Artgerechte Haltung für Stadtmenschen

In Schweizer Städten wird jeder Quadratzentimeter Boden normiert und versiegelt. Das ist schädlich und hat mit Verdichtung nichts zu tun.

Grün gegen Beton: Müssen lebendige Zwischenräume gedeckten Ladenpassagen weichen?

Grün gegen Beton: Müssen lebendige Zwischenräume gedeckten Ladenpassagen weichen? Bild: Christof Schuerpf/Keystone

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Die beschleunigte Verödung des städtischen Aussenraums wird gerne mit nötiger Verdichtung gerechtfertigt. Wenn aber 3½-Zimmer-Wohnungen mit 100 Quadratmetern Wohnfläche entstehen, ist das nichts als Unfug. Auf der ganzen Welt können wir in viel dichter gebauten Städten lebendige Zwischenräume erleben. Doch in der Schweiz wähnt man sich in den Fussgängerzonen gewisser Arealüberbauungen in gedeckten Ladenpassagen.

Der letztes Jahr abgetretene Chef des Zürcher Amts für Städtebau führte Journalisten an die Stadtgrenze, zur Umsteigestation Stettbach. Über eine dort angelegte Ruderalfläche zeigt er sich irritiert: «Da will man einen urbanen Ort schaffen, schmückt ihn aber mit Schottersteinen und Gräsern. Zudem hat man den Bach offengelegt. Das ist ein Beispiel dafür, wie die Politik Einfluss nimmt», zitiert ihn Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Aber wer ist «man», und was meint «urban»?

Um die urbane Bodenzerstörung zu stoppen, müssen wir nicht auf bauliches Verdichten verzichten, sondern den Ungeist dieser Norm infrage stellen.

Der Architekt macht seinem Unmut darüber Luft, dass die Ränder der Asphaltfläche – dem Gewässerschutzgesetz konform – durchlässig gestaltet sind, damit Regenwasser versickern kann. Was ist daran stossend? Entspräche totale Oberflächenversiegelung dem Gütesiegel «urban»? Hätte er den freigelegten Sagentobelbach lieber in der Röhre? Aus dem Untergrund wieder ans Licht geholte Bäche sind Lebensadern für Wildtiere und -pflanzen. Auf Schuttflächen siedelt sich spontan eine erstaunliche Artenvielfalt an. Daher verlangte der Gestaltungsplan einen «möglichst durchlaufenden Grüngürtel», um den Austausch unter den Populationen zu gestatten.

Der bundesrätliche Aktionsplan zur Anpassung an den Klimawandel verlangt von den Städten zudem neue grüne Infrastrukturen wie Pärke, die Erhaltung und Aufwertung bestehender Grünräume sowie die Vermeidung zusätzlicher Bodenversiegelungen. Mit der Umsetzung tun sich viele Städte schwer, mit Ausnahme wohl von Genf, deren Bevölkerung ein geradezu inniges Verhältnis zu ihren Grünräumen hegt.

Keine Zeit für Grünzeug

Dabei wäre gerade jetzt ein guter Zeitpunkt, uns mit kühlem Kopf mit der Architektur der Wärmeinsel Stadt zu befassen – mit der EU-Norm EN 15220-1. Sie dient der Effizienz, nach der Formel: E = U/K, Unterhalt des Raumprogramms geteilt durch die Kosten. Daraus folgt: Minimierung des Unterhaltsaufwands, das heisst: keine Zeitverschwendung mit Grünzeug, dafür Maschinengängigkeit, und die ruft nach Totalversiegelung bis in die letzte Ritze. Schon ist die Formel Stein geworden. Die Norm regelt das Facility-Management, Neudeutsch für Liegenschaftsverwaltung. Die Norm ist die Kriegserklärung an die Natur. Um die urbane Bodenzerstörung zu stoppen, müssen wir nicht auf bauliches Verdichten verzichten, sondern den Ungeist dieser Norm infrage stellen.

Manch ein Bauherr reibt sich an gesetzlichen Schranken. Aber was heisst es für die politische Kultur, wenn der Amtschef dasselbe tut? Man geht davon aus, der Gesetzgeber mache Vorgaben und die Verwaltung setze sie durch. Tatsächlich aber müssen Exekutiv- und Verwaltungsbehörden oft auf dem Rechtsweg an Verstössen gegen Bau- und Umweltgesetze gehindert werden. Richtungsweisende Entscheide fallen oft nicht, wie vorgesehen, in den Parlamenten, sondern immer unverfrorener direkt zwischen Branchenverbänden, Konzernen und Behörden.

«Wenn die Stadt wächst, tut ihr das gut», sagt der ehemalige Stadtbaumeister. Das ist pure Ideologie, die nicht zu fragen braucht, für wen gebaut wird und wie. Diverse Wachstumszonen tun den Bewohnern – die ja neben Bauwirtschaft, Investoren und Verwaltung auch Teil der Stadt sind – keineswegs gut. Und gebaut wird – mit Ausnahme von Industrieanlagen und Ställen – ja stets für Menschen. Auch Stadtmenschen haben Anrecht auf artgerechte Haltung.

* Andreas Diethelm ist Umweltberater in Zürich (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.02.2017, 19:32 Uhr

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