Ich bin ein Jahr nicht geflogen – also mit einer Ausnahme

Für 2016 nahm ich mir vor, auf dem Boden zu bleiben. Ein Ausrutscher führte mich zur wichtigsten Erkenntnis.

«Wer nur einen Teil seiner Flüge streicht, hat einen ersten Schritt getan», sagt Christof Küffer.

«Wer nur einen Teil seiner Flüge streicht, hat einen ersten Schritt getan», sagt Christof Küffer. Bild: Darrin Zammit Lupi/Reuters

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Vor einem Jahr habe ich mir vorgenommen, nicht mehr zu fliegen. Aus guten Gründen: Sollen die in Paris formulierten Klimaziele erreicht werden, dann muss die Gesellschaft den CO2 in den nächsten Jahrzehnten auf null reduzieren. Ein ehrgeiziges Ziel. Die Wissenschaften können hier mit gutem Beispiel vorangehen und an sich selbst testen, wie ein Umbau unserer Institutionen hin zu einer klimafreundlichen Gesellschaft funktionieren kann.

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Ich liebe das Reisen, und ich ändere mein Leben ungern. Es wäre also praktisch, nun berichten zu können, dass es unmöglich sei, als Forscher aufs Fliegen zu verzichten. Dem ist aber nicht so. Wenig oder gar nicht zu fliegen, funktioniert durchaus – und ist manchmal sogar ein Gewinn. Einen Campari Soda geniessen kann man jedenfalls auch im Zug.

Surfen statt Abheben

Das Aufhören ergab sich auf ähnlich selbstverständliche Weise, wie ich einst mit dem Fliegen anfing. Oft reichen bereits pragmatische Massnahmen zur Flugvermeidung. Gut funktioniert etwa der Informationsaustausch über das Internet, insbesondere mit langjährigen Partnern. Ich habe online an Konferenzen teilgenommen oder interkontinentale Flugreisen durch Zugreisen in Europa ersetzt. Vorträge schaue ich mir öfters per Videocast an. Publikationen schreibe ich seit vielen Jahren mit Kolleginnen, die ich nie persönlich treffe.

Zugegeben, einmal bin ich geflogen. Auf die Azoren. Natürlich ist mein Stolz verletzt. Gerne würde ich heute mit weisser Weste dastehen. Doch gerade dieser Ausrutscher führt mich zur wichtigsten Erkenntnis meines Experiments: Das Vernünftige muss banaler Alltag werden. Das Klima retten wir nicht dank ein paar wenigen Gutmenschen, die gar nicht mehr fliegen.

«Kein Wissenschaftler kann es sich leisten, nichts zu ändern.»

Es ist wirksamer, wenn alle das Fliegen reduzieren. Wer nur einen Teil seiner Flüge streicht, hat einen ersten Schritt getan. Nichts zu ändern, kann sich ein Wissenschaftler hingegen nicht leisten. Glauben Sie mir, wir meinen es ernst mit dem Klimawandel.

Wer beim Nichtfliegen nur an Verzicht denkt, vergisst dessen Vorteile. Ich habe Zeit gewonnen. Ich habe Neues erlebt. Zum Beispiel konnte ich aus dem Zug die Energiewende in Deutschland beobachten. In Aachen bin ich an einem neuen Windpark vor der schwarzen Kulisse eines Kohlekraftwerks vorbeigefahren, in Bayern habe ich aus dem Zug Dörfer gesehen, deren Dächer mit Solarzellen gepflastert sind. Und ich habe zu einer Infrastruktur des Nichtfliegens beigetragen. Die Reise im Nachtzug an die Beiratssitzung in Lissabon war romantisch. Leider werden die Nachtzüge in Europa zusehends gestrichen.

Die Bodenhaftung nicht verlieren

Für meine Flugabstinenz war hilfreich, dass ich mich in meiner Forschung zunehmend auf konkrete, lokale Probleme in unserem Land fokussiere. Für mich ist das Nichtfliegen gerade deshalb interessant, weil es einen Ansporn bietet, meine Rolle als Wissenschaftler bei der Lösung von Umweltproblemen zu reflektieren. Man sollte seltener fliegen und sich dafür intensiver der Widerborstigkeit von realen Themen aussetzen; lieber öfters die eigenen Probleme anpacken als anderen deren Probleme erklären – auch wenn sich damit keine Lorbeeren holen lassen.

Ich werde auch im nächsten Jahr versuchen, am Boden zu bleiben. Für 2017 wünsche ich mir, dass es zu einem Jahr mit vielen Nichtfliegern wird. Ganz alleine bin ich mit diesem Anliegen übrigens nicht: Verschiedene Initiativen wollen den akademischen CO2-Fussabdruck durch weniger Fliegen senken. Auch die ETH hat soeben eine Mobilitätsplattform ins Leben gerufen, die sich insbesondere dem Dilemma der dienstlichen Flugreisen widmet.

Der Text ist auch im Zukunftsblog der ETH Zürich erschienen. Vor knapp einem Jahr hat Küffer seinen Versuch auf Tagesanzeiger.ch/Newsnet angekündigt.

Erstellt: 27.12.2016, 18:45 Uhr

Christoph Küffer ist Privatdozent am Institut für Integrative Biologie an der ETH Zürich und Professor für Siedlungsökologie an der Hochschule für Technik in Rapperswil.

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