Wie das Atomfieber ausbrach – und wieder verschwand

Der Bau des Atomkraftwerks Mühleberg vor 52 Jahren wurde gefeiert. Kaum war es am Netz, erwachte die Anti-AKW-Bewegung.

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Der Baustart für das Atomkraftwerk (AKW) Mühleberg ging ohne jede Aufregung über die Bühne. Vom Spatenstich am 1. April 1967, vor 52 Jahren, gibt es nicht einmal ein Pressebild. Überlebt hat aus dieser Zeit bloss ein Schwarzweissfoto der unüberbauten Runtigenmatte an der Aare – mit den Profilstangen für das geplante AKW.

Das Bundeshaus ist gerade mal 10 Kilometer Luftlinie entfernt. Aber das störte damals niemanden. Bedenken und Atomkraftgegner gab es keine weit und breit. Hans Rudolf Lutz (86), der erste Betriebsleiter im AKW Mühleberg, erinnert sich, dass vorerst nicht einmal ein Zaun um die Grossbaustelle errichtet wurde.

Am Aareufer baute ein Konsortium des US-Konzerns General Electric und des Schweizer Maschinenunternehmens Brown Boveri während vier Jahren das zweite AKW der Schweiz. Das birnenförmige Reaktordruckgefäss karrte man 1969 auf Lastwagen in zwei Teilen heran, die unter freiem Himmel verschweisst wurden. Im bäuerlichen Berner SVP-Hinterland entstand eine topmoderne Enegiezentrale. Betrieben wurde sie mit dem neuen Zauberkraftstoff: mit Atomkraft.

Vom Aufbruch zum Abbruch

47 Betriebsjahre später gilt die Atomkraft zumindest in Westeuropa als Auslaufmodell. Seit der Strompreis eingebrochen ist, sind Atomkraftwerke ein unrentables Klumpenrisiko. Und so wird denn in Mühleberg am 20. Dezember erstmals in der Schweiz ein AKW abgestellt. 2035 könnte die Runtigenmatte wieder so aussehen wie auf dem alten Schwarzweissfoto: unüberbaut und idyllisch.

«Um 1970 war in der Schweiz ein atomfreundliches Zeitfenster offen, das die BKW beim Bau des AKW Mühleberg erwischte.»Michael Fischer, Historiker und Buchautor

Die Laufzeit des AKW Mühleberg steckt eine Periode eines fast bestürzenden gesellschaftlichen und politischen Wandels ab. Vom euphorischen Aufbruch zum nüchternen Abbruchentscheid vergehen bloss fünf Jahrzehnte. Der zuerst gefeierten Atomkraft erwuchs ab 1975 Widerstand der Atomgegner. Bald schirmten ein Stacheldrahtzaun und ein Sicherheitsdienst das AKW in Mühleberg ab.

Obwohl die Atomgegner nie mehr als etwa 40 Prozent der Schweizer Bevölkerung ausmachten und fast nie eine nationale AKW-Abstimmung zu gewinnen vermochten, hat Bundesrätin Doris Leuthard Ende Mai 2011 nach der Havarie im japanischen AKW Fukushima den schrittweisen Atomausstieg der Schweiz und eine Energiewende angestossen.

Wie war dieser Turnaround möglich? Und warum vollzog ihn der Berner Energiekonzern BKW in Mühleberg als Erster?

Günstiges Zeitfenster

«Bis Anfang der 1970er-Jahre war in der Schweiz ein atomfreundliches Zeitfenster offen, das die BKW erwischte, als sie das AKW Mühleberg baute und in Betrieb nahm», blickt der in Bern lebende Historiker Michael Fischer (38) zurück. Eben ist sein Buch «Atomfieber» über die Geschichte der Atomkraft in der Schweiz erschienen.

Wie tolerant die Stimmung gegenüber der Atomkraft in dieser fortschrittsfreudigen Aufbruchszeit war, zeigt laut Fischer die verhaltene Reaktion auf den Grossbrand vom 28. Juli 1971. Beim versuchsweisen Hochfahren des Mühleberger Reaktors entzündete sich im Maschinenhaus mit den Turbinen ein feiner Ölstrahl, der bei einer losen Schraube ausgetreten war.

«Heute würde ein Brand eine wochenlange Aufregung aus­lösen. Damals erhielt ich gerade mal zwei Medienanfragen.»Hans Rudolf Lutz, erster Betriebsleiter Atomkraftwerk Mühleberg

80 Alarme jagten sich in der ersten Minute, die Anzeigen im Kontrollzentrum waren auf einmal schwarz, die Crew wusste minutenlang nicht, was sich in der Anlage abspielte. Zum Glück schaltete sich der Reaktor automatisch ab, und die Betriebsfeuerwehr entdeckte früh genug, dass auch die in den Reaktor hineinführenden Steuerungskabel glühten. «Heute würde so ein Vorfall eine wochenlange Aufregung auslösen, damals erhielt ich gerade mal zwei Medienanfragen», erzählt der damalige AKW-Leiter Hans Rudolf Lutz.

Auslöser Kaiseraugst

Dass sich die Stimmung auf einmal gegen die Atomkraft gewendet hatte, wurde acht Jahre nach dem Spatenstich deutlich – wieder an einem 1. April. Atomgegner besetzten damals das Gelände, auf dem in Kaiseraugst bei Basel ein weiteres AKW gebaut werden sollte. Die neue Widerstandsform importierten sie aus Deutschland. Während Wochen harrten sie aus. Letztlich erfolgreich. Das AKW-Projekt Kaiseraugst wurde nie realisiert und nach Entschädigungszahlungen an die Betreiberfirmen 1988 beerdigt.

Der gesellschaftliche Aufbruch von 1968 brachte eine Fortschritts- und Technologiekritik mit sich. Aus kleinen atomkritischen Gruppierungen von Pazifisten, Natur- und Heimatschützern, die vorerst nur einzelne AKW-Standorte bekämpften, sei eine breite Bewegung entstanden, die sich generell gegen die Atomkraft stellte, führt Michael Fischer aus.

Der Bund kurbelte den Widerstand selber an, als er 1970 eine reine Flusswasserkühlung, wie sie in Mühleberg noch bewilligt wurde, verbot und künftig Kühltürme verlangte. «Die 100 Meter hohen Türme provozierten die Landschaftsschützer und wurden zu eigentlichen Zielscheiben des Widerstands», erläutert Fischer.

BKW-Chefin Suzanne Thoma und AKW-Leiter Hans Rudolf Lutz. Fotos: Adrian Moser/Samuel Schalch

Im Februar 1979 wurde an der Urne erstmals über eine atomkritische Volksinitiative abgestimmt, die nur knapp abgelehnt wurde. Seither ist die Gesellschaft unversöhnlich gespalten. Eine neutrale Mitteposition gibt es nicht, man ist dezidiert für oder gegen Atomkraft. Michael Fischer spricht von einem Glaubenskrieg.

In beiden Lagern erkennt er ideologische Verhärtungen. Dem bedingungslosen Vertrauen der Befürworter in die technische Beherrschbarkeit der Risiken stehe die apokalyptische Dämonisierung der Atomkraft durch ihre Gegner gegenüber.

Ab den 1980er-Jahren erhielt auch das AKW Mühleberg Gegenwind. Skeptische Anwohner liessen die Radioaktivität in der Umgebung messen. Das neue Atomgesetz von 1979 gab ihnen Einsprachemöglichkeiten. Die «Aktion Mühleberg stilllegen» bündelte den regionalen Widerstand. Sie studierte Sicherheitsberichte und machte Mängel – insbesondere die wachsenden Risse im Kernmantel des Reaktors – publik.

Permanente Klagen der AKW-Gegner

«Der Widerstandsgeist erlahmte aber jeweils, nach der Ablehnung von Atomvorlagen sprangen gemässigte Atomgegner wieder ab, es gibt so etwas wie eine Halbwertszeit des Vergessens», beschreibt Michael Fischer die schwankende Konjunktur der Atomkritik. Aus der Perspektive der Atomgegner sei deshalb die Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 im Sowjet-AKW Tschernobyl im richtigen Moment gekommen.

Sie fachte – wie 2011 dann die Havarie von Fukushima – den Widerstand gegen die Atomkraft auch in gemässigten Kreisen neu und kraftvoll an. Die Mühleberg-Gegner deckten ab 1986 die BKW mit permanenten Klagen und Einsprachen gegen eine unbefristete Betriebsbewilligung für das AKW ein.

Bad News aus Japan

Den Meinungsumschwung, der 2011 zum Atomausstieg führte, kann man wie im Zeitraffer an den BKW-Infoveranstaltungen für die Einwohner der Gemeinde Mühleberg verfolgen. Im Dezember 2008 stellte die BKW in der Aula der Schulanlage Allenlüften das Nachfolgeprojekt für ein neues AKW in Mühleberg vor. Es sah gerade sehr gut aus für die Atomkraft. Weniger als acht Jahre später informierte die BKW in derselben Aula im April 2016 darüber, wie man das AKW ab 2019 rückbauen werde.

Als am 11. März 2011 erste Breaking News über die Havarie im AKW Fukushima aufpoppten, diskutierte der BKW-Verwaltungsrat im Hauptsitz am Berner Viktoriaplatz gerade das geplante Nachfolge-AKW. Die Anwesenden begriffen, dass die Bad News aus Japan Folgen für ihre Neubaupläne haben dürften.

Drei Tage später legte Bundesrätin Doris Leuthard die Projekte für neue Schweizer AKW auf Eis. Wie Tschernobyl mobilisierte nun auch Fukushima wieder gemässigte Kreise. «Doris Leuthards Energiewende wurde möglich, weil die bürgerliche Mitte von CVP und BDP ins Lager der Atomgegner wechselte», sagt Michael Fischer.

Die BKW-Spitze begriff schnell, dass nichts aus Mühleberg II werden dürfte. Der Berner Energiekonzern begriff es sogar schneller als andere und dachte weiter. Ende 2013 verkündigte er, dass er in Mühleberg das erste AKW der Schweiz stilllegen werde.

Seitenwechsel zu Kritikern?

Waren die BKW-Führungsleute, deren Goldesel Mühleberg lange fette Gewinne abgeworfen hatte, plötzlich zu Atomgegnern mutiert? Historiker Michael Fischer schüttelt den Kopf. «Mühleberg abzustellen, war kein weltanschaulicher Entscheid, sondern eine ökonomische Opportunität», sagt er. Er spricht noch einmal von einem günstigen Zeitfenster, das die BKW erkannt habe.

Die Axpo, die Betreiberin der in die Jahre gekommenen Reaktoren in Beznau, habe kurz vor Fukushima noch teure Nachrüstungen vorgenommen, für deren Amortisierung sie die AKW nun weiterlaufen lasse, erläutert Michael Fischer. Der BKW aber standen die in Mühleberg ebenfalls anstehenden Aufrüstungen erst noch bevor.

Das grosse Rechnen

So begann am Viktoriaplatz das grosse Rechnen: Würde es sich lohnen angesichts des sinkenden Strompreises, die von Fukushima ausgelösten neuen Erdbeben- und Hochwasserauflagen der Aufsichtsbehörden zu erfüllen und teuer nachzurüsten?

Die 2012 an die Konzernspitze aufgerückte CEO Suzanne Thoma – auch sie keine dezidierte Atomgegnerin, aber ein frischer Kopf – verband die Frage mit einer neuen Unternehmensstruktur und -strategie. Weil die BKW mit den Aufsichtsbehörden des Bundes den Verzicht auf teure Nachrüstungen aushandeln konnte und davon ausgehen durfte, dass sie als Pionierin des Atomausstiegs die volle Aufmerksamkeit der Bundesbehörden erhalten würde, war der Exit-Entscheid dann naheliegend.

In Mühleberg und bei der BKW ist der Glaubenskrieg um die Atomkraft vorderhand beendet. Mittelfristig auch in der Schweiz. «Es werden nun wohl 20 Jahre lang keine neuen Schweizer AKW gebaut, denn dafür hätte man schon neue Bewilligungsverfahren lancieren müssen», sagt Michael Fischer.

Atomkraft und CO2

Aber der Glaubenskrieg gärt ausserhalb und innerhalb der Schweiz weiter. In China und den USA werden derzeit neue AKW gebaut und geplant. Und die Atomlobby rühmt lautstark die CO2-freie Umweltbilanz der Atomkraft. Auch die Atomgegner dürften laut Michael Fischer am Ball bleiben. Sie werden mit Argusaugen das Experiment verfolgen, alte Reaktoren wie die in Beznau, die einst auf etwa 30 Jahre ausgelegt waren, 60 Jahre lang laufen zu lassen.

Buch: Michael Fischer: Atomfieber – Eine Geschichte der Atomenergie in der Schweiz, Hier+Jetzt-Verlag. Buchvernissage mit Podiumsdiskussion: Montag, 1. April, 19 Uhr, Volkshaus Zürich. In der Serie «Atomausstieg Mühleberg» leuchten wir die Ära der Atomkraft und den aufwendigen Abbruch des AKW Mühleberg aus.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 29.03.2019, 19:53 Uhr

Atomausstieg Mühleberg

Ab den 1980er-Jahren erhielt auch das AKW Mühleberg Gegenwind. Skeptische Anwohner liessen die Radioaktivität in der Umgebung messen. Das neue Atomgesetz von 1979 gab ihnen Einsprachemöglichkeiten. Die «Aktion Mühleberg stilllegen» bündelte den regionalen Widerstand.

Sie studierte Sicherheitsberichte und machte Mängel – insbesondere die wachsenden Risse im Kernmantel des Reaktors – publik. «Der Widerstandsgeist erlahmte aber jeweils, nach der Ablehnung von Atomvorlagen sprangen gemässigte Atomgegner wieder ab, es gibt so etwas wie eine Halbwertszeit des Vergessens», beschreibt Michael Fischer die schwankende Konjunktur der Atomkritik. Aus der Perspektive der Atomgegner sei deshalb die Reaktorkatastrophe vom 26. April 1986 im Sowjet- AKW Tschernobyl im richtigen Moment gekommen.

Sie fachte – wie 2011 dann die Havarie von Fukushima – den Widerstand gegen die Atomkraft auch in gemässigten Kreisen neu und kraftvoll an. Die Mühleberg-Gegner deckten ab 1986 die BKW mit permanenten Klagen und Einsprachen gegen eine unbefristete Betriebsbewilligung für das AKW ein.

Bad News aus Japan

Den Meinungsumschwung, der 2011 zum Atomausstieg führte, kann man wie im Zeitraffer an den BKW-Infoveranstaltungen für die Einwohner der Gemeinde Mühleberg verfolgen. Im Dezember 2008 stellte die BKW in der Aula der Schulanlage Allenlüften das Nachfolgeprojekt für ein neues AKW in Mühleberg vor. Es sah gerade sehr gut aus für die Atomkraft. Weniger als acht Jahre später informierte die BKW in derselben Aula im April 2016 darüber, wie man das AKW ab 2019 rückbauen werde.

Als am 11. März 2011 erste Breaking News über die Havarie im AKW Fukushima aufpoppten, diskutierte der BKW-Verwaltungsrat im Hauptsitz am Berner Viktoriaplatz gerade das geplante Nachfolge-AKW. Die Anwesenden begriffen, dass die Bad News aus Japan Folgen für ihre Neubaupläne haben dürften.

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