Auf dem falschen Fuss erwischt

Eine aktuelle Studie zeigt, warum persönliche Fehltritte von Politikern tagelang die Schlagzeilen beherrschen.

Wegen privater Entgleisungen im medialen Fokus: Die beiden Walliser CVP-Politiker Christophe Darbellay (r.) und Yannick Buttet.

Wegen privater Entgleisungen im medialen Fokus: Die beiden Walliser CVP-Politiker Christophe Darbellay (r.) und Yannick Buttet. Bild: Salvatore Di Nolfi/Keystone

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Auf seinem Twitter-Profil bezeichnet sich Yannick Buttet als «père de famille heureux», glücklicher Familienvater. Erst dann folgt der Verweis auf seine politischen Ämter: CVP-Nationalrat und Gemeindepräsident von Collombey-Muraz VS; beide hat er vorübergehend niedergelegt, seit die Stalkingvorwürfe gegen ihn öffentlich wurden.

Buttets Parteikollege Christophe Darbellay inszenierte sich in seiner Zeit als Parteipräsident regelmässig in Homestorys mit Titeln wie «Zwischen Windel und CVP» oder «Jäger am Herd». Bundesrat Ignazio Cassis liess sich vor seiner Wahl zu Hause im Tessin auf seinem blau geblümten Sofa ablichten.

Politiker müssen sich zunehmend über ihre Persönlichkeit profilieren.

Viele Politiker geben Privates preis, um ihre Aussenwirkung zu steuern. Dank Facebook und Twitter ist das einfach wie nie zuvor: Am Morgen der Bundesratswahl, es war noch dunkel, joggte der Genfer Kandidat Pierre Maudet durch Bern, die FDP verbreitete das Bild über Twitter. Kein Wahlplakat, kein Journalistenporträt hätte die Botschaft – der dynamische, sportliche Maudet – besser vermitteln können. Die Medienschaffenden nahmen das Bild gerne in ihre Liveticker: Wir zeigen die Politiker, wie sie wirklich sind.

Eine eben abgeschlossene Nationalfonds-Studie hat die zunehmende Vermischung von Öffentlichkeit und Privatleben von Politikern untersucht. Sie bestätigt den Eindruck, dass deren private Fehltritte medial präsenter geworden sind. «Seit den 1960er-Jahren hat in den Medien eine deutliche Personalisierung stattgefunden», sagt Studienleiter Patrik Ettinger. Er ist Medienforscher am Forschungsinstitut Öffentlichkeit und Gesellschaft der Universität Zürich. Sein Team hat für die Studie rund 2800 Print- und Onlineartikel von 1962 bis 2016 untersucht.

Das Ergebnis: Politiker werden heute stärker über ihren Charakter definiert. Schrieben Journalisten früher über einen Nationalrat etwa, er vertrete eine liberale Politik, so charakterisierten sie ihn heute vermehrt über persönliche Eigenschaften – dass er ehrlich oder durchsetzungsfähig sei. «Parteipolitische Positionen verlieren an Bedeutung», sagt Ettinger, «Politiker müssen sich zunehmend über ihre Persönlichkeit profilieren.»

Hemmschwelle gesunken

Das bedeutet auch, dass Politiker stärker an dem gemessen werden, was sie nach Feierabend tun. Solange nicht strafrechtlich relevant, schaute man früher bei privaten Verfehlungen eher weg: Der Seitensprung von Christophe Darbellay und sein uneheliches Kind wären in der Ära der Parteipresse in den 1960er- und 1970er-Jahren nicht thematisiert worden, glaubt Medienforscher Ettinger: «Alle hätten geschwiegen.»

Heute muss sich Bundesrätin Simonetta Sommaruga erklären, wenn bekannt wird, dass sie und ihr Mann unter der Woche in getrennten Wohnungen leben. Treiber dieser Entwicklung sind laut Ettinger neben den sozialen Medien in erster Linie die Boulevard- und Pendlerzeitungen.

Nach dem Nacktselfie-Skandal um den damaligen Badener Stadtammann Geri Müller stellte Politikwissenschaftler Claude Longchamp im «Tages-Anzeiger» fest: «Offensichtlich sind Fragen nach dem Sexualleben von Politikern zum öffentlichen Thema geworden – so wie sie es in den USA schon lange sind.» Blicken wir also amerikanischen Verhältnissen entgegen, wo das Privatleben von Politikern öffentliches Allgemeingut ist?

Respekt vor Privatsphäre sei intakt

Die Nationalfonds-Studie von Ettinger kommt zu einem anderen Schluss: Zwar ist in den Medien die Hemmschwelle gesunken, einen Misstritt aufzugreifen und zu skandalisieren. Gab es früher nur den klassischen Politskandal – etwa die Mirage-Affäre in den Sechzigern –, hat sich der Radius zudem auf die Wirtschaftselite oder Prominente aus dem Showbusiness ausgeweitet. Einzelne Skandale kochen stärker hoch und bleiben deshalb eher in Erinnerung.

Doch der Respekt vor der Privatsphäre öffentlicher Personen sei nach wie vor intakt, sagt Ettinger: «Von einigen Ausnahmen – etwa dem Fall von Sommaruga – abgesehen, werden Politiker in der Schweiz vor allem in Bezug auf ihre öffentliche Rolle personalisiert und nicht auf ihr Familien- und Sexualleben oder Äusserlichkeiten wie Frisur oder Kleidung.» Im Gegensatz zu den USA bestehe in der Schweiz immer noch ein Konsens darüber, dass «es niemanden etwas angeht, wenn jemand eine aussereheliche Beziehung führt».

Öffentliche Bitte um Verzeihung

Und am Ende können sich Politiker die zunehmende Skandalisierung auch zunutze machen: Die öffentliche Abbitte, das «Sorry» vor versammelter Medienschar, ist zu einer eigenen Form der politischen Inszenierung geworden. Wie Geri Müller und Christophe Darbellay hat sich auch Yannick Buttet reumütig für seinen Fehltritt entschuldigt – mit welchem Erfolg, wird sich zeigen.

Erstellt: 10.12.2017, 23:01 Uhr

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