Auch Gleichberechtigung muss ausgehandelt werden

Über Frauenrechte muss man diskutieren dürfen.

Recht muss ausgelegt und interpretiert werden. Auch das Frauenrecht. Foto: TA-Archiv

Recht muss ausgelegt und interpretiert werden. Auch das Frauenrecht. Foto: TA-Archiv

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Seit den Übergriffen von Köln bekommen wir wieder die kämpferischen Rufe von Frauen zu hören: Frauenrechte und Gleichberechtigung sind nicht verhandelbar. Richtig. Richtig?

Der Ruf wäre richtig, wenn Recht so etwas wie eine mathematische Formel wäre. Aber so einfach ist es nicht. Recht ist nichts auf ewig Festgesetztes, sondern muss reagieren: auf Veränderungen in der Gesellschaft, auf neue Technologien, auf neue Deliktformen. Recht muss ausgelegt und interpretiert werden. Erstarrt es, erstarrt die Gesellschaft. Würde Recht nicht immer wieder neu ausgehandelt, wäre sexuelle Belästigung oder Vergewaltigung in der Ehe noch heute nicht strafbar.

Für die Einwanderung bedeutet das konkret, dass wir darüber reden müssen, ob und welche Normen der Einwanderer mit unserem Recht vereinbar sind. Das bedeutet nicht nur, das Verhalten der Einwanderer zu beurteilen – dazu gehört auch, unsere Interpretation desselben zu hinterfragen. Beispiel Kopftuch: Weil wir es als Symbol der Unterdrückung verstehen, wollen wir es verbieten. Aber unterdrücken wir damit nicht selbst eine ganze Gruppe von Frauen? Wäre es nicht wesentlich sinnvoller, die Frauen darauf aufmerksam zu machen, dass ihnen ihr Mann keine Kleidung gegen ihren Willen vorschreiben darf?

Das hat nichts mit Toleranz um des Friedens willen zu tun. Es geht hier auch nicht darum, Straftaten zu verharmlosen. Wer sich nicht ans Gesetz hält, gehört bestraft. Es geht auch nicht darum, an der Gleichberechtigung als Maxime zu rütteln oder Frauenrechte zu schwächen. Aber wenn wir aus Angst vor Rückschritten keine Diskussionen mehr über die Frage zulassen, was Gleichberechtigung bedeutet und was Frauenrechte beinhalten, dann werden diese Rechte zum Selbstzweck. Dann verraten sie ihr eigenes Ideal: dass niemandem wegen des Geschlechts ein bestimmter Lebensentwurf aufgedrückt wird. Und sie unterdrücken am Ende jene, die sie zu fördern und schützen vorgeben.

Erstellt: 18.01.2016, 22:45 Uhr

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