Atomaufseher verzichten auf Mission in Leibstadt

Der Bund lässt Leibstadt nicht von internationalen Experten durchleuchten – trotz mehreren Pannen und mangelhafter Sicherheitskultur.

Leibstadt ist mit Jahrgang 1984 das dienstjüngste Atomkraftwerk der Schweiz.

Leibstadt ist mit Jahrgang 1984 das dienstjüngste Atomkraftwerk der Schweiz. Bild: Keystone

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Zwei Mal binnen dreier Wochen ist es im Atomkraftwerk Leibstadt zu einer Schnellabschaltung des Reaktors gekommen. Auslöser waren bei den Vorfällen am 12. Mai und 24. April eine Störung am Vordruckregler, jenem Instrument also, das den Druck von Dampf, Wasser oder Gas in Leitungen misst und regelt. Seit vorletztem Mittwoch ist Leibstadt wieder am Netz, die Betreiber analysieren die Gründe für die technische Panne.

Mit Pannen von sich reden gemacht hat Leibstadt in der Vergangenheit wiederholt; zuletzt sind Vorfälle ans Licht gekommen, die Mängel in der Sicherheitskultur belegen. Ein Mitarbeiter hatte es seit mindestens 2016 unterlassen, gewisse Strahlenmessgeräte auf ihre Funktionstüchtigkeit hin zu testen. In die Prüfprotokolle trug er fingierte Daten ein; er wurde freigestellt. Die Atomaufsicht des Bundes (Ensi), die den Vorfall Ende Januar publik gemacht hatte, sprach von einem «schweren Fall von menschlichem Fehlverhalten».

Beim zweiten Vorfall, den das Ensi wenige Tage später veröffentlichte, erhöhte sich am 20. September 2018 die Strahlenbelastung «aufgrund einer fehlerhaften Bedienung einer Armatur». Zwar wurde dabei laut Ensi weder Radioaktivität in die Umgebung des Atomkraftwerks freigesetzt, noch wurden Dosisgrenzwerte für das beruflich strahlenexponierte AKW-Personal überschritten. Gleichwohl reagierte das Ensi scharf, weil es in Leibstadt auch schon früher ähnliche Vorfälle «menschlichen Fehlverhaltens» gegeben hatte. Die Atomaufsicht erwog, die Sicherheitskultur durch Experten ausländischer Atomanlagen, Aufsichtsbehörden und technisch-wissenschaftlichen Institutionen untersuchen zu lassen.

Kritik am Entscheid

Von dieser Massnahme sieht das Ensi nun aber ab, wie die Atomaufsicht auf Anfrage bekanntgibt: Es habe die Anordnung einer sogenannten Osart-Mission für das laufende Jahr zurückgestellt. Nils Epprecht von der Schweizerischen Energie-Stiftung (SES) kritisiert den Entscheid. Eine Osart-Mission hält er angesichts der Pannen in Leibstadt für «unausweichlich». Zum Zug kämen so internationale Experten, die bislang kaum in Kontakt mit den Betreibern gekommen seien und so «unvorbelastetere Urteile fällen können».

Eine Osart-Mission in der Schweiz fand zuletzt 2012 im Atomkraftwerk Mühleberg statt. 15 Inspektoren aus neun Ländern und einer Erfahrung von 340 Personenjahren prüften damals unter anderem die Betriebsabläufe und stellten diverse Mängel fest, etwa dass Dokumentationen nicht nachgeführt würden und die werkeigenen Feuerwehrleute nicht in allen Schichten anwesend seien. Der Energiekonzern BKW, der Mühleberg betreibt, reagierte darauf wie folgt: «Wenn relevante Mängel vorhanden wären, könnten wir die Anlage gar nicht betreiben.»

Betreiber mit eigener Lösung

Das Ensi begründet seinen Verzicht mit den bereits getroffenen Massnahmen: So hat es seine Inspektionstätigkeit seit Februar «deutlich erhöht». Auch hat die Atomaufsicht das Management des AKW Leibstadt sowie des Stromkonzerns Axpo einbestellt, dem Leibstadt-Hauptaktionär. Nun hat Leibstadt selber eine Überprüfung aufgegleist: Im kommenden Herbst sollen «unabhängige Experten» ein Audit durchführen, das speziell auf die Sicherheitskultur fokussiere. Dauer: eine Woche. Eine Wiederholung sei für 2020 geplant, schreibt die Pressestelle auf Anfrage.

Die Atomaufsicht  Ensi hat das Management des AKW sowie des Stromkonzerns Axpo einbestellt.

Der Prozess findet unter der Leitung der VGB Powertech statt; das ist der internationale Fachverband für die Erzeugung und Speicherung von Strom und Wärme. Mit dabei seien auch Vertreter anderer Atomkraftwerke. Wer genau, lässt Leibstadt offen. Gemäss Eigenbeschrieb bewerten die VGB-Experten den Status Quo der Sicherheitskultur, identifizieren Stärken und Schwächen und und geben letztlich Empfehlungen zur «Optimierung der Sicherheitskultur» ab. Das Ensi seinerseits erklärt, es werde «die Verbesserung der Sicherheitskultur im Rahmen der Aufsichtstätigkeit begleiten».

SES-Experte Epprecht begrüsst das Audit, ist aber skeptisch, ob sich binnen einer Woche die Fehlerkultur genügend ausleuchten lasse. Die Osart-Missionen würden üblicherweise drei Wochen dauern samt Wiederholung eineinhalb Jahre später. Auch enthielten sie - anders als ein solches Audit - offizielle Vorgaben, auch was die Veröffentlichung der Resultate betreffe. «Was das Audit bringt, ist deshalb schwierig vorab einzuschätzen.»

Erstellt: 26.05.2019, 22:01 Uhr

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