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Anstrengender Alltag junger Muslime

Der Zwang, sich ständig rechtfertigen zu müssen, bringt laut Forschern viele muslimische Jugendliche erst dazu, sich mit ihrer Religion auseinanderzusetzen.

Verzerrtes Bild vom Islam: Viele junge Muslime empfinden die öffentliche Meinung als unfair.Foto: Peter Schneider (Keystone)
Verzerrtes Bild vom Islam: Viele junge Muslime empfinden die öffentliche Meinung als unfair.Foto: Peter Schneider (Keystone)

«Als Muslimin muss ich mich für irgendwelche Idioten am anderen Ende der Welt rechtfertigen. Das nimmt mich wirklich sehr mit.» Diese Aussage einer jungen Frau bringt auf den Punkt, was laut Forschern der Universität Luzern prägend für viele junge Muslime in der Schweiz ist: Sie sehen sich gezwungen, sich für ihre Religion zu rechtfertigen und von extremen Auslegungen des Islams zu distanzieren. Umso mehr trifft dies Muslime, die ihre Religion gegen aussen sichtbar leben.

Der Druck, zum Kopftuch ebenso wie zu Gräueltaten der Terrormiliz Islamischer Staat Stellung zu beziehen, bleibt nicht ohne Folgen, wie die Religionswissenschaftler Martin Baumann, Jürgen Endres, Silvia Martens und Andreas Tunger-Zanetti in einer gestern veröffentlichten Studie feststellen. Gerade der raue gesellschaftspolitische Diskurs zum Thema Islam bringe viele junge Muslime dazu, sich mit ihrer Religion auseinanderzusetzen, schreiben die Forscher. Als besonders einschneidend habe sich dabei das 2009 beschlossene Minarettverbot erwiesen. Im Hinblick auf die bevorstehende Debatte über ein Burkaverbot gehen die Forscher deshalb davon aus, dass diese eine ähnliche Wirkung zeitigen werde.

Kritische Sicht auf Autoritäten

Ihre Erkenntnisse stützen die Forscher auf Interviews mit 61 jungen Muslimen aus der Schweiz, die insgesamt fast 5000 Minuten dauerten. Wie sie bei der Vorstellung der Studien festhielten, ging es ihnen dabei nicht darum, Erkenntnisse über Radikalisierungsprozesse zu gewinnen, sondern «Normalfälle» zu zeigen. Im Vorwort zu ihrer Studie verweisen die Forscher denn auch darauf, dass viele Muslime wie auch Wissenschaftler das durch die öffentlichen Debatten über den Islam entstandene Bild als verzerrt und unfair einstuften.

Das Hauptaugenmerk der Forscher galt der Frage, an welchen islamischen Autoritäten sich junge Muslime in der Schweiz orientieren. Sie kommen zum Schluss, dass der Einfluss von Imamen der Schweizer Moscheen sowie umstrittener Internetprediger geringer sei, als oft angenommen werde. Gerade gegenüber Angeboten im Internet hegten viele junge Muslime eine gesunde Skepsis. «Es ist nicht so, dass sie diese nicht kennen würden», sagt Tunger-Zanetti. Die meisten jungen Muslime würden aber sehr viele unterschiedliche Positionen an sich heranlassen und mit der Zeit immer genauere Kriterien dafür entwickeln, welche Angebote für sie passen würden. «So haben uns Jugendliche erzählt, dass sie sich zwar Aufnahmen des islamistischen Predigers Pierre Vogel angeschaut hätten, diesem aber die nötige Substanz fehlen würde.»

Insgesamt nannten die 61 Befragten den Forschern über hundert verschiedene religiöse Autoritäten, worunter sich die Konvertiten Qaasim Illi und Nicolas Blancho vom Islamischen Zentralrat (IZRS), aber auch Saïda Keller-Mes­sahli vom Forum für einen fortschrittlichen Islam (FFI) und der Islamwissenschaftler Tariq Ramadan befinden. Laut den Forschern spielten die in der Öffentlichkeit oft kontrovers diskutierten Organisationen für die allermeisten jungen Muslime keine oder eine kleine Rolle.

Die Forscher sprechen den meisten Imamen keinen grossen Stellenwert zu.

Ebenfalls keinen grossen Stellenwert sprechen die Forscher den meisten Imamen zu. Nur einzelne überzeugende Persönlichkeiten unter ihnen hätten einen Einfluss auf die jungen Muslime. Ansonsten würden sich diese viel stärker als erwartet an Personen aus ihrem Umfeld orientieren: Eltern, Geschwistern, Freunden und Vertrauenspersonen innerhalb der Moscheegemeinde.

Während die Studie Einblick in beispielhafte religiöse Biografien junger Muslime gibt, bildet sie aber nicht deren Gesamtheit ab. Wie viele im Gegensatz zu gemässigten Altersgenossen extremen Lehren anhängen und wie viele sich wiederum ganz von der Religion abgewendet haben, kann die Studie nicht beantworten.

Klar ist für die Forscher indes, was sich junge Muslime wünschen: «Die allermeisten möchten als normale Jugendliche oder junge Erwachsene wahrgenommen werden», sagt Tunger-Zanetti. Daneben hätten sie auch Anliegen an die islamischen Organisationen: dass diese nämlich mehr Imame oder Sozialarbeiter anstellten, die die Jugendlichen verstehen würden und beraten könnten.

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