So buhlen Kantone um chinesische Firmen

Genf köderte einen Rohstoffhändler mit dem Versprechen, bei Steuerdeals und Arbeitsbewilligungen zu helfen, Zürich weibelt bei Finanzfirmen.

Chefsache: Bundespräsident Ueli Maurer mit Chinas Staatschef Xi Jinping Ende April beim Staatsbesuch in Peking. Foto: Madoka Ikegami (AP, Keystone)

Chefsache: Bundespräsident Ueli Maurer mit Chinas Staatschef Xi Jinping Ende April beim Staatsbesuch in Peking. Foto: Madoka Ikegami (AP, Keystone)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es war ein Coup. Der chinesische Rohstoffhändler Cofco verlagerte letztes Jahr seinen internationalen Hauptsitz nach Genf. Cofco ist ein riesiges Unternehmen. Im Auftrag der chinesischen Regierung produziert und kauft es auf dem Weltmarkt sogenannte «soft commodities». Cofco stellt Güter wie Zucker, Weizen oder Kaffeebohnen für ganz China bereit.

Bislang nicht bekannt war, wie Genf es geschafft hatte, Cofco von sich zu überzeugen: Am 13. Mai 2017 unterschrieb der Genfer Staatsrat Pierre Maudet in Peking ein Memorandum of Understanding (MOU), eine rechtlich unverbindliche Absichtserklärung. Damit drückte er Genfs Interesse an Cofco aus und sagte staatliche Hilfe zu.

Der «State of Geneva» werde für Cofco-Mitarbeiter Aufenthalts- und Arbeitsbewilligungen besorgen und diese in das Schweizer Umfeld integrieren, heisst es im MOU. Auch bei Verhandlungen für Steuerdeals will man helfen. Cofco stellt im MOU im Gegenzug einen Jahresumsatz von 50 Milliarden Franken in Aussicht. Die Summe ist sehr hoch. Gemäss Recherchen hat Cofco im letzten Jahr in Genf 40 Milliarden Franken Umsatz ausgewiesen. Die Aussicht auf beträchtliche Steuereinnahmen sollten den Kanton Genf wohl überzeugen.

Das MOU wurde der NGO Public Eye auf deren Gesuch hin vom Kanton Genf ausgehändigt. Die Organisation war bei Recherchen zum Schweizer Agrarhandelsplatz auf das MOU gestossen. Oliver Classen von Public Eye sagt, Cofco habe zwar eine enorme Grösse, sei aber noch deutlich unbekannter und intransparenter als andere Genfer Agrarrohstoffhändler wie Cargill oder Louis Dreyfus. So wisse man fast nichts über deren Geschäftspraktiken, insbesondere was Vorkehrungen gegen Korruption und die Einhaltung der Menschenrechte in der Produktion angeht.

Maudet ist zufrieden

Public Eye hat das MOU dieser Zeitung übergeben. Das zweiseitige Papier zeigt, wie neben dem Bund derzeit auch Kantone die schweizerisch-chinesischen Handelsbeziehungen forcieren. Sie tun das unter demselben Label wie der Bund: der «Belt-and-Road-Initiative» (BRI). Die Schweiz engagiert sich, damit hiesige Banken in BRI-Projekte investieren und hiesige Versicherungen solche Projekte versichern können. China investiert Milliarden in Infrastruktur in Asien, Afrika und Europa, um die Seidenstrasse wiederzubeleben.

Die Absichtserklärung zu Cofco hat der Genfer Staatsrat Maudet im Beisein von Bundesrätin Doris Leuthard unterschrieben, als diese für den ersten Seidenstrassen-Gipfel in Peking weilte. Nach einer Klausel zur Einhaltung von Produktions- oder Umweltschutznormen oder personalethische Standards sucht man in der Erklärung vergebens.

Staatsrat Maudet ist zufrieden. Cofco entwickle sich personell und finanziell prächtig und rascher als vom Kanton erwartet, teilt er mit. Genf habe MOU bislang nicht mit Firmen, sondern mit chinesischen Stadt- oder Provinzverwaltungen abgeschlossen. Sie würden den Partnern dabei helfen, die Funktionsweise des Schweizer Systems zu begreifen – lokal wie national.

Maudets Anstrengungen haben Folgen. Mitte Woche wurde bekannt, dass die Bank of China eine Schweizer Bankenlizenz bekam und nach Genf zurückkehrt. Rund zehn Jahre nachdem sie ihre Geschäfte in Genf aufgegeben hatte. Die Rückkehr ist ein Zeichen dafür, dass China seine Rohstoffgeschäfte selbst finanzieren will. Mit der Agricultural Bank of China dürfte die nächste Bank bald folgen. Die gleichzeitige Ankunft von Banken und Rohstoffhändlern in Genf hatte man vor zwanzig Jahren schon im Fall der russischen Industrie beobachten können.

Zürich ist bereits weiter

Im Gegensatz zu Genf haben sich in Zürich längst chinesische Banken etabliert. Die China Construction Bank und die Industrial and Commercial Bank of China, eine der grössten Banken weltweit. Während Genf seinen Rohstoffhandelscluster zu ergänzen versucht, geht es den Zürchern darum, gezielt ihre Finanzindustrie zu stärken. Vor zwei Wochen weilte der Zürcher Finanzdirektor Ernst Stocker (SVP) mit einer Wirtschaftsdelegation aus Banken- und Versicherungsvertretern in die Region Guandong und Hongkong.

Stockers China-Reise hatte die Volkswirtschaftsdirektion organisiert. Deren Auskünften zeigen, dass die Zürcher im chinesischen Markt mindestens ebenso zielgerichtet Vorgehen wie die Genfer. Partnerschaften werden üblicherweise mit MOU und Letters of Intent formalisiert. Auch die Universität Zürich hat solche Vereinbarungen unterzeichnet.

Die Zusammenarbeit ist breit. Dazu gehören Finanzwirtschaft, Präzisionstechnik, Handel, Umweltschutz, Tourismus oder Maschinenbau, aber auch Stadt- und Raumentwicklung. In Zürich finden sogenannte Financial Round Tables und Finanztrainings für Kader aus Provinzverwaltungen statt.

«Dank der China Construc­tion Bank wurde der Finanzplatz Zürich zu einer der europäischen Drehscheiben für den Offshore-Handel mit der chinesischem Währung Renminbi», sagt Beatrice Henes, Sprecherin der Zürcher Volkswirtschaftsdirektion. Dank des Renminbi Clearings könnten Schweizer Unternehmen direkt in der chinesischen Währung abrechnen, was den Handel einfacher und sicherer mache.

Erstellt: 01.06.2019, 12:47 Uhr

Die Schweiz ist zentral für den Handel mit Agrarrohstoffen

Die Nichtregierungsorganisation Public Eye konzentrierte sich in ihren Recherchen zur Schweiz als wichtigem Handelsplatz für Rohstoffe bislang auf den Handel mit Energieträgern wie Rohöl oder Kohle sowie den Handel mit Edelmetallen. In ihrem neusten Bericht liegt der Fokus nun aber auf dem Handel mit Agrarrohstoffen.

Untersucht wurden in diesem Zusammenhang die 16 wichtigsten Handelshäuser in der Schweiz. Zahlen aus dem Bericht zeigen, dass die Hälfte des weltweiten Getreides, 40 Prozent des Zuckers und jede dritte Kakao- oder Kaffeebohne von Handelshäusern mit Sitz in Genf oder in der Zentralschweiz gehandelt werden.

Landraub und Korruption

Der Trend geht dahin, dass die im Handel reich gewordenen Unternehmen zunehmend eigenes Agrarland und Produktionsstätten erwerben. Sie können damit die gesamte Wertschöpfungskette abdecken. Durch ihre zunehmende Marktmacht seien sie immer mehr in der Lage, die Preise zu bestimmen, schreibt Public Eye.

Die Organisation kommt zum Schluss, dass «die extreme Konzentration in diesem Sektor sowie dessen Ausdehnung in den Anbau von Agrarrohstoffen Hungerlöhne, Landraub und auch Korruption zur Folge hat». Weiter kritisiert Public Eye in ihrem Bericht, dass es zu Zwangs- und Kinderarbeit komme, den Einsatz von Pestiziden sowie die Zerstörung von Lebensgrundlagen durch Abholzung oder Landaneignungen. (phr)

Artikel zum Thema

Spione aus China schnüffelten in Schweizer Firma

Die Agenten gelangten an 700 hochgeheime Dokumente einer Zuger Hightech-Firma – mit Hilfe eines Kadermanns. Mehr...

«China sieht die Schweiz als Einfallstor»

Vor Ueli Maurers China-Besuch warnt SP-Politiker Fabian Molina: Die Schweiz dürfe Chinas Expansion nicht länger ignorieren, sagt er im Interview. Mehr...

Wie der wahre China-Deal platzte

Recherchen zeigen: Als Ausgleich zum Seidenstrasse-Abkommen forderte die Schweiz von China ein Bekenntnis zu den Menschenrechten. Ohne Erfolg. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blog

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...