven. Das Problem ist nur, dass sich der Verlust an Halt und an innerer Heimat eben nicht mit einer äusseren Begrenzung der Zuwanderung zurückgewinnen lässt. Wer sich von Maurus Federspiels Pessimismus angesprochen fühlt, wird sich von sinkenden Zuwanderungszahlen kaum beeindrucken lassen. Dieser Pessimismus ankert tiefer. Und – was entscheidend ist – er liegt ausserhalb des Kompetenzbereichs der Politik. Zum Ernstnehmen der Ängste gehört eben auch, genau auf diese Grenzen aufmerksam zu machen.

Der weichere, subjektivere Heimatbegriff der heutigen Zeit macht diesen schwer fassbar. Heimat kann ein Geruch, können Freunde, kann die Familie sein. Heimat, die nicht in erster Linie als Ort im Raum, sondern als menschliches Grundbedürfnis verstanden wird, fördert eine Politik der gefühlten Wahrheiten. Es steckt darin jedoch auch der Ansatzpunkt einer neuen Empathie. Das Bewusstsein darüber, wie leicht sich unser inneres Heimatgefühl durcheinanderbringen lässt, hilft Brücken zu bauen. Versuchen wir nur einmal zu erahnen, wie stark der innere Halt bei Menschen erschüttert ist, die von ihrem Leben weit weg von ihrer angestammten, geografischen Heimat getragen wurden.

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