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Auch sie machten Geschichte

Es gibt hierzulande durchaus Frauen für eine historische Serie im Schweizer Fernsehen. Acht filmreife Leben – von der mutigen Äbtissin über die Wüstenabenteurerin bis zur ersten Frauenrechtlerin.

Sex, Drogen und Araberhengste: Abenteurerin Isabelle Eberhardt (1877–1904), hier auf einer Aufnahme von ca. 1900.
Sex, Drogen und Araberhengste: Abenteurerin Isabelle Eberhardt (1877–1904), hier auf einer Aufnahme von ca. 1900.
PD
Engagement in der Friedensbewegung: Flüchtlingsmutter Gertrud Kurz (1890–1972, Aufnahme vom Februar 1960).
Engagement in der Friedensbewegung: Flüchtlingsmutter Gertrud Kurz (1890–1972, Aufnahme vom Februar 1960).
Keystone
Vorbild für viele Frauenrechtlerinnen: Marie Goegg-Pouchoulin (1826–1899).
Vorbild für viele Frauenrechtlerinnen: Marie Goegg-Pouchoulin (1826–1899).
PD
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Die Friedensäbtissin von Zürich

Katharina von Zimmern

1478–1547Es gibt kein Bild von Katharina von Zimmern; immerhin ist da eine Blockskulptur im Zürcher Fraumünster. Der abstrakte Erinnerungsklotz von 2004: das erste Denkmal für eine Frau in der Stadt Zürich überhaupt. Verdient hat es die Adelsdame aus Deutschland, ein Flüchtlingskind, das früh ins Land kam und mit 13 in das Fraumünsterstift eintrat.

Dieses war ein Ableger des deutschen Hochadels, seine Äbtissin stieg mit der Ernennung automatisch zur Fürstin des deutschen Reiches auf. Und nominell war die Fraumünster-Äbtissin Herrin der Stadt Zürich. Auch wenn diese sich aus den mittelalterlichen Zwängen schon zum guten Teil emanzipiert hatte.Mit 18 rückte Katharina von Zimmern in das Äbtissinnen-Amt auf, das sie mit wirtschaftlichem und politischem Gespür versehen haben soll; ihr Stift erblühte. Als Zwinglis Reformation kam und Zürichs Klöster aufgehoben wurden, hätte Katharina einen Krieg anzetteln können. Auf ihre von Papst und Kaiser verliehenen Rechte hätte sie pochen und fremde Kräfte herbeirufen können. Sie entschied sich 1524 für den Frieden und für die Schlüssel-Übergabe an Zwingli. «Katharina gehört zur Partei Christi», sagte dieser.

Nach der Aufhebung ihres Klosters wurde Katharina von Zimmern weltlich. Sie heiratete einen Söldnerführer, lebte mit ihm in Schaffhausen und Diessenhofen, gebar zwei Kinder. 1529 kehrte sie nach Zürich zurück und lebte im Haus zum Mohrenkopf. Sie hatte einen Bürgerkrieg verhindert, «um Schaden zu vermeiden», wie sie sagte. Nichtkriegführen ist auch eine historische Leistung.

Thomas Widmer

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Die schreibende Weltenbummlerin

Isabelle Eberhardt

1877–1904

Was für ein filmreifes, kurzes Leben! Erst 27-jährig ertrank Isabelle Eberhardt im unwegsamen Landesinneren von Algerien in den Regenfluten eines Gewitters. Schon vor ihrem Tod befand sie sich in einem desolaten Zustand: «Ihr Gesicht war von Alkohol verwüstet, die Stimme rau, der Schädel rasiert und der Mund zahnlos», schrieb ihr Schweizer Biograf Alex Capus. Eberhardt hatte exzessiv gelebt.

Als 20-Jährige war sie mit ihrer kranken Mutter, die eine Klimaveränderung brauchte, von Genf nach Algerien gereist, wo beide zum Islam übertraten. Nach dem Tod der Mutter zog sich die Tochter Männerkleider an, streifte durch die Wüste und besuchte heilige Stätten, aber auch Bars und Bordelle im Maghreb. Dabei fiel sie durch ihren masslosen Alkohol- und Marihuanakonsum auf, aber auch durch grosse Abenteuerlust. Sie ritt einen Araberhengst, hatte Affären mit Offizieren, überlebte die Attacke eines religiösen Fanatikers, der ihr mit einem Krummsäbel den Kopf spalten wollte. Schliesslich wurde sie unter dem Verdacht, eine Spionin zu sein, des Landes verwiesen.

Das Zusammenleben mit einem Mann, den sie in Algerien kennengelernt und in Marseille geheiratet hatte – zunächst auf dem Standesamt, dann in der Moschee – hielt sie nicht lange aus. Sie nahm das Angebot an, für die Zeitung «L’Akhbar» in Algier zu schreiben. Später wurde sie Kriegsreporterin.Letztlich blieb Isabelle Eberhardt ein unglücklicher Mensch. Sie fühlte «eine endlose Traurigkeit, Wehmut über ein Woanders, das ich nicht benennen kann». Der Frauenbewegung der 70er-Jahre war sie ein Vorbild: Faszinierend ihr Mut zum Wechsel der Geschlechterrolle, beeindruckend ihr Wille, das Leben nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

René Staubli

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Die Künstlerin ohne Grenzen

Meret Oppenheim

1913–1985

Kaum wurde sie von den Surrealisten begrüsst, entzog sie sich ihnen. Meret Oppenheim wollte keiner Bewegung angehören, sondern ihre Richtung selber bestimmen. Die Malerin, Aktionskünstlerin, Bildhauerin und Fotografin experimentierte mit Formen und Inhalten, sie provozierte, zwang Kontraste zusammen und kümmerte sich nicht darum, ob ihre Sprünge und Gedankensprünge der Kritik gefielen (sie gefielen nicht).

Als Arzttochter in Berlin geboren, wuchs die Künstlerin im Schweizer Jura auf. Schon wie sie aussah, fiel sofort auf: das kurz geschittene Haar, die grossen, prüfenden, spöttisch blickenden Augen. Man Ray hatte ihr junges Gesicht hochbelichtet, spätere Aufnahmen zeigen das ältere Gesicht bemalt, als wäre sie eine Indianerin. Aus den Aufnahmen spricht eine Ruhe und Selbstbewusstheit.

Der Ernst täuscht, denn was besonders gefällt an ihrem Werk, ist nicht nur die enorme Vielfalt, sondern der Humor. Der Tisch mit den Vogelfüssen, die zum Poulet geschnürten Schuhe und natürlich die weltberühmte Pelztasse. Wie sehr die Künstlerin die Gewohnheiten störte, zeigt der kunsthistorische Streit um ihren Brunnen in Bern. Heute dreht sich die Debatte nur noch darum, wie man ihn am besten konserviert. Die Ironie hätte sie amüsiert.

Jean-Martin Büttner

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Die erste Schweizer Juristin

Emilie Kempin-Spyri

1853–1901

«Ich bitte Sie zu glauben, dass ich trotz meines Studiums die Künste und Fertigkeiten einer Hausfrau nicht verlernt habe.» Mit diesem Worten bewarb sich Emilie Kempin-Sypri, die erste Schweizer Juristin, bei einem Pfarrer als Dienstmagd. Doch der Brief wurde von der Basler Irrenanstalt abgefangen, in die sie 1899 eingeliefert worden war − entmündigt und für geisteskrank erklärt. Zwei Jahre später starb sie mit nur 48 Jahren.

Damit endete das Leben einer Frau, die Zeit ihres Lebens durch Wissensdurst und Willensstärke aufgefallen war. Mit 34 promovierte die Nichte von Johanna Spyri, Mutter dreier Kinder, an der Uni Zürich. Doch arbeiten durfte sie weder als Anwältin noch als Privatdozentin, weil sie eine Frau war. Desillusioniert wanderte sie mit ihrer Familie nach New York aus, wo sie mit einer eigenen Rechtsschule für Frauen für Aufsehen sorgte.Zurück in der Schweiz, wurde Kempin-Spyri doch noch Privatdozentin an der Uni Zürich, verfasste zahlreiche Aufsätze und gründete die Zeitschrift «Frauenrecht». Dank ihres Einsatzes liess der Kanton Zürich 1898 Frauen zum Anwaltsberuf zu. Der Pionierin selbst nützte das nichts mehr. Im Jahr zuvor war sie in Berlin, ihrem zweiten Exil, nach einem Nervenzusammenbruch in eine Heilanstalt eingewiesen worden.

Simone Rau

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Die Mutter der Flüchtlinge

Gertrud Kurz

1890–1972

Sie sah sich in erster Linie als Hausfrau und Mutter – in die Geschichte ging Gertrud Kurz ein, weil sie Menschen in Not half – auch auf eigene Kosten. Ihre Biografie verlief zunächst konventionell: Geboren 1890 in Appenzell, Frauenbildungsschule in Frankfurt am Main, 1912 Heirat mit Albert Kurz, drei Kinder.

Schon damals nahm sie Bettler bei sich zu Hause auf – später engagierte sie sich in der Friedensbewegung. Während des Zweiten Weltkriegs entwickelte sich ihr Haus zum Flüchtlingszentrum. Sie vermittelte, vernetzte und inspirierte zahlreiche ähnliche Initiativen in Schweizer Städten, wurde aber auch direkt bei den Behörden vorstellig.

Als im August 1942 das Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) keine jüdischen Flüchtlinge mehr aufnehmen wollte, intervenierte sie bei Eduard von Steiger, dem Departementsvorsteher. Zusammen mit Albert Oeri, dem Verleger der «Basler Nachrichten», legte sie dar, dass alle von den Gaskammern wüssten und die Presse das sicher gern in Verbindung mit der Schweizer Flüchtlingspolitik darlegen würde. Das zeitigte Wirkung; die Grenzen wurden teilweise wieder geöffnet: Bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs fanden rund 21 000 Flüchtlinge in unserem Land Asyl.

Michèle Binswanger

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Die Frauenrechtspionierin

Marie Goegg-Pouchoulin

1826–1899

Gut möglich, dass die Empörung über ihren ersten Gatten in Marie Goegg den emanzipatorischen Funken zündete. Der zweite hätte dann beinahe alles zunichte gemacht. 1826 in Genf als Tochter eines Uhrmachers geboren, heiratete sie als 19-Jährige einen Handelsreisenden, der nie da war, aber eine Pflegerin für seine Mutter brauchte. Marie fand sich allein in einem fremden Haus mit einer Schwiegermutter, aber ohne Mann wieder – und liess sich scheiden.

Sie zog zurück ins Haus der Eltern, in dem Flüchtlinge der 1848er Revolution verkehrten. Dort verliebte sie sich in Amand Goegg; sie folgte ihm 1851 nach London, wo Suffragetten durch die Strassen zogen. Als die Eheleute in die Schweiz zurückkehrten und Goegg Vizepräsident der «Internationalen Liga für Frieden und Freiheit» wurde, wollte Marie sich ebenfalls engagieren; Frauen waren in der Liga nicht zugelassen.

Sie gründete sie ihre eigene Organisation, die später zur «Vereinigung zur Verteidigung der Frauenrechte» wurde, und setzte durch, dass die Uni Genf 1872 auch Studentinnen akzeptierte. 1880 verschwand ihr Mann mit einem Teil ihres Vermögens, Marie Goegg Pouchoulin musste ihre Organisation auflösen. Doch andere Frauen machten nach ihrem Vorbild weiter.

Michèle Binswanger

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Die allererste Heilige

Wiborada

Gestorben 926

Wiboradas Jugend liegt im Dunkeln, irgendwo am Bodensee wuchs sie auf in einer alemannischen Adelsfamilie. Fromm soll sie schon als Kind gewesen sein, wie ihre Schwester, die als Kind zu Gott flehte, er möge sie zu sich holen; Gott erfüllte diesen Wunsch.

Wiborada – der Name ist aus dem althochdeutschen «Wiberat» latinisiert – folgte ihrem Bruder, dem Priester Hitto, nach St. Gallen. Dort wurde sie nach mehrjähriger Bewährungszeit Inklusin: Sie liess sich in eine Zelle bei der Kirche St. Mangen einmauern, die sie nicht mehr verliess. Ihre Tage bestanden aus Gebet und Versenkung. Auch Wunder soll sie gewirkt haben; den Teufel etwa, der sie beim Gebet stören wollte, verscheuchte sie mit dem Kreuzeszeichen.

926 fielen die Ungarn in der Ostschweiz ein. Sie wollten Wiboradas Klause in Brand stecken, doch das Feuer ging wieder aus. Darauf brachten sie Wiborada, die vor ihrem Altar betete, mit der Axt um. Die Tote freilich lebte und lebt weiter: An ihrem Grab erblühte einmal winters der Fenchel. Zwei Vitae, mittelalterliche Biografien, hat sie inspiriert. Und ein Kloster wurde nach ihr benannt. 1047 sprach Papst Clemens II. sie als erste Frau heilig. Wiborada gilt als Patronin der Bücherfreunde.

Thomas Widmer

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Die Gesundheitsförderin

Susanna Orelli-Rinderknecht

1845–1939

Man stelle sich die grossartigen Fernsehbilder vor: 1894 – in der Kaffeestube «Kleiner Marthahof» in Zürich drängt sich von 5.30 bis 22 Uhr bescheidenes Volk, weil die alkoholfreien Getränke und kalten Speisen hier wenig kosten.

Als die Geschäftsführerin unter der Arbeitslast zusammenbricht, springt Susanna Orelli-Rinderknecht ein. Mit 14 anderen Frauen hat sie eben den Zürcher Frauenverein (ZFV) für Mässigkeit und Volkswohl gegründet. Sie will, dass in «Hunderten, ja Tausenden von Gemeindestuben mütterliche Liebe und Sorge waltet». Sie soll «verschupften Brüdern der Landstrasse» zu Gute kommen.

Unter der Leitung von Orelli-Rinderknecht entstehen innert zehn Jahren zehn Gaststätten, von denen jede täglich bis zu 6000 Besucher anzieht. Sie verschafft dem weiblichen Personal fortschrittliche Arbeitsbedingungen und legt den Grundstein zu einem Gastro-Imperium, das heute unter dem Namen ZFV-Unternehmungen mit 2300 Mitarbeitenden mehr als 200 Millionen Franken Umsatz erzielt, schwergewichtig mit Kantinen.

Susanna Orelli-Rinderknecht erhält 1919 als erste Frau die medizinische Ehrendoktorwürde der Universität Zürich. 1945 wird sie als erste Frau auf einer Schweizer Briefmarke abgebildet.

René Staubli

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