Atomaufsicht überrascht ihre Kritiker

Ginge es nach der Betreiberin Axpo, wäre ihr Atomkraftwerk Beznau I längst wieder am Netz. Doch die Aufsichtsbehörde des Bundes gibt sich nicht zufrieden. Das sorgt für neue Misstöne.

925 Materialfehler: Das AKW Beznau ist eines der ältesten der Welt. Foto: Thomas Egli

925 Materialfehler: Das AKW Beznau ist eines der ältesten der Welt. Foto: Thomas Egli Bild: Keystone

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Bald tausend Tage ist es her, dass das Atomkraftwerk Beznau I zuletzt Strom produziert hat. Grund für den ungewöhnlich langen Stillstand sind 925 Materialfehler, welche die Axpo 2015 in der Stahlwand des Reaktordruckbehälters entdeckt hat, direkt im Herzstück des Atomkraftwerks also. Seither hat die Axpo diverse Male einen neuen Starttermin in Aussicht gestellt. Zuletzt war es der 31. Oktober; mittlerweile ist daraus Ende Februar 2018 geworden.

Verantwortlich für den Aufschub ist die Atomaufsichtsbehörde des Bundes (Ensi). Sie verlangt von der Axpo zusätzliche Materialuntersuchungen, die der Energiekonzern als «umfangreich» bezeichnet. Was wenig spektakulär klingt, birgt Konfliktpotenzial. Gut informierten Kreisen zufolge zeigt sich der Energiekonzern, der den Nordostschweizer Kantonen gehört, zunehmend irritiert über die Hartnäckigkeit der Bundesbehörde: Die Axpo sei nur teilweise bereit, weitere Nachweise zu erbringen, nicht zuletzt aus finanziellen Gründen; dies habe zu einem Disput geführt.

Viel teurer als geplant

Die Axpo bestreitet diese Darstellung. Sie spricht von «Diskussionen» mit dem Ensi, die es «selbstverständlich» gegeben habe und gebe. «Nur so kann festgestellt werden, welche Belege die Aufsichtsbehörde benötigt.» Weiter betont die Axpo, die Gestaltung des Prüfprozesses liege ganz in der Kompetenz der Aufsichtsbehörde. Das Ensi seinerseits sagt dazu, Nachforderungen bei umfangreichen Nachweisen seien «nichts Aussergewöhnliches».

Unbestritten ist dagegen, dass der Sicherheitsnachweis teuer ist. Die Axpo hat bislang «deutlich mehr» als 20 Millionen Franken dafür aufgeworfen; präziser wird sie nicht. Wie stark die neuen Materialuntersuchungen zu Buche schlagen werden, will die Axpo nicht sagen. Insgesamt hat sie der Stillstand bisher 300 Millionen Franken gekostet. Ins Geld geht insbesondere die Wiederbeschaffung des nicht produzierten Stroms. Bis Ende Februar wird der Kostenberg um weitere Millionen wachsen.

Experten aus dem Ausland

Wie weit die fachlichen Einschätzungen zu Beznau I auseinanderliegen, deuten die Verlautbarungen der Axpo an. Im November 2016 reichte der Energiekonzern beim Ensi den sogenannten Safety Case ein. «Aus Sicht der Axpo gibt es keine sicherheitstechnischen Vorbehalte für den sicheren Weiterbetrieb der Anlage bis 2030», resümierte der Energiekonzern. Zur Einordnung: Beznau I steht heuer im 48. Betriebsjahr, im Jahr 2030 stünde es im 61. Das Durchschnittsalter eines Atomkraftwerks beträgt, weltweit gerechnet, 29 Jahre.

Die Axpo scheint sich ihrer Sache sicher: Sie habe den Sicherheitsnachweis gemäss dem nationalen und internationalen Regelwerk erbracht, die gesetzlichen Bestimmungen für einen Neustart seien erfüllt. Die Materialfehler seien herstellungsbedingt, also nicht während des Betriebs entstanden, und «ohne relevanten Einfluss». Das Ensi beurteilt den Fall bisher anders – und erhält dafür gute Noten aus dem Lager der Atomgegner, also jenen Kreisen, welche die Aufsichtsbehörde für gewöhnlich als zu lasch und zu wenig kritisch geisseln. Atomgegner führen für diese Beharrlichkeit zwei Erklärungen ins Feld.

Die erste Vermutung: Das Ensi hat eigens für den Fall eine internationale Expertengruppe beigezogen. Die Fachleute prüfen die Analysen der Axpo und beraten das Ensi – mehr aber nicht, wie die Aufsichtsbehörde auf Anfrage betont: Es sei sie, die über einen allfälligen Weiterbetrieb von Beznau I entscheide. Trotzdem: Das Ensi dürfte es sich gut überlegen, ob es sich gegebenenfalls über die Empfehlung der Expertengruppe hinwegsetzen soll.

Die zweite Erklärung: Das Ensi steht unter verstärkter internationaler Beobachtung. Der Grund: In den belgischen Atomreaktoren Doel 3 und Tihange 2 hatten Experten 2012 bei Untersuchungen der Reaktordruckbehälter ebenfalls Materialfehler im Stahl entdeckt; die Rede war von Tausenden von kleinen Rissen. Die belgische Atomaufsicht verfügte daraufhin die Abschaltung, worauf ein internationales Expertenteam die Meiler überprüfte.

Mittlerweile sind die Reaktoren wieder am Netz. Als bemerkenswert werten Beobachter, dass die Aufsichtsbehörde sämtliche Dokumente und Beurteilungen zu den Befunden veröffentlicht hat. Gleichwohl war der Startschuss von Misstönen begleitet. Einer der neun Fachleute zweifelte offen an, dass das Gremium die Sicherheitsmarge richtig bestimmt habe.

Beznau-Petition läuft

Solche Kontroversen unter Experten können in der Öffentlichkeit Spuren hinterlassen – auch jenseits der Landesgrenze. Wegen der Nähe zu Tihange haben die Behörden in der Region Aachen (D) diesen Sommer der Bevölkerung vorsorglich Jodtabletten abgegeben. Auch die Niederlande sind aktiv geworden. Belgien hat bereits 2016 beschlossen, alle seine Einwohner mit den Tabletten zu versorgen – nicht nur jene, die in einem Umkreis von 20 Kilometern um atomare Einrichtungen wohnen.

Im Fall von Beznau I soll es anders laufen, zumindest nach dem Willen der Atomgegner. Sie fordern das Ensi auf, Beznau I abgeschaltet zu lassen. Nationalrat Balthasar Glättli (Grüne) hat eine entsprechende Petition lanciert. Bis Ende der vergangenen Woche haben sie 10'500 Personen unterzeichnet.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.10.2017, 19:23 Uhr

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