Armasuisse stellte die Schweden vor die Wahl

Saab hat sich aus dem Rennen um den Kampfjet verabschiedet. Doch Recherchen zeigen: Der Gripen-Hersteller hatte die Wahl zwischen Rückzug und Rausschmiss.

Der Gripen E wird in der Schweiz nicht abheben. Foto: Sören Andersson (Scanpix Sweden)

Der Gripen E wird in der Schweiz nicht abheben. Foto: Sören Andersson (Scanpix Sweden)

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In zehn Tagen hätte der Kampfjet seinen grossen Auftritt in der Schweiz haben sollen: Der Gripen E des schwedischen Herstellers Saab sollte eigentlich vom 24. bis zum 28. Juni in Payerne Tests absolvieren. Dazu wird es nicht kommen, wie am Donnerstag bekannt geworden ist.

Am frühen Morgen hatte Saab per Communiqué die Teilnahme an den Flugtests in der Schweiz abgesagt. Einige Stunden später teilte das Bundesamt für Rüstung Armasuisse mit, welche Folgen dieser Entscheid hat: Der Gripen E ist aus dem Evaluationsverfahren für die Beschaffung eines neuen Kampfflugzeugs ausgeschieden.

Wie konnte es dazu kommen? Der neue Gripen, von dem Schweden und Brasilien bereits hundert Stück bestellt haben, ist noch nicht fertig entwickelt. ­Namentlich zwei Bereiche, die Armasuisse von den Bewerbern für die technische Flugerprobung verbindlich einforderte, können mit dem Kampfjet planungsgemäss erst ab dem Jahr 2022 erfüllt werden. Es geht dabei um das Beschiessen von Bodenzielen (Air-to-Ground-Operationen) und um die Aufklärung, also das Aufspüren gegnerischer Ziele.

Der Brief aus der Schweiz

Der schwedische Hersteller hatte der Schweizer Behörde deshalb vorgeschlagen, diese Einsätze in Payerne mit dem älteren Model ihres Kampfjets zu fliegen – dem Gripen C/D. Doch Armasuisse lehnte ab.

Recherchen dieser Zeitung zeigen: Hätte Saab sich am Donnerstagmorgen nicht selbst aus dem Rennen genommen, wäre Armasuisse eingeschritten. Die Schweden wären sowieso von der weiteren Evaluation ausgeschlossen worden. Saab hatte, sozusagen, das Messer am Hals.

Dass das Unternehmen für diese Entwicklung wenig Verständnis hat, lässt sich aus seinem Communiqué herauslesen. Dort betonen die Verantwortlichen, der «Gripen E wird Jahre vor der geplanten Auslieferung an die Schweiz in Dienst gestellt werden und alle geforderten Vorgaben erfüllen».

Klar ist aber auch: Die Schweden wurden Anfang dieses Jahres von der harten Gangart durch Armasuisse überrascht. Wie diese Zeitung im März berichtete, hatte das Bundesamt im Januar einen Brief an alle Bewerber für den neuen Kampfjet versandt. Darin warnte Armasuisse: Man werde nicht zögern, einen oder mehrere Hersteller sofort nach Hause zu schicken, falls sie die Bedingungen der technischen Lufterprobung nicht einhalten können. Schon damals schien klar, dass es sich dabei um eine Art Lex Gripen handelt. Die Rüstungsbehörde signalisierte, ihre Lehren aus der letzten Kampfjet-Evaluation gezogen zu haben, welche im Mai 2014 im Debakel endete: Das Volk lehnte den Kauf des Gripen an der Urne ab. Ein wichtiges Argument im Abstimmungskampf lautete damals, der Kampfjet sei unausgereift.

Zustimmung aus Parlament

Genau an diesem Punkt knüpft Sicherheitspolitiker Balthasar Glättli an. Der Nationalrat der Grünen sagt zum behördlich forcierten Rückzugsentscheid von Saab: «Beim letzten Beschaffungsentscheid erinnerte ich an die Schlussfolgerungen der PUK Mirage, man solle keine unfertigen Rüstungsgüter kaufen. Saab versprach damals, die ersten Gripen E schon 2018 zu liefern. Jetzt zeigt sich, dass man Parlament und Volk mit dem Gripen tatsächlich einen Papierflieger unterjubeln wollte.» Der Ausschlussentscheid sei korrekt, um jetzt nicht den gleichen Fehler zu wiederholen.

Der Präsident der Sicherheitspolitischen Kommission des ­Nationalrats, Werner Salzmann (SVP), sagt: Armasuisse habe für die Anbieter einen Kriterienkatalog erarbeitet und festgestellt, dass Saab die Anforderungen für den Wettbewerb nicht erfülle. «Offensichtlich hat der Gripen E nicht jene Beschaffungsreife, dass er erfolgsversprechend an der Flugerprobung teilnehmen kann.» Gleichzeitig bedauert Salzmann den Rückzug der Schweden, es sei «ein Entscheid, der uns den Handlungsspielraum etwas einengt, da dieser Typ ein gutes Preis-Leistungs-Verhältnis ausgewiesen hätte».

Der Rückzug komme überraschend, weil Saab die Bedingungen gekannt habe, sagt Josef ­Dittli (FDP), Präsident der ständerätlichen Sicherheitskommission. Der Bund ziehe die Lehren aus dem letzten, gescheiterten Versuch. «Diesmal kaufen wir keine Versprechen.» Er habe für das Vorgehen des Bundes jedes Verständnis.


Ein Nachbar oder ein Amerikaner

Mit dem unfreiwilligen Rückzug von Saab mit dem neuen Gripen E verbleiben vier Hersteller im Rennen um den neuen Kampfjet der Schweizer Armee. Für Wettbewerb ist damit weiter gesorgt. Mit dem Gripen fällt aber das wohl günstigste Flugzeug aus.

Das sorgte in Bern da und dort für Bedauern. Im Parlament kristallisiert sich zu diesem frühen Zeitpunkt des Auswahlverfahrens noch kein Favorit heraus. Klar ist aber schon heute – die Schweiz hat einen Grundsatzentscheid zu fällen. Und zwar, ob sie mit einem Nachbarland zusammenarbeiten will, namentlich mit Frankreich (Rafale)respektive Deutschland (Euro­fighter). Oder ob die Schweiz nach dem F/A-18 weiterhin auf ein US-Produkt setzen will.

Beide Varianten haben Vor- und Nachteile. Während die US-Jets F/A-18 Super Hornet von Boeing und der Tarnkappen-Jet F-35 von Lockheed Martin eine Fortführung des Bisherigen brächten – im zweiten Fall auch einen technologischen Quantensprung mit den damit verbundenen Risiken –, erlaubte die Wahl eines Jets aus einem Nachbarland den Lärmexport bei Übungsflügen. Denkbar erscheinen bei entsprechender Verhandlungstaktik des Bundesrats auch «Deals» auf politischer Ebene. Ein Kampfjet-Kauf könnte dann, ausserhalb der technischen Evaluation, mit politischen Erwartungen verbunden werden.

Ein Comeback von Saab ist derweil nicht ganz ausgeschlossen. Armasuisse betont zwar, eine spätere Erprobung des Gripen komme nicht infrage, sonst sei die Gleichbehandlung der Kandidaten nicht gewährleistet. Die letzte, verpatzte Kampfjetbeschaffung zeigt aber, dass Überraschungen nie auszuschliessen sind. Saab teilte mit, man halte am Angebot fest. (bg)

Erstellt: 14.06.2019, 08:07 Uhr

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