Schusssichere Panzerwesten für alle Schweizer Soldaten

Für 377 Millionen Franken rüstet die Armee sämtliche 100'000 Soldaten auf. Braucht es das wirklich?

Animation: So sieht die neue Ausrüstung der Schweizer Soldaten aus. (Video: VBS/DDPS)

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Bequem sollen es die Soldaten künftig haben – mit wasserdichten, atmungsaktiven und warmen Kleidern, die weder kratzen noch drücken. Und trotzdem soll die neue Kampfbekleidung derart resistent sein, dass sie Schutz bietet gegen Granatsplitter und Gewehrprojektile. Komfortabel und schusssicher? Was nach der Quadratur des Kreises klingt, glaubt die Schweizer Armee gefunden zu haben. Und wie immer im Militär gibt es dafür eine Abkürzung: MBAS.

Die vier Buchstaben stehen für die Modulare Bekleidung und Ausrüstung, welche das Verteidigungsdepartement (VBS) mit dem Rüstungsprogramm 2018 beschaffen will: eine vollständig neue Kampfausrüstung für die ganze Armee. Kostenpunkt: über 3000 Franken pro Soldat, total 377 Millionen Franken.

Rund die Hälfte dieses Betrages verschlingt das Herzstück der neuen Kampfmontur: Schutzwesten für jeden der 100'000 Soldaten. Wobei Schutzweste stark untertrieben ist: Eigentlich ist es ein ganzes Schutzsystem, das die Rüstungsbehörde Armasuisse ausgetüftelt hat. Es besteht aus zwei verschiedenen Westen mit Taschen, in welche der Soldat oder die Soldatin Schutzplatten einschieben kann – am Rücken, am Bauch, an den Seiten oder im Genitalbereich. Die Schutzplatten gibt es in zwei Ausführungen. Je nach Einsatz und Bedrohung montiert der Soldat entweder weiche und flexible Schutzelemente, welche gegen Granatsplitter schützen. Oder – wenn es ganz heftig wird – harte und steife Panzerplatten aus Aramidgewebe, besser bekannt unter dem Markennamen Kevlar. Mit den harten Platten wiegt die Schutzbekleidung über 10 Kilogramm und schränkt die Beweglichkeit des Trägers erheblich ein. Dafür sollen die harten Platten sogar einem Direktbeschuss aus Sturmgewehren widerstehen.

Zwar hat die Armee schon vor rund zwanzig Jahren die Schutzwesten 96 beschafft. Das Gros der 75'000 vorhandenen Westen bietet aber lediglich Splitterschutz. Für «robustere Einsätze», wie das VBS es nennt, hat die Armee heute nur rund 25'000 Westen an Lager, die zudem am Ende ihrer Lebensdauer angelangt seien.

Konflikte der Zukunft sind «hybrid»

Ist es aber sinnvoll, jetzt gleich alle Armeeangehörigen vom Armeechef bis zum Küchengehilfen mit einem topmodernen Schutzanzug auszurüsten? Diese Frage wirft jetzt die Sicherheitspolitische Kommission des Ständerats auf. Sie wolle wissen, «ob es wirklich für alle 100'000 Soldaten dicke und dünne Schutzplatten braucht», sagt Kommissionspräsident Josef Dittli (FDP). Bevor die Kommission in dieser Frage entscheidet, verlangt sie von Verteidigungsminister Guy Parmelin zusätzliche Auskünfte.

Für Brigadier Rolf Siegenthaler ist die Antwort klar. Die Konflikte der Zukunft seien «hybrid», erläuterte der Chef der Armeeplanung in Thun. Eine klare Frontlinie gebe es heute nicht mehr, terrorähnliche Bedrohungslagen könnten überall auftreten. In solchen Konfliktformen sei «jeder, der eine Uniform trägt, ein potenzielles Ziel», sagt Siegenthaler. Und darum müsse sich jeder Soldat auch angemessen schützen können, selbst wenn er nur irgendwo vor einem Gebäude Wache schiebe.

Unbestritten in der ständerätlichen Kommission sind die übrigen Kleider, welche die Schweizer Soldaten neu erhalten sollen. Ersetzt wird die ganze Ausrüstung – von der militärischen Unterhose bis zur dicken Winterjacke. Die neue Bekleidung besteht aus Dutzenden von Hosen, Shirts, Jacken, Mützen und Pelerinen aus modernsten Materialien, die je nach Wetter und Temperatur miteinander kombiniert werden sollen.

Zwar ist auch der heutige Kampfanzug, die Kampfbekleidung 90, nach dem sogenannten Zwiebelschalensystem aufgebaut. Bezüglich Atmungsaktivität und Witterungsschutz habe die Bekleidungstechnologie seither aber grosse Fortschritte gemacht. So begründet das VBS die Neuanschaffung.

Dabei kauft das VBS nicht ab Stange. Entwickelt wurde die neue Kampfbekleidung von Armasuisse. Sollte das Parlament die Neueinkleidung bewilligen, wird Armasuisse den Auftrag öffentlich ausschreiben. Weil es in der Schweiz keine Textilindustrie mehr gibt, die solche Volumen bewältigen könnte, rechnet das VBS damit, dass rund 85 Prozent der Aufträge ins Ausland gehen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.03.2018, 23:18 Uhr

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