Anteil der Muslime wird überschätzt

Schweizer sind der Meinung, im Land lebten dreimal mehr Muslime, als die Volkszählung tatsächlich ausweist. Das zeigt eine repräsentative Tamedia-Umfrage.

Die Bevölkerung nimmt die Muslime im Land zahlenmässig dominanter wahr, als sie es tatsächlich sind: Muslime beten im Haus der Religionen in Bern.

Die Bevölkerung nimmt die Muslime im Land zahlenmässig dominanter wahr, als sie es tatsächlich sind: Muslime beten im Haus der Religionen in Bern. Bild: Peter Klaunzer/Keystone

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Kopftuchdebatte, Burkainitiative, Minarettverbot: Muslime und ihre Glaubensausübung beschäftigen die Schweiz. Die politischen Parteien haben das erkannt und lancieren mittlerweile im Wochenrhythmus politische Vorstösse zum Thema. Heute wird zudem auch der Bundesrat zur Burkainitiative des SVP-nahen Egerkinger Komitees Stellung beziehen. Das Begehren will das bereits im Tessin eingeführte Verbot auf die ganze Schweiz ausdehnen.

Eine repräsentative Tamedia-Studie zeigt nun, dass die Bevölkerung die Muslime im Land zahlenmässig dominanter wahrnimmt, als sie es tatsächlich sind: Der Anteil der Muslime an der ständigen Wohnbevölkerung wird um mehr als das Dreifache überschätzt. Im Durchschnitt bezifferten ihn die Befragten auf 17,2 anstatt mit 5,1 Prozent.

Umfrage: Würde es Sie stören, wenn der Anteil Muslime an der Schweizer Bevölkerung zunähme? Grafik vergrössern

Damit bestätigt sich für die Schweiz, was vor einem Jahr bereits eine internationale Studie aufzeigte, die 40 Länder berücksichtigt: Die Wahrnehmung in Bezug auf die muslimische Bevölkerung weicht in zahlreichen Staaten stark von der Wirklichkeit ab. Am stärksten hatten sich in der Befragung des britischen Meinungsforschungs­instituts Ipsos Mori die Franzosen verschätzt. Sie glaubten, fast jeder dritte Einwohner sei islamischen Glaubens. Tatsächlich sind es in Frankreich 7,5 Prozent der Gesamtbevölkerung. Aber auch in Italien (20 statt 3,7 Prozent), Deutschland (21 statt 5 Prozent) und Belgien (23 statt 7 Prozent) liegen die Schätzungen deutlich daneben. Die Politologen Lucas Leemann und Fabian Wasserfallen haben die Tamedia-Themenbefragung 2017 erstmals durchgeführt. Sie vermuten, dass die Zahl der muslimischen Mitbewohner quer durch Europa überschätzt wird, weil die mediale Berichterstattung «disproportional» sei. «Es gibt verschiedenste Bevölkerungsgruppen in der Schweiz, die viel grösser sind und gleichzeitig viel weniger mediale Aufmerksamkeit erhalten», sagt Leemann.

Verbreiteter Atheismus

Die Tamedia-Themenumfrage wollte von den rund 17'000 Teilnehmern auch wissen, ob es sie stören würde, wenn der Anteil Muslime an der Schweizer Bevölkerung zunähme. Für insgesamt70 Prozent wäre das eindeutig oder eher ein Problem.

Umfrage: Geschätzter Anteil Muslime in der Schweiz Grafik vergrössern

Die Antwort korreliert stark mit der deklarierten Nähe zu den Parteien: SVP-Anhänger stimmen zu insgesamt 93 Prozent zu. Selbst bei Wählern von Linksparteien scheint ein gewisses Unbehagen vorhanden zu sein – immerhin 38 Prozent der Anhänger von SP und Grünen sind dieser Meinung. Dazwischen liegen jene der Mitteparteien.

Die erhöhte Sensibilität für den muslimischen Bevölkerungsteil geht – auch das zeigt die repräsentative Themenumfrage – mit einem verbreiteten Atheismus einher. Mehr als jede dritte befragte Person glaubt an keine höhere Macht, 14 Prozent wissen es nicht. Der überwiegende Teil der Befragten besucht gar nie (52 Prozent) oder weniger als einmal im Monat (34 Prozent) eine Glaubensstätte. Dazu passt auch, dass 57 Prozent nie und 19 Prozent weniger als einmal pro Woche beten.

Zuwanderung «zu hoch»

Nicht nur die Zahl der Muslime, sondern auch die Zuwanderung generell bereitet den Befragten Sorge. Jede zweite Person schätzt jene aus den Nachbarstaaten als zu hoch ein. Für 37 Prozent ist sie «genau richtig».

Für 55 Prozent ist auch die Zuwanderung aus den übrigen EU- und Efta-Staaten zu hoch; 33 Prozent erachten sie als adäquat. Für die Zuwanderung aus Drittstaaten ausserhalb der EU sinkt die Akzeptanz noch weiter: Sie ist für 62 Prozent zu hoch – und wird als umso höher wahrgenommen, je weiter entfernt die Befragten von Städten wohnen.

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Damit bleibt ein Thema virulent, das die SVP mit ihrer Masseneinwanderungsinitiative bedient hatte. Die Partei wollte die Zuwanderung mit jährlichen Höchstzahlen und Kontingenten steuern. Das Parlament hat daraus einen Arbeitslosenvorrang gemacht, um die bilateralen Verträge mit der EU nicht zu gefährden.

Während die Legislative damit die Ressentiments gegenüber der Zuwanderung offensichtlich nicht beseitigen konnte, teilt die Bevölkerung gemäss der Tamedia-Umfrage zumindest die Auffassung, die Bilateralen seien zu bewahren (28 Prozent) oder gar weiterzuentwickeln (47 Prozent).

Die Gesamtresultate der Tamedia-Umfrage lesen Sie hier. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.12.2017, 00:02 Uhr

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